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Gemeinsam stark

Helfen macht (manchmal) glücklich: Wie wir uns im Netz solidarisch zeigen, um unser Image zu pflegen

Eingefärbte Profilbilder, Schleifchen, millionenfach geteilte Hilfeaufrufe: manchmal rauschen Riesenwellen der Solidarität durch Netz – und ebben auch schnell wieder ab. Wie wir digital beim Thema Solidarität ticken.

Von Ann-Christin Bassin

Auch eine Art seine Beliebtheit über den Tod hinaus zu dokumentieren: Likes auf dem Grabstein. Wer hilft, der ist beliebt.  Doch keine Sorge, das ist ein Kunstwerk und der Name John Doe ist in den USA die übliche Bezeichnung für nicht identifizierte Personen.

Auch eine Art seine Beliebtheit über den Tod hinaus zu dokumentieren: Likes auf dem Grabstein. Wer hilft, der ist beliebt.  Doch keine Sorge, das ist ein Kunstwerk und der Name John Doe ist in den USA die übliche Bezeichnung für nicht identifizierte Personen.

Ein Passant fragt einen Obdachlosen in einer Fußgängerzone, ob er mal dessen Plastikeimer haben dürfte. Verdattert überreicht der Mann den Eimer. Der junge Typ setzt sich auf den Boden und beginnt auf dem Eimer zu trommeln. Nach ein paar Sekunden gesellt sich ein Gitarrist dazu, dann eine Sängerin. Die Leute bleiben stehen, sind begeistert von der guten Musik, werfen Geld in den Eimer. Nach dem Song gibt der Passant den mit Geld gefüllten Platiktopf zurück: "Vielen Dank für deinen Eimer, hier hast du ihn wieder". Der Obdachlose, weiß nicht was er sagen soll, er kommt auch nicht dazu: So schnell, wie die Band aus der Menge aufgetaucht ist, verschwindet sie auch wieder. Der Film über diese Begegnung wurde auf YouTube 23 Millionen Mal geteilt. Die hunderte Kommentare ließen sich unter der Überschrift "Mein Glaube an die Menschlichkeit ist wieder hergestellt" ganz gut zusammenfassen. Wie aus dem Nichts entstehen im Netz manchmal solche Riesenwellen von Solidarität. So auch beim Massaker in der Redaktion von Charlie Hebdo oder dem im Club Bataclan. Millionen Menschen färbten über Nacht ihre Facebook-Profilbilder in die Farben der französischen Tricolore und solidarisierten sich so mit den Franzosen und den Opfern der Anschläge. Wie kommt das? Und warum funktioniert diese Art von Solidarität nicht öfter?

Das Rezept für Viralität

"Solidarität im Netz ist schwer zu prognostizieren oder gar zu planen", sagt Social-Media-Experte Felix Beilharz. Das Timing müsse stimmen, ob nun geplant oder durch Zufall. Solidaritätswellen fielen schnell in sich zusammen, wenn zeitgleich zu dem Thema ein anderes Thema aufkommt, dass das erste medial oder emotional überlagert. Meistens würden solche Bewegungen entstehen, wenn frühzeitig Multiplikatoren wie bekannte Blogger oder Prominente das Thema teilen "Da diese Personen hohes Vertrauen genießen, übernehmen deren Abonnenten dann schnell diese Inhalte. Ist eine gewisse Grundmenge erreicht, geht die virale Welle oft richtig ab. Denn kaum jemand will der erste sein, der etwas teilt – wenn ich einen Inhalt aber bereits mehrfach in meinem Newsfeed sehe, fühle ich mich darin bestätigt, ihn ebenfalls zu verbreiten. Das Risiko, damit falsch zu liegen, wurde mir ja bereits abgenommen", erklärt Beilharz. 

Buttons, Badges, Anstecknadeln: Jeder kennt es - dafür steht das Peace-Symbol wirklich
Jeder kennt dieses Symbol: International steht es für Frieden. Aber was bedeutet es eigentlich genau? Die Antwort auf diese Frage und die Bedeutung von weiteren zu Ikonen gewordenen Symbolen siehst du in der Bilderstrecke.  

Jeder kennt dieses Symbol: International steht es für Frieden. Aber was bedeutet es eigentlich genau? Die Antwort auf diese Frage und die Bedeutung von weiteren zu Ikonen gewordenen Symbolen siehst du in der Bilderstrecke.  

