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Gemeinsam stark

Gaming: Wegen seiner Krankheit mobbten ihn andere Gamer - heute ist er ein Star der Szene

Adam Bahriz ist schwer entstellt durch einen Gendefekt, jetzt bekommt der 17-Jährige ein neues Gesicht. Eine Geschichte über Solidarität in der Gaming-Szene.

Ann-Christin Baßin

Der Gamer Adam Bahriz Loop in seinem Lieblingsgame Counterstrike

Er ist fast blind, Nase und Mund sind deformiert und ihm fehlen Zähne, was das Sprechen schwer macht. Aber Adam Bahriz’ ganze Leidenschaft gilt dem Online-Shooter "Counter Strike: Global Offensive". Dass ausgerechnet dieses Spiel sein Leben völlig verändern würde, hätte er nie gedacht.

Adam Bahriz sitzt mit dem Gesicht ganz nah am Bildschirm, denn er ist fast blind und ihm fehlt die Nase. Der schwer behinderte Gamer leidet an der seltenen Krankheit "Hereditäre sensorische und autonome Neuropathien", kurz HASN. Vor jedem Spiel informiert er seine Teamkollegen über seinen Zustand und bittet: "Seid nett!" Normalerweise sind sie das auch – nicht jedoch am 17. April 2017. Adam, oder "Loop", wie er sich im Netz nennt, ist ein sehr guter Spieler, aber weil er nuschelt, wird er an diesem Tag gemobbt, gedemütigt und schließlich aus dem Team gekickt. Die anderen halten ihn für einen Troll und fühlen sich von ihm gestört. 

Binnen Minuten stehen ihm Tausende bei

Loop, der schon vorher sichtlich mit der Situation kämpfte, bricht daraufhin in Tränen aus. Alles vor laufender Kamera, denn als "Streamer" überträgt er seine Matches live ins Netz. So kriegen seine 14 Zuschauer alles hautnah mit und sind entsetzt.  Ein User postet die Gemeinheit – und kurz darauf, beim nächsten Spiel, sehen dem 17-jährigen Teenager aus Kalifornien bereits mehrere Tausend Menschen zu.

"Das war ein tolles Gefühl, fast unwirklich", erinnert sich Adam, noch immer überwältigt von so viel Anteilnahme und Solidarität. "Vorher hatte ich nur wenige Zuschauer, jetzt waren es plötzlich fünftausend!" Und damit nicht genug: Die Community spendet so viel Geld, dass es ihm schon unangenehm ist. Er bittet sie, aufzuhören. Dazu muss man wissen, dass Streamer in den USA oft ein Trinkgeld erhalten, um sich besseres Equipment kaufen zu können. Loops Zuschauer spendeten über 10.000 Dollar, damit er sich eine plastische Operation leisten kann!

Ein Tag, der das Leben veränderte

"An nur einem einzigen Tag hat sich mein Leben komplett verändert", sagt Adam. "Ich hab’ geschrien vor Glück. Wahnsinn, wo die Gamer-Szene doch sonst ein eher negatives Image hat!" Am 24. November, seinem 18. Geburtstag, wird er einen Termin für die OP machen und das genaue Vorgehen mit den Ärzten besprechen. "Wenn ich volljährig bin, habe ich einfach mehr Entscheidungsfreiheit. Vorher ist noch ein Urlaub in Algerien, dem Heimatland seiner Eltern, geplant. "Eigentlich wollte ich mit ihnen schon in diesem Sommer hinreisen", berichtet Loop. "Aber es ist daran gescheitert, dass mein Pass abgelaufen war. Jetzt verbinden wir es mit einem Trip nach London zu den eSport industry awards." 

Am 13. November treffen sich in der britischen Hauptstadt nämlich Gamer aus aller Welt, um sich auszutauschen und die neuesten Spiele zu testen. Denn neben seinem Studium (Englisch und Mathematik) möchte Adam weiter als Streamer aktiv sein. Schließlich wurde er jetzt zum Star der Szene. 

100.000 YouTube-Abonennten

Viele eSport-Profis erklärten sich mit ihm solidarisch. Einer loggte sich sogar direkt in eine Partie ein und kämpfte mit Adam Seite an Seite. Und es kommt noch besser: Das erfolgreiche Team EnVyUS bot Loop einen Vertrag als Streamer und Repräsentant an. Aktuell verfolgen durchschnittlich 150 bis 200 Gamer seine Spiele. Bei youtube hat der Teenager sogar über 100.000 Abonnenten. 

Viele Interviewanfragen erreichten ihn. "Ich habe mit Reportern von Neon, eSports Weekly, Circa und Kotaku gesprochen", sagt Adam. "Ich bin dankbar für diese Öffentlichkeit. Denn so kann ich dafür sorgen, dass meine Krankheit bekannter wird und die Leute mehr Verständnis haben." 

Adam will etwas zurückgeben

Adam nutzt seine Popularität auch, um seinerseits anderen zu helfen. Ihn erreichen viele Twitter Nachrichten von anderen Mobbing-Opfern, Kranken oder Menschen, die psychische Probleme haben. Dann versucht er, ihnen so gut es geht, online zu helfen. Viele wollen auch nur ein paar Tipps fürs Spiel. 

Von dem Geld, das Loop im Netz verdient, möchte er eine Stiftung einrichten."Am liebsten eine, die medizinische Unterstützung anbietet. Aber da muss ich mir noch genauere Gedanken machen." Übrigens: Seit er so bekannt ist, hat es kaum noch Diskriminierungen gegeben. Adams Mobber wurde damals für drei Tage vom Spiel ausgeschlossen. Hoffentlich hat’s geholfen!

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