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Studentin in Bayern: "Meine Eltern haben Angst um mich": Junge Muslima spricht über ihre Sorgen in Deutschland

Sara ist 21. Sie studiert in Passau. "Meine Eltern bitten mich, nicht offen zu zeigen, dass ich Türkin und Muslima bin. Weil sie Angst haben", twitterte sie vor wenigen Tagen – und erhielt tausende Reaktionen. Wir haben mit ihr über das Leben in unserem Land gesprochen.

Eine Frau blickt nach vorn

Was bringt die Zukunft in Deutschland? Eine junge Muslima spricht mit NEON über ihre Sorgen, Ängste und Wünsche. (Symbolbild)

Pexels

Auf den ersten Blick sieht man Sara (Name von der Redaktion geändert) nicht an, dass sie sich Sorgen macht. Ihre Augen leuchten, sie grinst. Die 21-Jährige trägt ein graues T-Shirt, eine helle Jeans, weiße Sportschuhe. Und obwohl das Gespräch ein ernstes ist, wird aus ihrem Lächeln oft ein Lachen. Hier sitzt eine junge, aufgeweckte Frau. Braune Haare, braune Augen, sportlicher Typ. Vor ihr steht eine Tasse grüner Tee. Sara genießt ihre Semesterferien, weshalb sie auch unter der Woche zuhause sein kann, bei ihren Eltern, ihrem Bruder und ihrem Hund. Zuhause ist ein 3000-Seelen-Ort in Bayern, unweit von München. Man kennt sich im Dorf, trifft sich im Wirtshaus, vertraut einander. Hier ist die Welt noch in Ordnung, könnte man sagen – wenn man eine ziemlich deutsche Redensart bemühen möchte.

Doch Saras Welt ist nicht mehr in Ordnung. "Ich stelle mir schon die Frage, wie es hier weitergeht", sagt sie. "Ist das das Land, in dem ich auch noch in ein paar Jahren leben kann und leben will?"

Sara ist Muslima. Eine aufgeschlossene, angepasste Muslima, wie sie erzählen wird. Und doch ist sie die Tochter zweier Türken. Sie ist gläubig, geht auch mal in die Moschee. Ihr Vater lebt seit 25 Jahren in Deutschland, ihre Mutter noch viel länger. Der Papa kam einst für die Mama nach Deutschland, weil er sich in sie verliebt hatte. Eine schöne Geschichte. Sara klingt aber auch ein wenig wehmütig, wenn sie darüber spricht, weil ihr die aktuelle Stimmung in Deutschland Sorgen bereitet.

Ein Tweet sorgt für Aufsehen im Netz

Vor einigen Tagen setzte sie einen Tweet ab, der für Aufsehen sorgte. "Meine Eltern bitten mich, nicht offen zu zeigen, dass ich Türkin und Muslima bin. Weil sie Angst haben. Und das sagt irgendwie genug zur Situation in Deutschland aus", schrieb sie. Fast 1000 Retweets sammelte der Beitrag, über 6000 Mal drückten fremde Menschen "gefällt mir".

Viele, viele Menschen haben ihr Nachrichten geschrieben. "Muslime und Juden haben sich gemeldet. Mir gesagt, dass es ihnen auch so geht, dass sie mich verstehen. Das hat gut getan." Denn die Angst ihrer Eltern beschäftigt sie. "Und ich kann sie auch ein wenig verstehen", sagt sie. "Meine Eltern wurden ziemlich kritisch beäugt, als sie in dieses Dorf kamen. Sie wurden gemieden, bis sie bewiesen hatten, dass sie okay sind und niemandem etwas böses wollen." Entsprechend haben sie ihre Tochter und den jüngeren Bruder erzogen. "Uns wurde immer gesagt: Mischt euch nicht ein, geht dem Stress aus dem Weg, fallt nicht auf."

Gerade jetzt fällt Sara das schwer. "Ich habe einen ziemlich ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Und wenn jemand mich oder eine andere Person rassistisch oder islamophob beschimpft, dann will ich nicht schweigen. Man muss diesen Menschen sagen, dass das nicht geht."

