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23 Millionen Klicks Ein rührendes Video über einen Obdachlosen machte sie bekannt - doch es war nur ein Fake

Die drei (Andy, Peter, Lukas) sind das Projekt "Be Japy".  Der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Gründer zusammen: Julian, Andreas, Peter und Yannik . Zugleich ist es eine Anspielung auf den Ausdruck "be happy", zu Deutsch "sei glücklich".  
Die drei (Andy, Peter, Lukas) sind das Projekt "Be Japy".  Der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Gründer zusammen: Julian, Andreas, Peter und Yannik . Zugleich ist es eine Anspielung auf den Ausdruck "be happy", zu Deutsch "sei glücklich".  
© Be Japy e.V.
Da hat man eine super virale Video-Idee, um Obdachlosen zu helfen. Die sozialen Medien jubeln den Clip hoch. Es folgt der Absturz, weil es ein Fake war.  Hat weh getan, sagen die Jungs von "Be Japy". Ihre Tipps für Weltverbesserer mit guten Ideen aber ohne Plan.
Von Ann-Christin Baßin

Ein Obdachloser sitzt in der Fußgängerzone, die Leute hasten vorbei, niemand nimmt Notiz von ihm. Da tauchen plötzlich drei Studenten auf, setzen sich zu ihm und machen Musik. Immer mehr Passanten bleiben stehen, hören zu und werfen Geld in den Hut. Mit diesem Video hat für den Verein "Be Japy" im Oktober 2014 alles angefangen. Der Internet-Clip geht in den sozialen Netzwerken durch die Decke: über 23 Millionen Mal wurde er allein auf Youtube angeklickt. Die Initiatoren landen damit sogar im amerikanischen Fernsehen. Und das, obwohl schnell herauskommt, dass der Obdachlose im Film nur ein Schauspieler ist. 

Der Fake machte viele User böse 

"Anders ließ es sich nicht machen", erklärt Peter Wilhelm (30), der damals die Kamera führte. "Nach mehreren Versuchen in Offenburg und Freiburg hatten wir das Gefühl, die Obdachlosen in einer schwachen Position zu zeigen und für unsere Zwecke auszunutzen. Manche haben auch schroff reagiert. Da war es besser, diese Szene nachzustellen. In einem Statement-Video haben wir die Situation kurz darauf erklärt, und die meisten User haben auch verstanden, dass es sich nur um ein Beispiel-Video handelte. Wir haben wirklich keinen Cent daran verdient."

Hinter der pfiffigen Idee stehen vier ehemalige, hoch musikalische Studenten des Medien- und Informationswesens aus Offenburg. Die jungen Männer haben sich auf die Fahnen geschrieben, mit ihrer Projektarbeit "Be Japy" (der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Gründer Julian, Andreas, Peter und Yannik zusammen und ist eine Anspielung auf den Ausdruck "be happy", zu Deutsch "sei glücklich") Gutes zu tun und für mehr Mitmenschlichkeit zu sorgen. Trotzdem sind sie nach ihrem One-Hit-Wonder grandios gescheitert. Woran lag’s?

"Durch dieses virale Video sind wir auf einen Schlag extrem gewachsen", erinnert sich Peter Wilhelm. "Unsere Cinderella-Story begann über Nacht. Wir denken, dass insgesamt über 80 Millionen Menschen unseren Film gesehen haben. Darauf waren wir überhaupt nicht vorbereitet. Der schnelle und große Erfolg hat uns völlig überrollt."

Leute, unsere Fehler muss man nicht wiederholen 

Die eigentliche Arbeit startete jedoch erst danach. Ein Video zu produzieren ist relativ einfach, aber die Aktionen, die dann folgten, waren mit einem hohen Aufwand verbunden. Plötzlich hatten die Jungs eine immense Aufmerksamkeit, waren in TV-Shows und mussten jede Menge Pressearbeit leisten. Ein Management fragte an, ob es sie promoten könnte. Doch das ging gefühlt in die komplett falsche Richtung. Ein Autor wollte sogar ein Buch über sie schreiben. "Über einen Verein, der erst zwei Monate besteht, kann man doch kein Buch schreiben!" wundert sich sich Peter kopfschüttelnd." Die Nachrichten sind im Minutentakt auf uns eingeprasselt. Unglaublich! Dabei hatten wir damals noch gar nichts, nicht mal eine eigene Website, nur unsere Facebook-Seite."


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Kein dauerhafter Erfolg ohne Plan

Es fehlte das Fundament und eine klare Ausrichtung. Das kann man hinterher nicht mehr nachreichen. Wer "Be Japy" anklickte, fand damals nichts dazu. Ihre Philosophie, etwas Gutes zu tun, mussten die Gründer dringend schärfer definieren. Nun galt es, das Pferd quasi von hinten aufzuzäumen, und das in Windeseile. Peter: "Einerseits war's gut, nach dem Motto: 'Einfach mal machen', und aus dem Bauch heraus hatten wir ja auch einen Riesenerfolg: Unsere Facebook-Seite gehörte damals unter den Non-Profit-Seiten zu den reichweitenstärksten in Deutschland. Leider haben wir diese hohe Aufmerksamkeit nicht bündeln und in entsprechende Projekte kanalisieren können, somit eine große Chance verpasst. Anschließend haben wir versucht, uns auch mit anderen Aktionen im Netz zu positionieren, doch an diesen Erfolg konnten wir nie wieder anknüpfen. Für die meisten Leute blieben wir die mit dem Obdachlosen-Video."

