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Interview

Rapper über Beziehungen: Prinz Pi: Warum die Liebe eben nicht wie ein Thermomix funktioniert

Kaum ein deutscher Rapper beschreibt Beziehungsprobleme so intensiv und pointiert wie Prinz Pi. Ein Interview über finanzielle Trennungsgründe, Desinteresse am Neubeginn und seine "Susi und Strolch"-Auffassung von Romantik.

Prinz Pi alias Friedrich Kautz

Prinz Pi: "Jede Scheidung gute Chancen darauf hat, ein Trauma zu hinterlassen bei allen Beteiligten"

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Eigentlich hat es die Liebe in der leicht. Kein anderes Tretminenfeld menschlicher Existenz wurde als Thema so häufig beliehen und bleibt trotzdem stets aktuell. Can’t Help Falling in Love, Ohne dich, Your Song ja klar, natürlich, immer wieder. Im Pop, im Jazz, selbst im Rock ist sie ein pompös blühender Evergreen. Im deutschen Rap, der Musik, der wir gerade so besonders gern zuhören, eher ein Pflänzchen. Ist ja auch schwierig, ein Image als harter Gangsta- oder lethargischer Cloud-Rapper mit einem Gefühl zu vereinbaren, das sich nun einmal nicht arrogant oder ironisch erzählen lässt. Wer von der Liebe spricht, muss sie auch meinen, sonst kann er es gleich lassen.

Friedrich Kautz, 37, bekannt als , ist in seiner Branche eine Ausnahme. Kein anderer deutscher Rapper hat sich im vergangenen Jahrzehnt mit den Beziehungsverflechtungen der jungen Generation so intensiv auseinandergesetzt. Seine Texte sind eine Art poetische Soziologie: Introspektionen und Generationsbeschreibungen, die von Bilanzbegegnungen beim Klassentreffen, dem Verlust von Freundschaften, großen Seinsfragen und immer wieder vom Suchen und Scheitern der Liebe erzählen.

Prinz Pi: Lädiert, stolz und hoffnungslos

Auch auf seinem neuen Album, mit dem er in diesen Wochen auf Tour geht, erzählt Prinz Pi von einer großen Trennung. Trotzdem heißt es "Nichts war umsonst". Und das ist doch wirklich einer der riesigsten Gedanken menschlicher Existenz: müde, lädiert, dennoch stolz und hoffnungsvoll. Von Kautz können wir an diesem Januarsonntag im Berliner Kaffeehaus Grosz also vielleicht noch etwas lernen.

NEON: Das letzte Interview, das hier im gespeichert ist, habe ich mit einem Traumatologen geführt. Er sagt, dass jede Trennung ein Trauma sein kann, wenn man sie als Vernichtungsereignis erlebt.

Prinz Pi: Ich würde nach meiner jüngsten Erfahrung bestätigen, dass zumindest jede Scheidung gute Chancen darauf hat, ein Trauma zu hinterlassen bei allen Beteiligten. Es gibt, außer dem , eigentlich nichts Schlimmeres, als wenn man dabei zusehen muss, wie sich eine langjährige Beziehung auflöst. Weil sie ja zu einem Axiom geworden ist, auf dem man sein ganzes Leben aufgebaut hat. Wenn das zerbricht, zerbricht man selbst zumindest für den Moment auch.

Du bist jetzt 37, wie viele Trennungen hast du hinter dir?

Ich hatte vier ernst zu nehmende Beziehungen. Zwei davon waren für unser Alter ziemlich lang, jeweils sieben Jahre. In der ersten ist meine entstanden, in der zweiten mein Sohn Oskar.

Wann hast du zum letzten Mal gedacht: "Das ist die Frau meines Lebens"?

In meiner letzten Beziehung natürlich. Sonst wäre ich sie ja gar nicht erst eingegangen.

Na ja, es gibt durchaus Menschen, die schon Jahre zusammen und trotzdem noch unsicher sind, ob sie sich ein gemeinsames Leben vorstellen können. Nicht jeder hat ja die ganz große Vision.

