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Kopfschmerzen aus der Hölle: Wie ich wegen meiner Migräne in ständiger Angst vor einem Anfall lebe

12 bis 14 Prozent aller Frauen und sechs bis acht Prozent aller Männer in Deutschland leiden an Migräne. Eine Heilung gibt es nicht. Unsere Autorin berichtet über ihr Leben mit der Krankheit.

Frau hat Kopfschmerzen

Ungefähr acht Millionen Deutsche leiden an Migräne

Das erste Mal war richtig gruselig. Ich war 13 Jahre alt und es waren Sommerferien. Der Tag war sonnig und mein erster Freund hat mit mir Schluss gemacht. Rückblickend glaube ich nicht mal, dass wir wirklich zusammen waren. Ein paar Tage vorher haben wir uns das Erste mal geküsst. Mein allererster Kuss – und dann schreibt er mir plötzlich per SMS, dass er mich nicht wieder sehen will. Ich war natürlich traurig, aber die Reaktion meines Körpers habe ich zu dem Zeitpunkt nicht verstanden. Ich habe nichts mehr gesehen, Licht war plötzlich mein Todfeind und als Reaktion auf die leckeren Käsenudeln meiner Mutter habe ich mich erst mal übergeben.

Danach kam der Schmerz. Ein Schmerz, wie ihn mein 13-jähriges Ich bis dato nicht kannte. Erst dachte ich, so ist das eben wenn einem das Herz gebrochen wird. Ich werde nie wieder lieben, wenn es das ist, was mich danach erwartet. Natürlich war ich weder verliebt, noch hatte das irgendetwas mit einem gebrochenen Herzen zu tun. Es war, wie mir meine Mutter erklärte, mein erster Migräneanfall. Herzlichen Glückwunsch.

Was ist Migräne eigentlich?

In Deutschland leiden rund acht Millionen Menschen an Migräne. Die Ursachen sind dennoch nicht ganz klar. Eine Theorie besagt, dass sich die Blutgefäße im Kopf weiten, eine andere geht von einer Überaktivität von Nervenzellen im Hirnstamm aus. Auch eine Diagnose ist nicht einfach, denn es gibt viele verschiedene Arten von Migräne. Zuerst wird zwischen einer Migräne mit und einer Migräne ohne Aura unterschieden. Unter einer Migräne ohne Aura leiden 80-85% der Betroffenen. Für die restlichen 15% heißt es: Willkommen im Team. Aber was ist überhaupt eine Aura? Hört sich ja erst mal super esoterisch an ...

Unter Aura versteht man reversible neurologische Symptome. Heißt: Du leidest entweder unter Sehstörungen mit Gesichtsfeldausfällen, Lichtblitzen, Wahrnehmung von bunten oder flimmernden Linien, Taubheitsgefühl und Sprachstörungen, oder – wie ich – unter allem vorher genannten. Und das kann dich wirklich einschüchtern. Meine Form der Migräne heißt Migräne vom Basilaristyp – hört sich doch ganz nett an, oder?!

Starke Emotionen können Migräne triggern

Nach meinem ersten Migräneanfall hatte ich zunächst einige Jahre Ruhe. Migräne tritt zyklisch auf, einige Glückliche haben es einmal im Jahr, andere mehrmals im Monat. Auch das kann sich ändern. Je älter ich wurde, desto häufiger hatte ich Migräne. Das liegt wohl auch daran, dass die Auslöser meiner Migräne hauptsächlich Stress und starke Emotionen sind. Das führt dazu, dass ich jedes Mal, wenn etwas mehr in meinem Leben passiert – ein neuer Job, eine neue Beziehung, Urlaub (ja auch positiver Stress) oder ein Umzug – panische Angst bekomme, durch höllische Kopfschmerzen aus dem Leben geschossen zu werden.

Das Problem: Diese Angst führt zu noch mehr Stress und damit ist mir ein Migräneanfall sicher. Schon dass ich diesen Artikel schreibe und mich mit dem Thema auseinandersetze könnte ein Auslöser sein. Andere gängige "Trigger" sind: Zu viel oder zu wenig Schlaf, Hunger, Hormonveränderungen während des Zyklus, verqualmte Räume, bestimmte Lebensmittel (oft Schokolade) oder Wetterveränderungen. Also ausschließlich Dinge, die zu meinem und so ziemlich jedem Leben dazu gehören.

Ich dachte, ich habe einen Schlaganfall

Mein schlimmstes Erlebnis hatte ich mit 20. Im Studium war ich beim Uniradio und habe immer mal wieder mit Freunden eine zweistündige Sendung gemacht. Klar, das war aufregend, aber nicht so krass, dass ich unter großem emotionalen Stress gestanden hätte.

