HOME

Gemeinsam stark

Terror, Flüchtlinge, Katastrophen: Profilbild ändern und das war's? Wie Solidarität wirklich funktioniert

Ohne eine Prise Brüderlichkeit wären wir nur Menschen, die durch Zufall am selben Ort leben. Erst Solidarität macht aus uns eine Gesellschaft. Doch wie entstehen Gemeinschaftsgefühle? Und warum ist Solidarität so verdammt flüchtig?

Staatlich verordnen lässt sich Solidarität nicht - aber ein bisschen mehr Brüderlichkeit können und sollten wir alle zeigen

Staatlich verordnen lässt sich Solidarität nicht - aber ein bisschen mehr Brüderlichkeit können und sollten wir alle zeigen (Aufmarsch der FDJ in Ost-Berlin 1979)

Umweltkatastrophen, Terroranschläge, Kriege, Flüchtlingskrise, Trump, AfD, Globalisierung, Digitalisierung - die Welt befindet sich im Schleudergang und wir sind mittendrin. Wir leben in einer Zeitenwende. Manch einer bleibt da auf der Strecke, Angst macht sich breit: Bei Älteren, die nicht Schritt halten können, aber auch bei Jüngeren. Denn im Verteilungskampf stehen Alte und Kinderlose gegen Junge und Eltern. Die Baby-Boom-Generation kommt ins Rentenalter. Das stellt die zwischen Alt und Jung auf die Probe, Stichwort Rente. Sie bröckelt. Hier noch sichere Renten, dort Job-Hopper, die sich von einer befristeten Stelle zur nächsten hangeln. Zukunft ungewiss.

Solidarität wandelt Angst in Sicherheit um

Vielen Menschen fehlt das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Füreinander-da-Sein. Denn es hilft, zu erleben, dass es Leute gibt – häufig sogar völlig Fremde - denen man nicht egal ist. Das gibt Sicherheit.

Schade nur, dass erst alles richtig beschissen werden muss, bevor sich etwas ändert. Dass wir durchaus noch in der Lage sind, uns für andere einzusetzen, hat der Flüchtlingszuzug in den vergangenen zwei Jahren gezeigt, mit dem eine Welle der Hilfsbereitschaft durchs Land ging.

In Deutschland leben seit Langem Einwanderer, Flüchtlinge, Vertriebene und Aussiedler. Doch im vergangenen Jahr hatten laut Statistischem Bundesamt rund 18,6 Millionen Menschen einen Migrationshintergrund, im Vergleich zum Vorjahr gab es den größten Zuwachs seit Beginn der Erhebung im Jahr 2005. Zu viel Einwanderung auf einmal kann aber offenbar auch unsolidarisch machen. Das Wahlergebnis der AfD bei der vergangenen Bundestagswahl kann dafür ein Indiz sein.

Obwohl der Mensch zur Kooperation neigt, tendiert er auch zu Misstrauen und Vorurteilen. Doch nicht Vorteilsstreben und Eigennutz sind der eigentliche Motor unseres Soziallebens, sondern Kooperation und Hilfsbereitschaft. Und unser Gehirn belohnt uns mit Freude, wenn wir Gutes tun. Das beweisen Forscher weltweit immer wieder.

Wir können nur im Zusammenleben mit anderen existieren. Solidarität ist also eine Art sozialer Schmierstoff, der eine Gesellschaft zum Funktionieren bringt - das vergessen wir leider oft. Aber wie lässt sich unser Engagement für andere fördern?

Soziales Verhalten ist ein Evolutionsvorteil

Gemeint ist das Zusammenleben da, wo es eben nicht durch Gesetze geregelt wird, sondern durch das Verhalten eines Einzelnen. Gegenseitige Unterstützung ohne Eigennutz. Etwas für andere tun, auch wenn wir nicht erwarten können, davon selbst einen Vorteil zu haben. In ihrer edelsten Form zeigt sich Solidarität, wenn Menschen Mühe oder gar persönliche Nachteile dafür in Kauf nehmen.

Solidarität gibt es seit Menschengedenken. Schließlich bietet soziales Verhalten einen Evolutionsvorteil: Man überlebt zusammen leichter, als wenn jeder allein durch den Wald schleicht. Im Mittelalter haben es die Bruderschaften, Ordensgemeinschaften und andere Zusammenkünfte vielen Leuten erleichtert, den Härten der damaligen Zeit zu trotzen. war auch eine der Forderungen der Französischen Revolution. Sie steht für zusammenhalten, versöhnen, helfen. Heute wird sie oft beschworen und gefordert, aber es scheint, dass sich dieser Wert in die Geschichtsbücher zurückzieht.

