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Interview

Ausstieg aus der Szene: "Ich bin kein Nazi, aber ich war mal einer" – ein ehemaliger Rechter berichtet

Christian E. Weißgerber war jahrelang in der rechtsradikalen Szene aktiv. Im Interview erzählt er, warum er sich für ein Leben als Nazi entschieden hat, wie er den Ausstieg schaffte und warum es in Ostdeutschland so viele Rechte gibt.

Rechte Demo in Essen

Aufmarsch von Rechtsextremen bei einer Demonstration der Partei Die Rechte in Essen

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"Ich bin kein Nazi, aber ..." – mit dem Halbsatz, dem häufig dann doch ein rassistisches Ressentiment folgt, beginnt Christian E. Weißgerber sein Buch. Bei Weißgerber, Jahrgang 1989, kommt dann jedoch ein Geständnis: "Ich bin kein Nazi, aber ich war mal einer." Der gebürtige Eisenacher hat seine Geschichte im Inneren der Nazi-Szene aufgeschrieben. In seiner Biografie "Mein Vaterland" erzählt Weißgerber über seine Kindheit mit einem gewalttätigen Vater in Eisenach und wie er noch während der Schulzeit zum Neonazi wurde. 2010, mit 21 Jahren, kehrte Weißgerber der Szene wieder den Rücken.

NEON hat mit dem 30-Jährigen über seine Geschichte, rechtsradikale Tattoos, die Nazi-Szene in Ostdeutschland und die AfD gesprochen.  

Christian, dein Buch trägt den Untertitel "Warum ich ein Neonazi war". Wie hast du diese Frage für dich persönlich beantwortet?

Es waren verschiedene Ereignisse und Prozesse, die sich von meiner Kindheit über meine Jugend entwickelt haben. Das hatte mit den Familienerlebnissen zu tun, aber auch mit einer Alltagskultur, in der Rassismus eine große Rolle spielte, auch wenn er nicht so genannt wurde. Die Vorstellung, Nazi zu werden, war da eine Art von Befreiung. Die meisten Leute denken, dass Menschen, die solchen totalitären Ideologien angehören, unterdrückt oder eingeschränkt seien, weil sie sich solchen Orientierungssystemen unterwerfen. Sie verstehen aber nicht, dass die Menschen sich dadurch gestärkt fühlen, weil sie wissen, wie der Tag auszurichten ist, wo sie sich mit wem wie verhalten sollen. Das kann sich positiv und gut anfühlen.

Wie bist du damals in die Nazi-Szene gekommen?

Ich war in der Metal- und Punkszene unterwegs und bin mit Nazi-Rockmusik in Berührung gekommen. Lieder von Nazi-Bands zu hören, gehörte bei uns zum Standard, auch in der Klasse am Gymnasium – die Leute, die etwas dagegen gesagt haben, wurden einfach niedergeschrieen oder ausgelacht. Ich habe dann aktiv Kontakt zur Szene gesucht und über eine Klassenkameradin einen Nazi kennengelernt, der mein Mentor geworden ist.

Christian E. Weißgerber

Christian E. Weißgerber

Man kann also nicht sagen, dass du einfach hineingeraten bist.

Ich glaube, dass diese Erzählungen von Leuten, die angeblich in die Nazi-Szene reingerutscht sind, Schutzbehauptungen sind. Einerseits von den Leuten selbst, aber auch von ihren Eltern und der Gesellschaft, weil sich dann die gute Mitte nicht eingestehen muss, dass bestimmte Formen von Rassismus, Chauvinismus und Nationalismus an der Tagesordnung sind und manche Leute das dann konsequent zu Ende denken. Meine Schwester hat ja fast das Gleiche erlebt wie ich, aber sie ist niemals zu irgendwelchen Nazi-Cliquen gegangen. Solche Lebenssituationen bieten Möglichkeiten an, aber es ist am Ende die eigene Entscheidung. Deshalb zeige ich sehr klar, dass ich mich dafür entschieden habe, weil ich mich nicht in eine Opferrolle reden will.

Inwiefern ist deine Entwicklung typisch für viele andere, die sich in der Szene befinden?

Ein Stück weit auf alle Fälle. Ich habe meine Geschichte vor allem deshalb in Buchform gepackt, weil es jetzt eine Generation der nicht mehr typischen Nazi-Schläger gibt, die großen Einfluss hat. Das sind eher Menschen wie etwa Martin Sellner (einer der führenden Akteure der Identitären, Anm. d. Red.), die in der Nazi-Szene sozialisiert wurden wie ich, sich aber früh auch mit Büchern und Literatur aus dem rechten Umfeld auseinandergesetzt haben. Die treten jetzt eloquent auf und können gut argumentieren. Meine Geschichte zeigt, dass das Vorurteil, Nazis seien blöd, keinen Sinn macht, und wie bestimmte Aufwertungen von rassistischen und nationalistischen Positionen stattfinden.