Bis zu dieser einen Aufzeichnung. Alles lief super. Nach ungefähr 15 Minuten bemerkte ich, dass meine linke Hand kribbelte. Muss mir wohl einen Nerv eingeklemmt haben, dachte ich. Doch dann breitete sich das Kribbeln bis in meine linke Gesichtshälfte aus und sogar meine Zunge fühlte sich an, als wäre sie eingeschlafen. Dann war ich mit meiner Moderation an der Reihe. Ich schaute auf meinen Bildschirm und erkannte ganz klar die Wörter und verstand sie, aber alles was aus mir rauskam, war: „ehmbla hhunmpfsa“. Meine Co-Moderatorin sah mich an und dachte, ich veräppele sie, aber als sie meinen panischen Blick sah, übernahm sie, spielte den nächsten Titel und fragte mich, was los sei. Ich konnte nicht reden. Ich konnte meine Gedanken nicht in Worte fassen und dachte panisch: "Fuck, ich hab einen Schlaganfall." Dann wurde mir schwarz vor Augen und als ich wieder aufwachte, standen zwei junge Rettungssanitäter vor mir und stellten mir Fragen. Ich wurde in einen Krankenwagen bugsiert, meine Freundin sagte mir noch, sie würde direkt nach der Sendung nachkommen.

In der Notaufnahme war viel los. Ein Raum war allerdings noch frei. Ein schöner, großer Raum mit mehreren brummenden Kühlschränken und einer flackernden Neonröhre. Toll, genau das, was ich jetzt brauchte. Und dann saß ich da. Zwei Stunden. Nach 20 Minuten Brummen und Flackern musste ich mich übergeben. Keine Spur von irgendwelchen Pflegern, Schwestern oder Ärzten. Nach zwei Stunden kam dann endlich meine Freundin und machte den Laden rund. Sie wies die Ärzte weniger nett darauf hin, dass ich Schmerzmittel brauchte und mich doch endlich jemand untersuchen solle, ach, und by the way, ich sei privat zusatzversichert.

Das war das Zauberwort. Und siehe da, nach zwei Stunden war eine junge Ärztin bei mir, die mit mir Schlaganfalltests machte. Nach fucking zwei Stunden! Zu dem Zeitpunkt war mir selbst bewusst, dass ich keinen Schlaganfall hatte, die Symptome kamen mir schon irgendwie bekannt vor und vor allem der stechende Kopfschmerz hinter meinem rechten Auge, der sich anfühlte, als hätte mir jemand mit voller Wucht eine Stricknadel ins Auge gerammt, war mir leider nur allzu vertraut.

Den Schlaganfalltests folgten ein CT, Motorik-Tests und eine seltsame Diagnosemethode, bei der mir Nadeln in den Kopf gesteckt wurden und Strom in die Füße geleitet wurde, um zu sehen wie lange der Reiz brauchte, bis er im Gehirn angekommen war. Am nächsten Morgen stand dann ein fünfköpfiges Ärzte-Team vor mir und sagte: "Alles nicht so wild, Sie haben Migräne." Super, danke, mal was Neues! Ich war natürlich trotzdem heilfroh, endlich auch eine offizielle Bestätigung zu haben. Aber was jetzt?

Behandlung von Migräne

Die Ärztin sagte mir, ich solle doch Entspannungsübungen machen um vorzubeugen. Sie verschrieb mir spezielle Tabletten und schon war ich wieder entlassen. So richtig hatte sich meine 3000 Euro teure Nacht im Krankenhaus nicht gelohnt. Die Häufigkeit von Migräneattacken lässt sich durch Vorsorge aber tatsächlich mindern.

Wichtig bei der Migräne-Prophylaxe: Finde heraus, was dein Trigger ist und versuche, ihn zu vermeiden. Ich weiß, das ist nicht leicht (vor allem, wenn du dir nochmal die oben genannten Trigger anschaust). Neben Entspannungsverfahren eignen sich auch Ausdauersport und Akupunktur zur Vorbeugung von Migräne.

Leichte Migräne kann oft gut mit Acetylsalicylsäure – sprich: Aspirin – behandelt werden. Dabei helfen Kautabletten besonders schnell, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann. Leider sind diese frei erhältlichen Medikamente vielen zu schwach. Bei starken Schmerzen kann man zu Triptanen greifen, diese dürfen aber wiederum nicht zu häufig genommen werden, sonst kann es zu einem Dauerkopfschmerz kommen.

Ich habe für mich folgende Vorgehensweise gefunden:

Merke ich, dass meine linke Hand zu kribbeln anfängt, schmeiße ich mir das am nächsten greifbare Schmerzmittel ein (vorzugsweise ein Triptan), ziehe alle Vorhänge zu, lege mich ins Bett, ziehe die Decke über den Kopf und hoffe, dass ich mich zumindest nicht übergeben muss und die Kopfschmerzen nicht allzu schlimm werden. Meist kann ich dann nach ein bis zwei Stunden langsam wieder normal weitermachen, wobei ich oft noch bis zum nächsten Tag ein bisschen matschig im Kopf bin.

Wenn es dir ähnlich geht und du ein Wunderheilmittel gefunden hast, sag Bescheid. Ich werde weiter neue Mittel ausprobieren: Ein Mini-Inhalator aus "Die Höhle der Löwen" liegt schon zuhause bereit, und eine Freundin hat mir vor kurzem Hanf-Öl empfohlen. Der nächste Migräneanfall kann also kommen. Angst davor, plötzlich in unpassenden Situationen komplett handlungsunfähig zu sein, habe ich trotzdem.

Wenn du unter Migräne leidest, informiere dich bei deinem Hausarzt über mögliche Therapiemöglichkeiten und eine auf dich zugeschnittene Therapie.

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