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Gemeinsam stark

"Hilfe für Andreas": Wie die Nutzer der App Jodel einem Obdachlosen ein neues Leben ermöglichten

Die App Jodel steht eigentlich für Flachwitze, studentische Insider und frechen Humor. Doch die Aktion "Hilfe für Andreas" zeigt: Dort kann richtig was bewegt werden. Eine Geschichte über Solidärität in einem anonymen sozialen Netzwerk.

Von Felix Kirsch

Zeichnung für die Aktion "Hilfe für Andreas"

Eine Jodlerin illustrierte die Aktion "Hilfe für Andreas"

Jodel. Ein Begriff, den die meisten wohl eher mit Südtiroler Gesangskultur verbinden würden als mit einer Smartphone-App. Tatsächlich ist die App Jodel seit einiger Zeit zum sozialen Netzwerk aufgestiegen und reiht sich neben Facebook, Instagram und Co. ein. Das Prinzip von Jodel ist simpel. Sieh, worüber Menschen in deiner Umgebung diskutieren und was sie beschäftigt, sprich mit und teile Fotos und Textnachrichten mit den Menschen aus deiner Stadt. Vollkommen anonym.

Vor allem bei Studenten beliebt, sind es meist lustige Sprüche und Flachwitze, die von anderen Usern upgevoted werden. Sie bestimmen selbst, worüber gesprochen werden soll. Doch manchmal werden mit den sozialen Netzwerken auch schöne und große Dinge erreicht. So schaffte das zum Beispiel Jodel-Nutzer Dennis Zepter, der sich zu Beginn diesen Jahres, mit einem Mann namens Andreas ein Patientenzimmer in einem Krankenhaus in Mainz teilte.

Andreas erzählte Dennis von seinem Schicksal. Von dem Sturz in die Obdachlosigkeit, davon, dass seine Frau ihn samt Kind verlassen hatte und er seinen Job verlor. Und von der Angst, nie wieder ein geregeltes Leben führen zu können. Dennis teilte die Geschichte seines Bettnachbarn auf Jodel mit den Menschen in Mainz und Umgebung. Er startete Anfang April dieses Jahres einen Aufruf und bat Jodel-Nutzer um Hilfe, Andreas eine zweite Chance zu ermöglichen. Was dann geschah, ist eine Geschichte von der grenzenlosen Solidarität einer Gemeinschaft, deren Mitglieder sich nicht nicht einmal kennen.

Solidarität via Internet: Jodel-Nutzer sammeln für Andreas

Andreas ist 40 Jahre alt und polnischer Staatsbürger. Vor einer Weile verlor er seine Arbeitsstelle und kurz darauf seine Wohnung. Damit begann für ihn Teufelskreis, den er wohl ohne Hilfe nicht hätte durchbrechen können. Um eine Wohnung zu beziehen, müsste er eine Arbeitsstelle und damit ein festes Einkommen nachweisen. Doch eine Anstellung bekommt er nur, wenn er einen festen Wohnsitz hat. Eine extrem prekäre Situation. Dazu kommt, dass er als polnischer Staatsbürger für höchstens zwei Wochen in einem Obdachlosenheim wohnen darf. Andreas wäre wohl früher oder später auf der Straße gelandet.

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Jeder kennt dieses Symbol: International steht es für Frieden. Aber was bedeutet es eigentlich genau? Die Antwort auf diese Frage und die Bedeutung von weiteren zu Ikonen gewordenen Symbolen siehst du in der Bilderstrecke.  

Jeder kennt dieses Symbol: International steht es für Frieden. Aber was bedeutet es eigentlich genau? Die Antwort auf diese Frage und die Bedeutung von weiteren zu Ikonen gewordenen Symbolen siehst du in der Bilderstrecke.  


Das Schicksal des 40-Jährigen bewegt Jodel-Nutzer Dennis. Er teilt Andreas' Geschichte auf der Plattform mit den Menschen aus seiner Umgebung und bittet um Unterstützung. Innerhalb kürzester Zeit folgen dem Post bereits 500 Menschen und nahezu jeder bietet  auf irgendeine Art und Weise seine Hilfe an oder hat Ideen, wie die Gemeinschaft Andreas helfen könnte. Eine Nutzerin schlägt etwa vor, Andreas regelmäßig zu sich zu nehmen, sodass er duschen, seine Wäsche waschen und sich umziehen kann. Manche Jodler offerieren Kleidung und Essen.

