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Kinderlos glücklich: "Ich habe mich einfach erleichtert gefühlt" – Anna* hat sich mit 24 sterilisieren lassen

Anna ist 30 Jahre alt und wusste immer, dass sie keine Kinder will. Vor sechs Jahren hat sie sich für eine Sterilisation entschieden. Neon hat sie in ihren eigenen Worten erzählt, warum sie sich manchmal allein fühlt und wie ihr Umfeld reagiert hat.

Protokolliert von Laura Heyer

Eine junge Frau

Frauen, die sich in jungen Jahren sterilisieren lassen, sind die absolute Ausnahme

Getty Images

"Ich konnte mir noch nie vorstellen, Mutter zu sein. Ganz viele Frauen in meinem Umfeld haben schon früh Kinder bekommen und waren mit Anfang Zwanzig Mutter. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass ein Kind in mein Leben passt. Es ist mir einfach zu viel Verantwortung – ich bin verheiratet, habe zwei Hunde und kümmere mich als Realschullehrerin um Kinder, die sich auf mich verlassen. Aber für ein Lebewesen zu sorgen, das ganz und gar von mir abhängig ist, das kann ich mir einfach nicht vorstellen.

"Ich hätte niemals für einen Mann ein Kind bekommen"

Dazu kommt sicher meine Familiengeschichte: Als ich 17 war ist meine Mutter gestorben, zu meinem Vater habe ich keinen Kontakt mehr und bin bei meiner Oma aufgewachsen. Ein Kind zu verlieren, so wie ich es bei meiner Oma erlebt habe, könnte ich nicht verkraften. Zudem bin ich Mittelkind zwischen einer größeren Schwester und einem Bruder. Meine Geschwister durften immer mehr als ich – meine Schwester, weil sie älter war und mein Bruder, weil er der Junge war. Ich wäre lieber ohne Geschwister aufgewachsen. In diese Lage würde ich mein Kind nicht bringen wollen, aber ich will auch kein verwöhntes Einzelkind erziehen. Sich aber aus Klimaschutzgründen gegen Kinder zu entscheiden, kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Keine Kinder zu bekommen ist eine ganz persönliche Entscheidung, die von Umständen wie dem Job und der Familie abhängt, aber nicht von der Frage, ob ich damit die Welt rette.

Für meinen Mann stand zum Glück auch immer fest, dass er keine Kinder will. Vor ihm hatte ich keine Beziehung, die so ernst war, dass ich das Gefühl hatte, das Thema überhaupt ansprechen zu müssen. Doch als wir uns vor über sechs Jahren kennengelernt haben, habe ich ihn schon nach drei Wochen ganz unverbindlich gefragt, ob er Familie will. Ich wollte ihn nicht unter Druck setzen oder ihn vor eine Entscheidung stellen. Aber mit jemandem zu leben, der unbedingt Kinder will, wäre für mich keine Option gewesen. Ich hätte niemals für einen Mann ein Kind bekommen.

Sterilisation mit 24 Jahren

Da ich nie Hormone vertragen habe, stand ich irgendwann vor der Entscheidung, wie ich weiter verhüten will. Da mein Mann beschnitten ist, wollte er sich ungern einer weiteren OP unterziehen – also lag die Entscheidung bei mir. Meine Frauenärztin hat mir damals die Kupferspirale vorgeschlagen oder eben die Möglichkeit einer Sterilisation. Da war ich 24 Jahre alt. Sie hat mich dann an einen entsprechenden Arzt verwiesen, der mich nach einem ausgiebigen Beratungsgespräch operiert hat. Aber gerade vor der OP war es teilweise komisch: Eine Krankenschwester hat mich zum Beispiel gefragt, wie viele Kinder ich denn hätte. Denn die OP wird eigentlich fast nur bei Frauen vorgenommen, die schon Familie haben.

Da merkt man dann, dass Kinderlosigkeit gesellschaftlich immer noch ein Tabu ist. Als Frau bekommt man eben Kinder, das ist quasi die Lebensaufgabe. Ich habe selten Leute getroffen, die einfach gesagt haben, dass sie meine Entscheidung vielleicht nicht verstehen, aber akzeptieren. Männer sind dabei deutlicher entspannter als Frauen und hinterfragen meine Entscheidung meist weniger – Frauen sind immer sehr erstaunt und ungläubig, ob ich so jung eine solche Entscheidung treffen kann und sollte. Da ich aber voll und ganz dahinter stehe, belasten mich die Nachfragen nicht.

Kinder sind keine Garantie im Alter

Angst, meinen Wunsch keine Kinder zu bekommen, später zu bereuen, hatte ich nie. Ich habe mit meinem Mann darüber gesprochen und wir haben uns geeinigt, dass wir ein Kind adoptieren würden, sollten wir doch irgendwann einen Kinderwunsch haben. Von Seiten meiner Familie waren die Reaktionen allerdings gemischt. Besonders meine Schwiegermutter musste an der Entscheidung sehr knabbern, da sie sich Enkelkinder gewünscht hat. Aber ich habe ihr meine Beweggründe erklärt und sie hat mir nie das Gefühl gegeben, dass ich irgendwelche Verpflichtungen erfüllen muss. Nur zwischen meinen Freunden fühle ich mich manchmal ein wenig einsam. Einige Freundschaften sind daran zerbrochen, dass sich unsere Lebensmodelle auseinander entwickelt haben.

Bei Familien mit kleinen Kindern geht es oftmals nur noch um das Kind und man hat einfach nicht mehr die gleichen Gesprächsthemen. Eine andere Freundin von mir wollte unbedingt ein Kind, hatte aber nicht den entsprechenden Partner – zu sehen, dass ich quasi alle Voraussetzungen habe, um eine Familie zu gründen, es aber bewusst nicht will, hat unsere Freundschaft extrem belastet. Dabei kann ich total nachvollziehen, dass Frauen alles tun, um einen Kinderwunsch umzusetzen. Genau wie ich keine Kinder will, gibt es eben auch die andere Seite.

Aber für mich liegt meine Zukunft in der Zeit mit meinem Partner und mit meinem Job, den ich sehr liebe. Auch Angst davor, im Alter allein zu sein, habe ich überhaupt nicht. Ich sehe in meinem Umfeld viele Fälle, wo Eltern und Kinder keinen oder keinen guten Kontakt mehr haben - Kinder allein sind sicher keine Garantie dafür, im Alter abgesichert zu sein."

* Name von der Redaktion geändert