Doch Hand aufs Herz: Wer teilt denn Inhalte immer völlig uneigennützig? Wer will denn nicht mal bei Freunden positiv dastehen? Wer "social-medial" Solidarität übt, zeigt sich als herzensgut, mitfühlend und engagiert, Attribute, mit denen sich viele Menschen gern assoziieren. Das ist nicht verwerflich, es ist menschlich. Denn auf Themen wie Mitgefühl, Trauer, Sehnsucht oder Heimweh springen die meisten von uns sehr emotional an.

Die Psychologie hat hinlänglich erforscht, wie genau diese Emotionen ausschlaggebend für die Viralität im Netz ist, egal ob es um freudige Themen geht oder eben um traurige. Wenn uns etwas tief bewegt und wir wissen, dass sich offenbar auch andere davon berührt fühlen, kann das ein starker Impuls zur Anteilnahme sein und damit eine richtige Welle der Solidarität im Netz auslösen. Wie eine Kaskade.

Günstig und Wirkungsvoll - Solidarität im Netz

Zudem sind Hashtags und Flaggen-Profilbilder die leichteste Form von Solidarität, meint der Soziologe Ulf Tranow. Wenig aufwändig aber wirkungsvoll. Denn die Solidarität im Netz etwa nach den Anschlägen in Frankreich habe die eigene Wut und Angst in ein Gefühl der Sicherheit umgewandelt. Der Sicherheit einer Gemeinschaft mit gleichen Werten anzugehören. Das funktioniert auch über die Grenzen von Staaten hinweg. Solidarität überwindet Sprachen und Religionen, sie schafft Vertrauen.

Erst die sozialen Medien haben diese Solidaritätswellen überhaupt sichtbar gemacht. Jeder kann heute schließlich jeden Inhalt mit ein paar Klicks öffentlich sichtbar verbreiten. Früher ging das allenfalls durch E-Mails in einem beschränkten Wirkungskreis. Und vor der E-Mail haben sich solche Themen im persönlichen Gespräch verbreitet, was ebenfalls funktioniert, aber sehr viel länger dauert. Heute kann so etwas in wenigen Stunden Millionen von Menschen erreichen.

Auf die reale Welt lässt sich diese Hilfsbereitschaft indes nur bedingt übertragen. Viele schauen weg, nur wenige schreiten ein, wenn ein anderer etwa in der S-Bahn belästigt wird. Der eine spendet Geld, ein anderer opfert seine Freizeit, ein Dritter macht das Helfen zum Beruf. Aber viele machen nichts davon.

Hilfsbereitschaft biochemisch erklärt

Dabei zeigen verschiedene Forschungen, dass Hilfsbereitschaft auch in unseren Genen liegt. Achtung, jetzt wird es biochemisch: Menschen, die mehr ehrliches Interesse und Mitgefühl zeigen, haben einen erhöhten Oxytocin-Spiegel. Aktivitäten zum Wohl anderer sprechen dieselben Hirnareale an, die auch bei freudvollen Tätigkeiten wie Sex und Essen reagieren. Verantwortlich dafür ist das Gen COMT-Val in unserer DNA. Es enthält den Bauplan für ein Enzym, das den Botenstoff Dopamin im Hirn aktiviert. Von diesem Neurotransmitter vermuten Forscher schon seit längerem, dass er in enger Verbindung mit unserem Sozialverhalten steht.

Ein internationales Forscherteam fand heraus, dass Hilfsbereitschaft sogar das Leben verlängern kann – und zwar um mindestens drei Jahre. Warum? Vermutlich, weil das Engagement und soziale Kontakte gut für die Psyche sind – und das wiederum wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus.

Helfen macht glücklich. Punkt.

Helfen macht glücklich und steigert unser Selbstwertgefühl. Indem wir für andere aktiv werden, machen wir die Erfahrung, dass wir etwas bewegen können, wichtig und wertvoll sind. Ob bei der großen Flutkatastrophe, bei der Tafel oder im Umgang mit Flüchtlingen: Ist die Not präsent und greifbar, aktiviert das manchen, der bislang passiv war. Und weil der Mensch ein Herdentier ist, schwappt die Welle weiter. Wir orientieren uns an Freunden und Bekannten. Wenn die sich plötzlich engagieren, sind wir auch bereit, es zu tun. Der Lohn dafür: Wir spüren wieder die Verbundenheit mit anderen Menschen. Und das fühlt sich richtig gut an.

Zwei Finger in einem Gummihandschuh spannen ein Stück Haut, während eine Tätowiernadel die Konturen einer Biene sticht.