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Single Shaming Warum wir aufhören sollten, den Familienstand zu hinterfragen

Singles führen auch ohne Familie ein erfülltes und glückliches Leben
Singles führen auch ohne Familie ein erfülltes und glückliches Leben
© Walter G Arce Sr Grindstone Media Group/ASP Inc/ / Picture Alliance
Als Single wird man von der Gesellschaft häufig diskriminiert. Dabei gibt es auch Alleinstehende, die an ihrer Situation gar nichts ändern wollen. Kommentare von Freunden und Familie sind da wenig hilfreich.

Als die Autorin dieses Textes nach einer Trennung auf Wohnungssuche war, gab es allerlei Kommentare zu ihrer Situation. Spätestens, als ein Makler nach ihrem Alter fragte, bei der Zahl 32 scharf einatmete und nur "Oh" sagte, fragte sie sich: Ist es wirklich so schlimm über 30 wieder/noch Single zu sein? Zumal man ja ohnehin einmal einen anderen Lebensentwurf hatte, der schiefging, und solche Kommentare es einfach nicht besser machen.

Feiertage: Der Alptraum eines Singles

Feiertage sind dabei der Alptraum eines jeden Singles. Die Corona-Pandemie sind für sie Fluch und Segen zugleich – Leute kennenlernen fällt schwer, aber kein Familienmitglied hinterfragt derzeit das Single-Dasein. Den aktuellen Zahlen nach zu urteilen wird es wohl auch an Ostern zu keinen größeren Familienzusammenkünften kommen. Warum das eine Erleichterung sein kann, zeigt die Netflix-Serie "Weihnachten zu Hause".

In das Gefühl der Protagonistin können sich viele Singles hineinversetzen: Sie fühlt sich von ihrer Familie kurz vor Weihnachten so unter Druck gesetzt, keinen Partner zu haben, dass sie ihnen kurzerhand einen erfindet – und die Jagd beginnt. Was als Slapstick getarnt ist, lässt einen dennoch traurig werden. Denn während des Datens wird sie immer wieder mit der Tatsache konfrontiert, dass sie als Single den Kürzeren zieht. Den weihnachtlichen Pyjama gibt es nur im Doppelpack für Pärchen zu kaufen und bei ihrem Job als Krankenschwester bekommt sie die Feiertagsschichten aufgebrummt. Fiktion? Keineswegs! Ähnliche Situationen beschreibt Sozialforscher Elyakim Kislev in seinem Buch "Happy Singlehood – The Rising Acceptance and Celebration of Solo Living" Deutsch: Glückliches Single-Dasein: Die steigende Akzeptanz und Feier des Solo-Lebens).

Die Single-Landschaft verändert sich

Kislevs Forschungsgebiet sind Alleinstehende und die sich verändernde Single-Landschaft, die er vor allem in der Großstadt New York erlebt hat, als er dort hinzog, um sich seiner Doktorarbeit zu widmen. Seine Erkenntnisse hat der Forscher in seinem Buch zusammengefasst. Darin möchte Kislev nicht nur das Single-Dasein entstigmatisieren, sondern auch aufzeigen, dass es eine große Gruppe von jungen Menschen gibt, die freiwillig und gerne allein bleiben. Auf der Webseite zu seinem Buch veröffentlich Kislev Blogbeiträge zum Thema und lässt auch andere Forscher zu Wort kommen.

Einen diese Beiträge schreibt der Sprachwissenschaftler Craig Wynne. Er sagt, dass auch Sprache und Gesellschaft einen großen Teil dazu beitragen, warum Singles als "minderwertige" Mitglieder in einer Gemeinschaft angesehen werden. Dies fange damit an, wenn der Cousin einen fragt, wann man sich denn endlich zur Ruhe setzen und heiraten wolle, gehe weiter zur Mitgliedschaft im Fitnessstudio, in dem Paare einen Rabatt bekommen und ende bei der Arbeit, bei der Singles die unbeliebten (Feiertags-)Schichten übernehmen müssen.

Singlismus führt zu aggressivem Verhalten

Wynne bedient sich dabei der Begriffe von Forscherin Bella DePaulo: "Singlismus" (singlism) und Matrimanie (matrimania) geprägt. Ersterer beschreibt das Stigma, das die Gesellschaft alleinstehenden Erwachsenen auferlegt, und Letzterer ist die Überbewertung und Besessenheit der Gesellschaft, unbedingt heiraten zu müssen.