Ein Satz eines Mitschülers bleibt im Gedächtnis

In ihrem Heimatdorf hat Sara heute nicht häufiger Probleme als früher, schließlich kennt man sie. Sie ist in Bayern geboren, ging dort zur Grundschule und aufs Gymnasium. Dumme Sätze hat es dennoch auch schon vor zehn Jahren gegeben, sagt sie. "Als ich zehn war, habe ich im Matheunterricht mal ein falsches Ergebnis genannt. Da drehte sich ein Mitschüler um und sagte: 'Typisch Türken.'" Der Satz blieb ihr deshalb im Gedächtnis, "weil sich das ein Kind nicht selbst ausdenkt. Das muss er ja zuhause gehört haben." Immerhin konnte sich Sara auf ihre Mitschüler verlassen. "Ich wurde immer verteidigt, wenn jemand etwas rassistisches sagte. Es gab immer Menschen, die mir geholfen haben und hinter mir standen."

Ohnehin wird Sara nicht regelmäßig angefeindet. "Mein Name klingt nicht typisch türkisch, zudem ist meine Haut nicht zu dunkel. Ich muss im Urlaub immer ziemlich aufpassen, dass ich keinen Sonnenbrand kriege", sagt sie. Und lacht. Wird dann aber wieder sofort ernst: "Dennoch spüre ich die veränderte Stimmung im Land. Nicht nur auf der Straße, vor allem dann in Passau, sondern auch im Netz. Wenn plötzlich Freunde auf Facebook AfD-Parolen teilen, da schluckt man und kann es nicht fassen."

Und Sara kennt auch Migranten, die selbst über Flüchtlinge schimpfen, die in den letzten Jahren ins Land gekommen sind. "Die sagen dann: 'Wegen denen müssen wir jetzt leiden.'" Und auch hier gilt: Manchmal kann sie durchaus verstehen, was sie meinen. "Es kann auch niemand behaupten, dass jeder einzelne Geflüchtete sich gut benimmt. Natürlich sind auch Irrköpfe ins Land gekommen. Aber wenn man die große Masse anschaut, die niedrige Kriminalitätsrate – dann kann ich einfach nicht verstehen, wieso viele Menschen heute die AfD wählen."

Sie selbst wünscht sich, dass die Menschen offener aufeinander zugehen, dass sie die Vorurteile erst einmal beiseite schieben und den Flüchtlingen auch Zeit gegeben wird, sich hier zu integrieren. Sie selbst ist ein Beispiel, wie das gelingen kann: "Gerade als Teenager war es ein ständiger Spagat zwischen zwei Kulturen", sagt die Deutsch-Türkin. "Ich habe zwei Pässe, möchte auch die türkische Kultur leben. Gleichzeitig bin ich aber eben nicht nur Türkin. Ich bin auch Deutsche."

"Wo soll denn da das Problem sein?"

Und sie ist eine Frau, die ihren eigenen Weg sucht – als Deutsche mit türkischen Wurzeln: "Ich trage kein Kopftuch, weil es in meiner Familie kein Thema war. Ich esse kein Schweinefleisch – aus religiösen, aber auch gesundheitlichen Gründen. Ich faste im Ramadan, passe den Rhythmus aber meinem Leben an. Und gleichzeitig trinke ich auch mal Alkohol, da habe ich kein Problem mit." Sara tut das, was sie für sich und ihre Sicht auf die Welt als richtig erachtet – und wünscht sich, dass auch andere die entsprechende Offenheit und Toleranz an den Tag legen. Und nennt ein ganz pragmatisches Beispiel: "Wenn es heiß ist, ziehe ich knappe Klamotten an. Aber vielleicht sind sie nicht ganz so offen und eng wie die mancher Freundinnen. Wo soll denn da das Problem sein?"

Und doch erlebt Sara immer und immer wieder, dass Menschen ihr Leben, ihre Religion, ihre Ansichten nicht akzeptieren wollen. Auch – und vor allem – im Netz. "Dann bekommt man Antworten, in denen steht, dass ich ja in mein Land zurückgehen könne, wenn es mir hier nicht mehr passt. Das trifft mich, das macht mich traurig. Und ich frage mich: Warum und wie sollte sich hier jemand integrieren, wenn er ohnehin nicht akzeptiert wird?" Am meisten jedoch treffen sie solche Worte, weil sie Angst vor der eigenen Zukunft bekommt. "Natürlich stehen hier nicht überall Nazis. Natürlich sind die, die offen und tolerant sind, mehr. Aber bleibt das so?"

Für Sara wäre es momentan undenkbar, in die Türkei zu ziehen. "Wenn ich dort zu Besuch bin, bin ich doch auch nur das 'deutsche Mädchen'. Ich kann gar nicht in mein Land zurückkehren. Weil mein Land Deutschland ist."

Teilnehmer der Gegendemo "Hamburger Stimmen für Vielfalt"
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