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"Der schönste Lohn": Weltreise ist so 2016 - was nach der Schule wirklich Bock bringt

Nach der Schule steht man da und fragt sich: "Und nun?" Wehrpflicht und Zivildienst gibt es nicht mehr. Weltreisen wäre eine Möglichkeit, doch immer mehr entscheiden sich für freiwillige soziale Arbeit. Warum?

Von Ann-Christin Baßin

Helena hat sich für den Bundesfreiwilligendienst entschieden.

Was tun nach dem Ende der Schule und dem Start von Uni oder Ausbildung? Helena hat sich für den Bundesfreiwilligendienst entschieden.

Einer weint immer. An diesem Morgen ist es wirklich anstrengend in der Kita "Mobi", der Stiftung Kindergärten Finkenau. Da braucht man Nerven wie Drahtseile. Helena Schlemmer aus Bayern hat sie glücklicherweise. Zurzeit absolviert sie ihren Bundesfreiwilligendienst (BFD) in Hamburg. Bis Weihnachten ist Helena noch in der Kita, trocknet Tränen, spielt und singt mit den Ein- bis Dreijährigen.

Ein richtiger Trend ist er vielleicht noch nicht, der BFD, aber immerhin entscheiden sich sechs Prozent zwischen dem Ende der Schule und der Uni oder Ausbildung für die Arbeit in sozialen Projekten. Da muss sich die Bundeswehr mit gerade einmal zwei Prozent in der Beliebtheitsskala ranhalten.

Vom bayrischen Dorf zu den Fischköpfen

Helena stammt aus einem kleinen Dorf bei Erlangen und wusste nach dem Schulabschluss nicht so recht, was sie machen sollte. Da kam ihr Freund, der später Medizin studieren möchte, auf die Idee mit dem Freiwilligendienst. Er bewarb sich am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf und Helena zeitgleich beim Elsa Brändström Haus in Hamburg-Rissen, das unter anderem verschiedene Einsatzplätze in der Kinder- und Jugendhilfe anbietet. Beide wurden genommen und packen ihre Koffer.

"Manche Kinder werden schon morgens um 8 gebracht und erst um 18 Uhr wieder abgeholt", sagt Helena, die einmal Grundschullehrerin werden möchte. "Ich verbringe also mehr Zeit mit ihnen als ihre Eltern, bin eine wichtige Bezugsperson. Das bedeutet, ich trage auch viel Verantwortung, da die Kleinen in den ersten drei Lebensjahren sehr lernwillig sind." Helena bringt den Dreikäsehochs unter anderem bei, sich allein an- und auszuziehen und selbstständig auf die Toilette zu gehen.

"Natürlich ist das manchmal ziemlich nervig, ich brauche dafür viel Geduld. Aber wenn ich dann sehe, wie sich die Kinder freuen, dass sie etwas allein hinkriegen, ist das der schönste Lohn. Der Freiwilligendienst ist die beste Möglichkeit, einen Eindruck ins spätere Berufsleben zu bekommen", sagt die Bayerin.

Was ist das Freiwillige Soziale Jahr und das der Bundesfreiwilligendienst?

Wer gerade aus der Schule raus ist, dem bieten sich zwei Möglichkeiten in der sozialen Arbeit: das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) oder der Bundesfreiwilligendienst (BFD). Die Dienste unterliegen verschiedenen Förderbedingungen, unterscheiden sich aber für die Freiwilligen nicht in der Durchführung. Wer seine Schulpflicht erfüllt hat und unter 27 Jahre alt ist, kann hier für die Dauer von sechs bis 18 Monaten (in der Regel sind es zwölf Monate) in einer Kita, im Krankenhaus, bei der Behindertenhilfe oder in der Seniorenbetreuung tätig werden. Freiwilligendienste sind arbeitsmarktneutral, das heißt, Freiwillige unterstützen hauptamtliche Fachkräfte, aber ersetzen sie nicht. Sie schaffen Lebensqualität für Hilfebedürftige und sammeln dabei neue Erfahrungen. Zusätzlich gibt es während des gesamten Dienstes eine pädagogische Begleitung und 25 Seminartage zur Weiterbildung.

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"Während der Seminartage habe ich einen Mega-Einblick in andere soziale Einrichtungen bekommen", berichtet Helena. "Wir haben zum Beispiel Rollstuhlfahren geübt oder ausprobiert, wie es ist, wenn man blind ist. Manche lernen auch die Gebärdensprache. Da waren plötzlich lauter Leute, die wie ich im sozialen Bereich tätig sind. Wir konnten uns echt gut austauschen, haben viel unternommen, Der Höhepunkt war unsere Abschlussfahrt nach Pepelow an der Mecklenburger Bucht zum Surfen."

Im Jahr 2015 waren über 37.000 Freiwillige im Einsatz. 2016 entschieden sich gut 41.000 für den Freiwilligendienst. Aktuell steigen die Zahlen, weil durch den doppelten Abi-Jahrgang die Universitäten überfüllt sind. Viele junge Leute möchten die Zeit bis zum Studium oder Ausbildungsbeginn sinnvoll überbrücken. Das Bundesfamilienministerium hat noch eine anderen Grund ausgemacht: Viele brauchen einfach kurz nach der Schule noch Zeit, um sich selbst zu orientieren. 

Ein Freiwilligendienst bringt viele neue Kontakte, man erwirbt neue Kompetenzen, lernt viel über sich selbst und er bedeutet manchmal auch eine echte Berufsperspektive. Zudem schafft er gute Chancen auf einen Arbeitsplatz, denn Betriebe schätzen es, wenn man sich sozial engagiert. Und ein Bildungs- und Orientierungsjahr wird für bestimmte Ausbildungen als Vorpraktikum anerkannt.

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Und wie sieht es mit der Bezahlung aus?

"Wir bekommen eine kostenlose Fahrkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel sowie Taschen- und Verpflegungsgeld. Konkret erhalte ich knapp 400 Euro im Monat", erklärt Helena. "Das ist nicht viel, daher unterstützen mich meine Eltern finanziell." Und ergänzt: "Bevor ich hier angefangen habe, war ich eher schüchtern und nicht gerade die, die auf die Kinder zugegangen ist. Jetzt habe ich gemerkt, wie ich Kontakt zu den Kleinen bekomme und sie für mich begeistern kann. Sie kommen jetzt von ganz allein auf mich zu – auch Mädchen und Jungen aus anderen Gruppen", erzählt sie strahlend. "Die Kinder geben mir wahnsinnig viel Bestätigung. Ich bin viel selbstbewusster geworden. Dieses Jahr war ein extremer Sprung für mich persönlich: Erst bin ich von zu Hause ausgezogen, dann kam diese Aufgabe hier. Das ist schon Wahnsinn."