Sleep Divorce – Getrennt Schlafen, zusammen Leben

Frauen hätten es meist leichter – obwohl sie als Single stärker stigmatisiert werden – , mit den Vorurteilen umzugehen, weil man sie von klein auf gelehrt habe, mit Emotionen umzugehen. In vielen Gesellschaften sei dies Männern wiederum nicht gestattet. Schließlich wird es als "männlich" angesehen, wenn sie ihre Gefühle unterdrückten. In vielen Studien konnte dabei beobachtet werden, dass Männer sich aufgrund dessen aggressiv verhalten oder dazu tendieren, ein eher ungesundes Leben mit Alkohol und Zigaretten zu führen. Der Druck, nur als Paar ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein, führe sogar dazu, stereotypes Verhalten verinnerlichen, das Single-Männern anhaftet: notgeil, unordentlich und unverantwortlich. Schnell bekämen sie zu hören, "die richtige Frau" werde sie schon auf den Boden der Tatsachen holen, schreibt Wynne. Das gleiche könne man aber auch bei Frauen beobachten, wenn auch weniger.

Sprache beeinflusst unser Verhalten

Ein Großteil unserer Sprache kann zu solchen Verhaltensweisen beitragen", schreibt der Wissenschaftler. Worte könnten beeinflussen, wie wir uns selbst und die Welt um uns herum wahrnehmen. In seinem Buch "How to be a Happy Bachelor" (Deutsch: Wie man ein glücklicher Junggeselle ist) listet er einige der Ausdrücke auf, die man gegenüber Singles nicht mehr verwenden sollte. Einen Auszug daraus, stellt er auf Kislevs Blog bereit:

"Immer noch" Single sein

Jemanden "immer noch" als Single zu bezeichnen impliziert, dass man daran etwas ändern müsste. Er wirke, als würde man jemandem das Recht absprechen, sich freiwillig für das Alleinsein zu entscheiden.

"Familienvater"

Dieser Begriff wird gerne berühmten Persönlichkeiten oder auch Politikern zugesprochen, um eine Art Verbundenheit zu ihnen herzustellen. Das Problem: Menschen, die weder Partner noch Kinder haben, werden hier automatisch ausgeschlossen. Wynne schreibt: "Nur weil jemand einen Ehepartner oder Kinder hat, macht ihn das nicht 'sympathischer', noch ist er fähiger, einen bestimmten Job zu machen."

"Gescheiterte Beziehung / Ehe"

Etwas wie eine gescheiterte Beziehung gebe es laut Wynne schlichtweg nicht. Sie habe ihre Halbwertszeit, ob ein Monat, ein Jahr oder eben fünf Jahre. "Beziehungen nehmen einfach ihren Lauf", so der Forscher.

"Die bessere Hälfte"

"Bedeutet das, dass ich kein ganzer Mensch bin, weil ich keinen festen Partner habe?", fragt Wynne. Dieser Ausdruck impliziere zudem, dass es für jeden Menschen eine andere Hälfte geben muss.   

"Nur Freunde"

Wynne stört sich hier an dem Wörtchen "nur": "Soll das heißen, dass eine platonische Freundschaft weniger wichtig ist als eine Beziehung? Papperlapapp, sage ich!"

"Allein" mit "einsam" gleichsetzen

"Allein" sei ein negativ konnotiertes Wort, wobei es Menschen gäbe, die das Alleinsein genießen. Dagegen stehen "einsame" Menschen, die sich traurig und zurückgelassen fühlen. Dabei könne man sich auch in einer Beziehung einsam sein.

"Deshalb bist du noch Single"

Dieser Satz sei laut Wynne die Königsklasse des Single-Shamings. Er bedeutet, dass etwas falsch daran sei, Single zu sein.

"Wenn du mal verheiratet bist / mal Kinder hast"

"Viele Eltern sagen das zu ihren Kindern, um ein Argument zu untermauern", schreibt Wynne. Doch das traditionelle Familienbild ändert sich auch, manche Menschen werden vielleicht nie heiraten oder Kinder bekommen. Statistiken zeigten laut Wynne einen deutlichen Rückgang.

Quelle:  Happy Singlehood


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