Buttons, Badges, Anstecknadeln: Jeder kennt es - dafür steht das Peace-Symbol wirklich
Jeder kennt dieses Symbol: International steht es für Frieden. Aber was bedeutet es eigentlich genau? Die Antwort auf diese Frage und die Bedeutung von weiteren zu Ikonen gewordenen Symbolen siehst du in der Bilderstrecke.  

Jeder kennt dieses Symbol: International steht es für Frieden. Aber was bedeutet es eigentlich genau? Die Antwort auf diese Frage und die Bedeutung von weiteren zu Ikonen gewordenen Symbolen siehst du in der Bilderstrecke.  

Große Emotionen nach Terroranschlägen

Erst Katastrophen lösen wieder eine Woge der Betroffenheit, von Solidaritätsbezeugungen und tatkräftiger Hilfe aus. Das zeigt sich vor allem im Internet. Warum machen da plötzlich alle mit? Wie kann man das Phänomen erklären? "Wenn man sich mit den anderen, den Opfern oder den Angehörigen der Opfer solidarisch zeigt, ist das eine Krisenbewältigung", erklärt Prof. Dr. Ulf Tranow, Soziologe an der Uni Düsseldorf. "Es ist eine Art kollektive Trauerarbeit. Außerdem hilft es uns selbst, mit solchen Gefahren und Risiken umzugehen. Man kann so Vertrauen schöpfen in eine funktionierende Gemeinschaft. Ob Partnerschaften oder Freundschaften funktionieren, kann man überprüfen. Aber nicht, ob auch eine Dorfgemeinschaft oder ein Verein - oder im Großen die Europäische Union funktioniert. Das erkennen wir meistens erst in Krisensituationen."

Helfen ist ein Selbstzweck

Obwohl es im Netz eher anonyme Interaktionen sind, stellen sich durchaus Gemeinschaftsgefühle ein. Dazu der Soziologe: "Die Leute helfen nicht nur, weil sie in Zukunft auch auf Hilfe hoffen, sondern es beruhigt sie auch selber. Man wähnt sich mit anderen in einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt. Und das gibt Vertrauen in die Zukunft, selbst wenn die Euphorie und Emotionalität im Netz schnell abklingt."

Doch es sind nicht nur die großen medialen Ereignisse, die uns bewegen. Es gibt Solidarität auch tagtäglich im Alltag, man muss nur genau hinschauen: Die Nachbarin, die für die alte Dame einkauft, Studenten, die in einer WG leben, Familien, die sich gegenseitig unterstützen, Sharing-Communities, die teilen statt kaufen propagieren. Auch unsere Staatsform ist solidarisch: Es gibt Renten- und Krankenkassen und den Länderfinanzausgleich. Die Gründerväter der Europäischen Union haben den Solidaritätsgedanken in der Verfassung verankert, gegen Nationalismus, Feindschaft und Krieg. Dennoch läuft nicht alles rund. Offenbar hat das Vertrauen gelitten, gemeinsam mehr zu erreichen zu können als alleine.


Rituale und Symbole spielen dabei eine große Rolle. "Symbole sind sozusagen Speichermedien für Solidarität", sagt Prof. Dr. Ulf Tranow. "Zum Beispiel die Vereinsembleme oder Fahnen beim Fußball. Auch politische Bewegungen haben Fahnen, Gewerkschaften haben ihre Embleme, es gibt bestimmte Lieder und Ikonen, die für Solidarität stehen. Auch das gemeinsame Erinnern an bestimmte Ereignisse am Familientisch, kann ein Symbol für Gemeinschaftlichkeit sein. Das ist wichtig, weil sich Solidarität so immer wieder erneuern kann. Sobald diese Symbolik aufgerufen wird – wenn etwa die Fahnen geschwenkt werden - ist das immer auch eine Situation, in der man sich seiner Solidarität vergewissert."

Wie solidarisch wollen wir sein?

Es geht auch um Werte und Emotionen, die wir teilen. Solidarität ist aber auch immer eine Frage der Praxis. Erst dann zeigt sich, ob Solidaritätsbekundungen ernst gemeint sind oder nicht. Dazu müssen wir den Hintern vom Sofa kriegen, Haltung zeigen und über uns hinauswachsen. Dann können wir zu dem zurückfinden, was der Mensch auch ist: Ein kluges, verstehendes Wesen, das Größe in sich trägt.

Weinstein-Missbrauchsskandal: Hollywoodstars zeigen Solidarität mit Opfern