Im Buch beschreibst Du, dass in einer der Gruppen, der du angehört hast, auch Dinge wie Umweltschutz oder vegetarische Ernährung zu den Grundwerten zählten. Außerdem hast du dich auch stark von RAF-Propaganda inspirieren lassen. Das klingt alles eher links als rechts.

Menschen versuchen in solchen Kreisen, absichtlich diese Einordnungen zu durchbrechen, deshalb machen diese Kategorien dort wenig Sinn. Wenn man sich die Geschichte der Vegetarierbewegung in Europa anschaut, ist die braun – das sind völkische Bewegungen gewesen, die angefangen haben, einen krassen Öko- und Vegetarierbezug aufzubauen. Das hat sich bis in die Nazi-Riegen fortgesetzt. Auch die RAF ist auf eine Art und Weise links gewesen, die es erlaubte, das Bombardement auf Dresden mit Auschwitz zu vergleichen, wie es Ulrike Meinhof getan hat. Das ist natürlich sehr angenehm für Nazi-Aktivisten. Man nimmt sich das, was passt – und schneidet alles andere weg. Nichts anderes macht heute die AfD, wenn sie sich auf Sophie Scholl oder Rosa Luxemburg beruft.

Wir haben jetzt darüber gesprochen, warum du Nazi geworden bist – warum bist du denn kein Nazi mehr?

Es gab kein Schlüsselerlebnis, nach dem sich alles geändert hat. So etwas lässt sich in den Deradikalisierungsprozess, den ich bei mir oder anderen erlebt habe, eigentlich nur im Nachhinein hineininterpretieren. Ich war enttäuscht über die Grabenkämpfe in der Nazi-Szene, weil es dort sehr viele Leute gibt, die glauben, dass sie die einzige Wahrheit haben und sich leider meine eigene nicht durchsetzen ließ. Dazu gesellte sich der Widerstand durch Polizei, Gesellschaft und Antifa, der auch nicht die Lust gesteigert hat, sich für diese Sache einzusetzen. Ich habe auch mit Antifa-Aktivisten Argumente ausgetauscht. Für mich und andere haben sich aus solchen Debatten Freundschaften entwickelt, die dazu geführt haben, dass wir uns von der Szene entfernt haben und schließlich ausgestiegen sind. Wichtig war auch die Veränderung meines Lebensumfelds: kurz vorm Abi zu Hause rauszufliegen, dann Bundeswehr, nach der unehrenhaften Entlassung in Südthüringen und dann zum Studium nach Jena.

Wie schwierig war der Ausstieg?

Zuerst haben ich und einige andere gesagt: So machen wir nicht weiter, wir ziehen uns zurück. Mehr war das erst einmal nicht. Ich habe keine Demos mehr mitorganisiert und keine Reden mehr gehalten. Nach ungefähr einem Jahr bin ich dann zu einer Aussteigerorganisation gegangen. Die geben einem für die bürgerliche Gesellschaft den Stempel, dass man kein Nazi mehr ist. Innerhalb der Szene wurden wir dadurch natürlich zu Verrätern. Die Schwierigkeit ist aber, seine Gewohnheiten, sein Gefühlskorsett, wie man auf andere Menschen reagiert, zu verändern. Das dauert ewig lang und man muss sich extrem mit sich selbst auseinandersetzen.

Hattest du nach deinem Ausstieg noch Freunde oder ein soziales Umfeld?

Während meines Rückzugs habe ich noch Kontakt gehalten, erst als ich zu der Aussteigerorganisation gegangen bin, habe ich mit allen Nazi-Bekanntschaften gebrochen. Das halte ich für einen extrem wichtigen Punkt, wenn Leute wirklich aussteigen wollen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon ein paar andere Freunde. Nicht sehr viele, aber ausreichend viele, um mich nicht verlassen zu fühlen.

Du hast dir auch einige rechtsradikale Tattoos stechen lassen, sogar Hakenkreuze. Was machst du damit?

Die allermeisten Tattoos habe ich übertätowieren lassen, das ist allerdings extrem teuer. Es gibt noch eines – da fehlt einfach noch das Geld, um das wegmachen zu lassen. Ich habe für eine Aussteigerorganisation eine Kooperation mit Tattoostudios aufgebaut, in denen Menschen sich ihre Tattoos entfernen lassen können. Das kann ein wichtiger Punkt sein, weil Tätowierungen in der Szene einen rituellen Charakter haben.

Mittlerweile hältst du Vorträge an Universitäten und Schulen zu dem Thema. Wie anfällig sind junge Menschen heute für rechtes Gedankengut?