Ach, ich glaube, das hat gar nichts mit irgendwelchen Visionen zu tun, man kann das viel pragmatischer sehen. Bis wir ungefähr 18 sind, mindestens, unterstehen wir dem Kommando unserer Eltern. Erst ab etwa 25, wenn wir fertig studiert haben oder schon im Beruf stehen, können wir frei entscheiden, wie wir leben möchten. Frei in dem Sinn, dass man auch gegen den Willen seines Umfelds komplett auf eigenen Beinen stehen kann. Ab etwa 65 wird es schon wieder schwierig mit neuen Bindungen in der Hinsicht, dass man viele Dinge einfach nicht mehr zusammen machen kann: eine Familie gründen zum Beispiel. Uns bleiben also ungefähr 40 Jahre, um unser Beziehungsleben zu gestalten. Da finde ich es nur logisch, sich und seine Zeit nicht zu verschwenden.

Klingt ziemlich kalkuliert.

Ja klar, aber eine Beziehung ist ja auch eine krasse Investition. Von Energie, die man stattdessen zum Beispiel nicht in die Arbeit steckt, aber auch von materiellen Ressourcen. Beispielsweise, weil man anfangs nicht in derselben Stadt lebt, weil man eine Zeit lang zwei Wohnungen parallel unterhalten muss. Nach einer eigenen Immobilie sind Beziehungen der größte Kostenpunkt im Leben, und ich glaube, es ist ein Fehler, dass sich viele Leute dessen gar nicht bewusst sind. Denn andersherum bedeutet das ja auch, dass die Beziehung einen Wert hat, der über das reine Gefühl des Augenblicks hinausgeht. Wenn einem das klar ist, geht man vielleicht nicht ganz so leichtfertig mit ihr um.

Hast du dich meist getrennt oder wurdest du häufiger verlassen?

Meine allererste Freundin hat mich verlassen. Sie sagte damals nach drei Jahren, sie suche jemanden, der perspektivisch erfolgreicher sein und mehr Geld verdienen werde als ich.

Nein, das hat sie nicht gesagt!

Doch. Sie hatte eine sehr detaillierte Vorstellung davon, wie ihr Leben auszusehen habe, wo sie wohnen, wo sie Urlaub machen und wie viel ihr Verlobungsring kosten würde. Das war ein harter Reality-Check. Wenn du selbst diese romantische "Susi & Strolch"-Auffassung von Liebe hast - "Es geht nur ums Beieinandersein, wir brauchen nicht viel" , und dann sagt der andere: "Doch, doch, ich brauch schon viel" , wirft das ein sehr neues Licht auf Beziehungen.

Wie hast du damals reagiert?

Auf jeden Fall mit viel mehr Wut als heute.

Und laut deinen Songtexten auch mit - die Psychologie zählt das zu den gängigen Kompensationsstrategien - anderen Frauen.

Ach, das ging vielleicht ein halbes Jahr so und war natürlich auch nur ein Versuch, Bestätigung zu bekommen. Heute ist es eher ein Hinterfragen meiner selbst: Hätte ich die Warnsignale früher erkennen können? Hätte ich mich anders verhalten müssen? Man geht wie auf Eiern durchs Leben.

Eine Möglichkeit wäre vielleicht, das Muster zu hinterfragen, nach dem man sich bislang Menschen ausgesucht hat. Deinen Texten zufolge hast du schon ein Faible für eher komplizierte Frauen. Das hört man geschlechtsunabhängig ja sehr oft. Wieso fühlen wir uns so angezogen von psychischen Macken?

Ich habe generell einen Hang zu Dingen, die nicht komplett glatt und einfach erfassbar sind, sondern eher ein Rätsel, das ich erst lösen muss. Nicht, weil ich die Fantasie hätte, mir jemanden zu eigen zu machen, wenn nur ich seinen Funktionsmechanismus kenne. Auch nicht, weil ich auf Hilfsbedürftigkeit stehe. Sondern aus Faszination für das nicht Offensichtliche. Wenn du zum Beispiel ein Gerät hast, das es dir total leicht macht, zu kochen ...

