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Gemeinsam stark

Integration: Wieso zwei Rentner plötzlich elf Flüchtlinge im Haus hatten

Ali war 14, als er aus Syrien floh - allein - bis nach Deutschland. Hier kümmern sich Renate und Willy Hoppe um die Integration. Nie hätte Ali gedacht, dass er in Norddeutschland eine neue Familie, neue Brüder und so etwas wie Zukunft finden würde.

Von Ann-Christin Baßin

Renate Hoppe (63, M.) mit zehn ihrer elf Schützlinge, v.l.n.r. vorne:  Youssef (37), Shiar (21), Zead (19), hinten: Abdulla (21), Mohammad (21), Shivan (18), Ali (16), Dilwar (21), Hamed (23) und Nouhad (17)

Renate Hoppe (63, M.) mit zehn ihrer elf Schützlinge, v.l.n.r. vorne:  Youssef (37), Shiar (21), Zead (19), hinten: Abdulla (21), Mohammad (21), Shivan (18), Ali (16), Dilwar (21), Hamed (23) und Nouhad (17)

Glückstadt in Schleswig-Holstein, berühmt für seinen Matjes und seine historische Innenstadt mit typisch hanseatischen Gebäuden. Norddeutscher geht es kaum. Am Ende einer Sackgasse steht ein Einfamilienhaus. Es ist das Haus von Renate und Willy Hoppe. Die beiden sind Rentner und noch einmal Eltern geworden. Sie haben zehn Adoptivsöhne auf einen Schlag bekommen, sozusagen.

An seine Flucht vor knapp zwei Jahren kann sich der 16-jährige Ali noch gut erinnern. Hals über Kopf musste er seine Heimat Syrien verlassen. "Mein Vater hat sein Auto verkauft, damit ich mit meinem Bruder Mohammad und meinem Onkel Youssef fliehen konnte."

Wenn Kinder durch die Hölle gehen müssen

Ali kommt aus dem Kreis Al-Hasaka. Die Stadt heißt Qamishli. Den Grund seiner überstürzten Flucht möchte er nicht genauer nennen, weil er damit seine Eltern und die jüngeren Geschwister in Gefahr bringen würde. Renate Hoppe, seine "neue Mutter", hilft aus: "Ich kann nur soviel sagen, dass ich völlig geschockt war, als ich seine Geschichte hörte. Ali war zu dem Zeitpunkt erst vierzehn Jahre alt, also noch ein Kind! Welche unendlichen Qualen müssen er und seine gesamte, verlorene Generation, ertragen?"

Das Trio nahm 2015 die übliche Route über die Türkei, das Mittelmeer, Griechenland und kam über Österreich nach Schleswig-Holstein. "Damals waren wir froh, endlich in Sicherheit zu sein", erinnert sich Ali. "Aber gleichzeitig war alles furchtbar fremd. Wir kannten niemanden, sprachen kein Deutsch und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Und dann lernten wir in unserem Container-Dorf Renate kennen. Das war ein großes Glück."

Vielleicht ein Glück auf Gegenseitigkeit. Renate Hoppe war nach einer Krebserkrankung in Frührente gegangen, sie wollte jedoch nicht einfach nur rumsitzen, sondern etwas anpacken. Etwas, bei dem sie sich einbringen konnte und vielleicht sogar ein kleines Glücksgefühl zurückbekommen würde.

"Ein bisschen unsere Mutter" - so geht Integration

Als die sogenannte Flüchtlingskrise Ende 2015 ihren Höhepunkt erreichte, ging sie sie ins Glückstädter Rathaus und bot ihre Hilfe an. Nie hätte sie geahnt, was daraus folgen würde. Mittlerweile betreut die ehemalige Bankangestellte zehn syrische Jungs zwischen 16 und 23 Jahren sowie Youssef, den Onkel von Ali, der bereits 37 Jahre alt ist. Bis auf einen sind alle jungen Männer ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen.