Ich habe das Gefühl, dass eher die älteren Menschen anfällig dafür sind. Mit den Jugendlichen, die ich erlebe, sind meistens Diskussionen möglich, selbst wenn sie sich zu den Identitären oder zur AfD bekennen. Für Erwachsene gilt das nicht auf die gleiche Weise. Bei Schülerinnen und Schülern sehe ich eher die Schwierigkeit, dass sie in der Schule von den Lehrern und daheim von den Eltern ständig gesagt bekommen, was sie zu machen haben. Das ist ein relativ großes Problem, denn eigentlich sollen die Schüler ja zu mündigen Bürgern erzogen werden und demokratische Mitbestimmung lernen.

Wie könnte das geändert werden?

Wir bräuchten auch in der Schule gelebte Demokratieformen, damit junge Menschen sich ernstgenommen fühlen. Ich habe in meiner Schulzeit nie das Gefühl vermittelt bekommen, dass ich etwas verändern könnte. Es ist paradox, dass bei eigentlich antidemokratischen Angeboten, zum Beispiel bei salafistischen oder rechtsextremen Vereinigungen, die Schülerinnen und Schüler oft mehr Mitspracherechte haben als in der Schule, in Sportvereinen oder zu Hause. Der Kampf gegen menschenverachtende Ideologien bedeutet nicht nur, auf die Straße zu gehen, sondern auch bestimmte Infrastrukturen zu bieten, um mit anderen Menschen zusammenzukommen. Da gibt es vor allem in Ostdeutschland riesengroße Defizite.

Stichwort Ostdeutschland – vor allem im vergangenen Jahr ist der Osten wieder stark in den Fokus geraten. Warum ist das Problem des Rechtsradikalismus dort so groß? Du kommst ja selbst aus Sachsen-Anhalt.

Nach dem 2. Weltkrieg haben die Nazis, zumindest auf der Ost-Seite, die homogenste Bevölkerungsgruppe aller Zeiten auf deutschem Territorium hinterlassen. Da gab es zwar eine kleine jüdische Gemeinschaft und Gastarbeiter, aber kaum öffentlich sichtbar. Es gab auch offiziell keine Nazis, das waren dann Rowdys oder Dissidenten. Durch den staatlich verordneten Antifaschismus  gab es keine ernsthafte Aufarbeitung. Zweitens sind Nazigrößen absichtlich in die DDR gegangen, weil der Volkskörper dort quasi schon fertig war – es gab kaum Gastarbeiter, es gab keine multikulturelle Gesellschaft. Nach dem Fall der Mauer wurden dort, wo sich vorübergehend niemand mehr von staatlicher Seite zuständig fühlte, Nazi-Strukturen aufgebaut. Drittens wünschten sich viele Demonstranten vor der Wende gar nicht das Ende der DDR, sondern Reformen. Heute fühlen sie sich als Benachteiligte und haben das Gefühl, dass Demokratie für sie nicht funktioniert. Dazu kommt das rassistische Ressentiment, dass man sich auf dem Arbeitsmarkt gegen Leute aus anderen Ländern durchsetzen muss.

Mit der AfD ist eine rechtspopulistische Partei seit einiger Zeit in den Parlamenten vertreten und auch in den Medien sehr präsent. Werden rechte Positionen in Deutschland wieder normaler?

Ja, und das ist nicht nur ein Gefühl. Sachen, die wir 2008, 2009 durch Flugblätter versucht haben zu propagieren, werden seit einigen Jahren als ernstzunehmende Standpunkte diskutiert. Ein entscheidender Punkt war da das Buch "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin. Die AfD hat es dann geschafft, in die Kerbe zu schlagen, was Sarrazin und andere ermöglicht haben. Rassistische Ressentiments hat es in Deutschland seit der Kolonialzeit immer gegeben, nach 1945 konnten sie aber nicht mehr so frei geäußert werden Das hat sich leider auch durch die AfD gewandelt. Nationalistisches und rassistisches Gedankengut steht jetzt oft – zumindest in den Augen einiger Menschen – gleichberechtigt neben anderen Ansichten.

Ein ebenfalls oft diskutierter Punkt ist die Floskel, ob man "mit Rechten reden" sollte. Was meinst du als ehemaliger Rechter – sollte man? Und wie?

Die meisten Menschen, die über diese Frage diskutieren, wollen ja nicht wissen, ob und wie sie mit Rechten reden sollen. Die wollen, dass andere das für sie in einer Talkshow tun. Man sollte lernen, andere in seinem Umfeld argumentativ zu überzeugen, wenn sie rechte Dinge äußern. Wenn es zu Weihnachten beim Essen clasht, das sind die Momente, in denen man mit Rechten reden muss – in seinem Freundeskreis, mit Menschen, zu denen man einen empathischen Zugang hat. So etwas passiert auch nicht in einem Gespräch, sondern über Monate hinweg. Das ist eine der wenigen Möglichkeiten, Leute mit einem geschlossenen, rassistischen Weltbild überhaupt noch zu erreichen.

Gegen Fremdenfeindlichkeit: Ex-Nazi kämpft mit einer wichtigen Botschaft gegen Populismus
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(