... einen Thermomix.

Zum Beispiel. Du schmeißt einfach alles rein, und kurze Zeit später kommt etwas Essbares heraus, das vermutlich sogar ganz gut schmeckt. Mir würde das aber keine Befriedigung verschaffen. Den einzelnen Zutaten ihren Geschmack abzutrotzen und am Ende ein Gericht zu erhalten, in das ich wirklich Mühe gesteckt habe, gibt mir mehr.

Meiner Erfahrung nach haben die Leute, die dauernd auf ihrer Kompliziertheit bestehen und ein großes Theater um ihre An- oder Abwesenheit machen, oft nur die stille Befürchtung, dass das, was dahintersteckt nämlich sie selbst gar nicht so interessant ist.

Ich meine auch nicht Menschen, die sich absichtlich eine mysteriöse Fassade geben, sondern die, die einen Knacks haben, weil sie wirklich schon mal irgendetwas meistern oder überwinden mussten. Für mich liegt darin eine stärkere Schönheit, weil sie eben eine nicht für jeden ablesbare Schönheit ist.

Gab es mal einen Zeitpunkt, an dem du gedacht hast, das mit der Liebe wird irgendwie nichts, das muss man vielleicht einfach aufgeben oder zumindest auf der Prioritätenliste so auf Rang vier, fünf schieben?

Das wäre ja ein Gedanke wie "Atmen macht mir irgendwie keinen Spaß mehr, das lass ich jetzt mal". Liebe ist außerdem, das wird in der Diskussion über sie schnell vergessen, keine Selbstzweckveranstaltung. Es geht nicht permanent nur darum, was man bekommt. Die größte Freude hat der Mensch ja vor allem daran, einem anderen etwas zu geben. Es gibt doch dieses Experiment, bei dem Forscher zwei Gruppen von Probanden unterschiedliche Geldbeträge überreichten. Die einen sollten sich davon selbst etwas kaufen, die anderen sollten es spenden oder weiterverschenken. Die, die sich selbst etwas gekauft hatten, konnten keinen Zuwachs an Zufriedenheit feststellen. Die, die das Geld weitergegeben hatten, waren glücklicher als zuvor.

Besonders merkt man diese Freude am Gefühle-Verschenken ja am Anfang, wenn man alles zum ersten Mal sagt und macht.

Aber da wird’s auch schon wieder missverständlich. Ich glaube, dass viele Leute süchtig sind nach diesem Verliebtsein und der Ungewissheit des Neubeginns, nach den Schmetterlingen im Bauch. Mich hat das nie interessiert. Ich habe mich im Gegenteil nie besonders wohlgefühlt in dieser Phase. Ich mochte immer den Punkt, ab dem ich das Gefühl hatte, die Dinge sind jetzt klar, es gibt eine gewisse Sicherheit, man ist nicht mehr allein, sondern meistert ab sofort alles gemeinsam.

Aber dieses Flirren des Anfangs wird ja auch zur gemeinsamen Erinnerung. Ein "Weißt du noch?" kann in tristeren Phasen bestimmt helfen.

Ja, aber wenn man alles in den Beginn packt und einem dann ein paar Monate später schon die Puste ausgeht, ist auch nichts gewonnen. Ich glaube, viele Beziehungen scheitern genau daran: dass die Leute die Anfangsschritte so extrem überfrachten.

Hast du ein Beispiel?

Die meisten Beziehungen beginnen heute digital oder werden zumindest stark von dieser Ebene beeinflusst. Das gesamte Kennenlernen wird begleitet von einer Phalanx an Nachrichten. Man schreibt sich vor dem Date, wie sehr man sich freut. Danach schreibt man sich, wie sehr man sich schon wieder vermisst. Die Leute konstruieren in digitalen Untertiteln eine fast schon zwanghafte Umklammerung ihrer Face-to-Face-Treffen. Und nachdem man diese Sätze ein paar Mal verschickt hat, werden sie erst Gewohnheit, und dann reichen sie nicht mehr, sodass man noch einen draufsetzt. Alles wird so stark aufgebauscht, dass die Realität große Schwierigkeiten hat, hinterherzukommen.