Ali über den Unterlagen mit Renate Hoppe, die sein Vormund ist

Ali über den Unterlagen mit Renate Hoppe, die sein Vormund ist

"Renate ist ein bisschen unsere Mutter", sagt Ali, für den sie die Vormundschaft übernommen hat. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Dirk Mooren steht sie bis heute fast jeden Tag als Ansprechpartnerin bereit. Sie besucht Elternabende, hilft bei Behördengängen und erledigt die Formalitäten für "ihre Jungs". Sie zeigte ihren Schützlingen, wo sie einkaufen gehen können, wo es WLAN gibt und meldete sie auch für Sprachkurse bei der Volkshochschule an.

Ihr "neuer Sohn" Ali erfährt Solidarität von einer Seite, die er nie für möglich gehalten hätte. "Renate bringt uns bei, was Demokratie bedeutet, erklärt uns das Grundgesetz", sagt Ali. "Vor allem Respekt vor Frauen ist ihr sehr wichtig, und dass jeder von uns etwas Vernünftiges lernt."

Hier wird nicht gegammelt - klare Kante, klare Regeln

Klare Kante und klare Regeln sind der resoluten Frau Hoppe wichtig. "Hier gammelt keiner rum, alle sind untergebracht!", sagt sie stolz. "Sei es in Schule, Lehre oder Praktikum, und alle lernen Deutsch." Ihre Zöglinge profitieren von den guten Verbindungen ihrer "Mutter" in der Stadt. Glückstadt hat nur gut 25.000 Einwohner, man kennt sich.

Was die Jungs sich wünschen, ist Kontakt zu einheimischen Jugendlichen. Das hat bislang noch nicht geklappt, obwohl sie regelmäßig Sport treiben: vor allem Fußball. Syrien ist mindestens so fußballverrückt wie Deutschland und die deutsche Nationalelf hat in dem von Krieg gebeutelten Land Kultstatus.


"Renate bringt uns viel bei, aber sie sorgt auch für Spaß und Abwechslung", lobt Ali. Alle haben eine Karte fürs Schwimmbad." Außerdem organisiert sie Ausflüge in Vergnügungsparks oder eine Schifffahrt auf der Elbe. Vor dem Schiff hatte Renate Hope zunächst Angst. Einige ihrer neuen Kinder können nicht schwimmen und sie war sich nicht sicher, ob nicht doch bei dem einen oder anderen böse Erinnerungen an die Flucht über das Mittelmeer hochkommen könnten.

Heimweh? Und wie!

Natürlich haben die Jungs Heimweh und vermissen ihre Familien. Und das Essen. Vor allem Kotlkat. Das ist eine Art Falafel bestehend aus einem kleinen Kloß aus Bulgur, Zwiebeln und Hackfleisch in einem Teigmantel. Ein weiteres Gericht ist Mahashi, ähnlich wie unsere gefüllten Paprika. Aber deutsche Bratkartoffeln sind fast ebenbürtig, finden alle! Was ist sonst noch anders? "Käse wird bei uns in Syrien stets selbst gemacht", erklärt Shiar (21). "Hier kauft man ihn im Supermarkt. Das ist für uns komisch! Auch das kalte, feuchte norddeutsche Wetter ist gewöhnungsbedürftig."

Beim Drachenbootrennen in Glückstadt wurden die Syrer zwar nicht Erste, aber heimsten  einen Preis für die beste Präsentation ein.

Beim Drachenbootrennen in Glückstadt wurden die Syrer zwar nicht Erste, aber heimsten  einen Preis für die beste Präsentation ein.

Der Höhepunkt im Sommer war ein Drachenbootrennen, zum Glück bei gutem Wetter. Gewonnen haben die syrischen Jungs zwar nicht, doch sie waren wohl die lustigste Truppe: Shiar hatte mit ihnen eine Tanzperformance einstudiert, die einen Pokal für die beste Präsentation gewann.

Die attraktiven Brüder Ali und Mohammed hatten kürzlich sogar Model-Jobs für eine Charity-Modenschau in Hamburg. Auch in diesem Jahr wieder steht bald wieder Schlittschuhlaufen in der nahegelegenen Eishalle auf dem Programm. Das kannten die Jungs vorher nicht. So denkt sich Renate Hoppe immer etwas Neues aus, damit das Heimweh nicht zu groß wird.

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