Direkt oder über Umwege treffen die ersten Spenden für Andreas ein. Nach kurzer Zeit wird eine Spendenseite eingerichtet, auf der die Jodler Geld sammeln, um Andreas wieder auf die Beine zu helfen. Nach drei Tagen hat die Gemeinschaft bereits 600 Euro und einige Sachspenden zusammen. Längst ist der Jodel kein lokales Phänomen mehr, die Geschichte von Andreas wird deutschlandweit in der App bekannt und schlägt Wellen. Der SWR berichtet über den Fall.

Happy End für Andreas: So startete der 40-Jährige in sein neues Leben

Bis dahin wusste Andreas nur, dass Jodel-User Dennis seine Geschichte im Internet veröffentlicht hatte. Das Ausmaß der Solidarität, das aus dem Aufruf hervorging, war noch nicht zu erahnen. Nach etwa zwei Wochen folgen dem Post über 900 Menschen.

Inzwischen waren mehr als 7000 Euro von den Nutzern der App auf Andreas' Spendenkonto eingegangen. Von dem gesammelten Geld haben die Jodler zusammen mit Andreas eine Grundlage für sein Leben geschaffen: Meldeadresse, Sozialversicherung, Krankenversicherung. Zwar musste Andreas die zwei Wochen nach dem Krankenhausaufenthalt trotzdem auf der Straße verbringen, doch hatte ein Jodel-Nutzer ihm immerhin einen 450-Euro-Job in einem landwirtschaftlichen Betrieb vermittelt. Die entsprechende Arbeitskleidung wurde ebenfalls von einem Jodler bereitgestellt.

Ein erster großer Schritt. Parallel war Initiator Dennis mit Andreas auf Wohnungssuche, Besichtigungen wurden absolviert. Und sieh an. Nachdem Andreas die ersten zwei Wochen nach dem Spendenaufruf noch auf der Straße hatte übernachten müssen, bekam er Anfang Mai die Schlüssel zu seiner neuen Wohnung überreicht. Eine wahnsinnige Entwicklung. Die Hilfsbereitschaft ebbte aber nicht ab. Weiterhin boten zahlreiche Jodler ihre Hilfe an und so fanden sich auch Menschen, die zusammen mit Andreas seine neue Bleibe renovierten und einrichteten.

"Ich hätte nie gedacht, dass es unter Menschen so eine Gemeinschaft geben kann"

Initiator Dennis war stets mit dabei und begleitete den ehemaligen Obdachlosen in sein neues Leben. Von der Welle der Solidarität ist er begeistert und hätte sich nicht vorstellen können, auf so viel Hilfsbereitschaft zu stoßen. "Ein richtig fettes Danke an alle Jodler! Ich hätte nie gedacht, dass es unter Menschen so eine Gemeinschaft geben kann. Ich bin wirklich richtig, richtig dankbar!”, schrieb er dem Blog von Jodel.

Jodel hielt die User und Follower auf Facebook stets über die Entwicklungen in Andreas’ Leben informiert. Primäres Ziel war es zunächst, dem Mann eine Grundversorgung zu ermöglichen. Die Miete wurde im Voraus bezahlt, Kleidung und Wohnungseinrichtung besorgt. Ein weiteres großes Anliegen bestand darin, Andreas neue Zähne zu finanzieren. Durch die Verwahrlosung in der Obdachlosigkeit besaß der Pole ein kaum noch funktionierendes Gebiss. Eine Zahntechnik-Firma meldete sich unter einem Facebook-Post und erklärte sich bereit, Andreas ein Gebiss anzufertigen. Auch ein Zahnarzt fand sich, der dem 40-Jährigen die neuen Zähne gratis einsetzte.

Unsere Generation ist nicht egoistisch!

Zwischen den schlechten Nachrichten aus aller Welt geht oftmals unter, zu welcher Hilfsbereitschaft, Empathie und Solidarität unsere Gesellschaft fähig sein kann. Wie sich dadurch auch persönliche Schicksalsschläge meistern lassen. Und das über soziale Medien, deren Bedeutung oftmals auf Vermarktung, Likes und Reichweite reduziert wird. Die Aktion "Hilfe für Andreas" zeigt, zu welchen Dingen soziale Netzwerke fähig sind, wenn man ihre Macht richtig anwendet. 

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