Ich kenne so viele Leute, die Fernbeziehungen führen und sich unter der Woche schmachtende Nachrichten schreiben, den ganzen Alltag teilen, einander morgens einen guten Morgen und abends schöne Träume wünschen und sich prophezeien, dass sie bei ihrem Wiedersehen die ganze Nacht kein Auge zumachen werden. Und dann stehen sie am nächsten Wochenende voreinander, aufgeladen mit all diesen Erwartungen, und schlafen erst mal zwölf Stunden vor lauter Erschöpfung über die Enttäuschung des sich nicht erfüllenden Hypes, den sie da konstruiert haben. Ich halte das für verhängnisvoll. Außerdem ist es unromantisch.

Es zeigt aber auch, wie sehr wir alle uns Nähe wünschen.

Ja, aber das ist wieder wie mit dem Thermomix: Es ist zu leicht geworden, aneinander anzudocken. Du schreibst einfach zehn SMS am Tag, und nach kurzer Zeit hat der andere das Gefühl, er habe eine ganz starke Verbindung zu dir. Und du empfindest das umgekehrt auch. Aber wir sind nun mal keine Computerprogramme. Mit jeder Berührung in der Realität, jeder Geste, jedem Blick kann alles noch mal ganz anders werden oder sich sogar nivellieren.

Gibt es in solchen Momenten spezielle Songs, die dir helfen?

Wenn ich in einer Krise stecke und da ist jemand, der genau zu beschreiben scheint, was ich gerade fühle, kann das für mich genauso wertvoll sein wie ein Freund oder ein Psychologe. Zum Beispiel Neil Youngs "Hey, Hey, My, My", obwohl das formal gar keine Liebesballade ist. Young haderte damit, dass die Leute keinen Bock mehr hatten auf seine Musik, weil alle nur noch Punk hören wollten. Es ist ein sehr selbstmitleidiger Song vielleicht kann man ihn deshalb so gut auf Beziehungsleid umlegen.

Deine Musik auch. Auf Instagram kann man sehen, dass sich Fans Songzeilen tätowieren oder sie unter ihren Selfies zitieren. Bist du auch deshalb mit den Jahren optimistischer geworden in deinen Texten, aus Verantwortungsgefühl?

Das wäre ja ganz furchtbar: aus Berechnung positive Botschaften konstruieren. Wenn ich alle Erfahrungen, die ich in Liebesdingen bisher gemacht habe, auf einen Ratschlag zusammenstreichen müsste, wäre das: Bleib ehrlich. Das klingt banal, aber man ist so schnell unaufrichtig, vor allem sich selbst gegenüber. Man verhält sich wider sein eigentliches Gefühl, aus Höflichkeit oder falscher Rücksichtnahme, oder weil man sich wünscht, man würde so fühlen, wie man es vorgibt. Das bringt nie etwas. Im Privaten nicht und in der Kunst auch nicht.

"Letzte Liebe", die erste Single vom aktuellen Album, ist der traurigste Song, den ich bisher geschrieben habe. Er ist adressiert an den Partner, mit dem man sein Leben teilen, neben dem man sich später beerdigen lassen wollte und der jetzt trotzdem weg ist. Aber gleichzeitig, klar, ist da auch Hoffnung. Weil ich ja durchgegangen bin durch dieses Gefühl. Es ist vollbracht. Und es geht weiter.

Du glaubst also nicht, dass unsere Herzen bei dem ganzen Hin und Her irgendwann ausleiern?

Ach Quatsch, das Herz ist doch ein Muskel. Man kann das Ganze ja mal aus der Bodybuildingperspektive sehen: Wir trainieren es eben. Dieser dumme Spruch, "Was einen nicht umbringt, macht einen stärker", der stimmt schon.

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