Es gibt keinen zweiten ersten guten Eindruck

Eine dieser Aktionen war der sogenannte Warmnachtsbaum 2015: Leute haben selbstgestrickte Sachen in durchsichtige Plastikbeutel gepackt und an einen Baum gehängt. So gab es in 30 deutschen Städten an Brennpunkten einen Warmnachtsbaum, an dem sich Bedürftige bedienen konnten. Be Japy hat damals die Anfangskommunikation übernommen und im Netz Tipps gegeben, wie man die Idee umsetzen konnte. "Die Leute haben sich dann selbst organisiert. Wir wollten Anstupser geben, damit jeder sich überlegen konnte: 'Was kann ich eigentlich nächste Woche machen, um für mehr Mitmenschlichkeit zu sorgen?'", sagt der 30-Jährige. Dabei ging es den Initiatoren nicht ums Spendensammeln für bestimmte Projekte, sondern um die direkte Mobilisierung: "Mach du etwas in der deiner Umgebung und zeige es uns im Netz!"

Facebook ist eine undankbare Plattform

"Es ist echt schwierig, Leute zu solidarischen Aktionen zu bewegen",sagt Peter. Dazu kam, dass Facebook eine undankbare Plattform ist: Ihre Reichweite ebbte danach schnell wieder ab, und es hätte eine große Werbemaßnahme mit viel Geld gebraucht, um das zu ändern. Doch das wollte der Verein nicht. Ein weiterer Faktor war die Zeit: Die Jungs hatten ihr Studium in Offenburg beendet, ihre Wege trennten sich, es wurde schwieriger, ein Treffen zu organisieren.

"Und darin liegt unser Misserfolg", gesteht Peter, der inzwischen eine kleine Influencer-Marketing-Agentur in Hamburg leitet. "Uns ging es nie darum, Geld zu verdienen. Man muss die sozialen Netzwerke nur so stark befeuern, dass es sich für uns einfach nicht mehr lohnt. Es würde jetzt zu viel Zeit und Energie kosten." Danach hat sich das Team eine sechsmonatige Auszeit gegönnt.

Be Japy hat am Ende doch allen Glück gebracht

Dennoch hat "Be Japy" allen Glück gebracht: Peter und Lukas, der etwas später zum Verein stieß, haben dadurch ein Stipendium in der Hansestadt bekommen. Yannik macht seinen Master in der Stuttgart., Julian arbeitet in der Schweiz, Peter, Andi und Lukas konnten den sozialen Aspekt sogar in ihre Berufe integrieren. "Ich habe meine Stelle in Hamburg unter der Bedingung angetreten, ein gewisses Budget für soziale Projekte zur Verfügung zu haben", sagt Peter. "Unsere Blogger erreichen pro Monat fünf bis zehn Millionen Leute. Das ist eine große Verantwortung, aber auch ein großes Potential. Es war mir wichtig, dass sie ihre Reichweite auch für den guten Zweck nutzen. Andreas ist bei einem Verlag, der auch für die Caritas tätig ist." Und Peter betont, dass er es keinesfalls bereut, den Verein gegründet zu haben. Jeder sollte sich fragen, was er der Gesellschaft zurückgeben kann. "Trotz unseres Scheiterns war "Be Japy" eine der besten Erfahrungen, die wir haben machen können", glaubt er. "Dadurch haben wir viel gelernt."

Aktion Kleiderspende ging in die Hose

"Eine unserer Aktion ist im wahrsten Wortsinn komplett in die Hose gegangen: Spende deine Kleider." Dabei ging es ums Ausmisten. "Der Grund: Es gab keinen emotionalen Träger, kein Feedback, daher hat es einfach nicht funktioniert." Trotz monatelanger Kommunikation sei am entsprechenden Tag nichts passiert. "Videos aus Mexiko und von den Philippinen mit guten Taten haben uns dagegen sehr gefreut."

Auch wenn der "Be Japy"-Weg erst einmal zu Ende ist, sind Lukas und Peter sicher, dass sie noch mal etwas machen werden. "Wir treffen uns vor Weihnachten, wollen die Vereinsauflösung besprechen und entscheiden, wohin die dreitausend Euro Spendengelder gehen", berichtet Peter Wilhelm. "Ziel ist es, uns mit einem ähnlich tollen Video zu verabschieden …" 

In Manchester stehen die Menschen vor Tattoo-Shops Schlange, um sich ein ganz besonderes Tattoo stechen zu lassen. Es ist eine Biene, die zahlreiche Menschen auf ihrem Körper verewigen. Damit wollen sie der Opfer des Attentats in der Manchester Arena gedenken. Verschiedene Tattoostudios bieten die Biene an, um Geld für die Betroffenen zu sammeln. Am Sonntag und Montag wollen die Künstler Tattoos für 50 Pfund anbieten und den Erlös spenden. Viele Menschen haben sich bereits eine Biene stechen lassen. Die Biene ist seit 1842 ein Wappentier der nordenglischen Stadt. Sie erinnert an die Arbeiter, die in Zeiten der Industrialisierung Manchester bewohnten. Die damaligen Fabriken der Stadt wurden oft mit Bienenstöcken verglichen. Heute ziert das Tier viele Wände, Mülltonnen und Häuserfassaden in Manchester. Auch im Inneren des Rathauses findet man die Insekten.
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