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Meinung

"Zu verschenken": "Spenden" auf dem Bürgersteig: Nein, liebe Wohltäter, wir wollen euren Müll nicht haben

Kleidung, kaputte Mikrowellen, kitschiges Geschirr: "Zu verschenken", heißt es großmütig auf Kartons an der Straße und in Onlinebörsen. Schon ist der Müll entsorgt. Und wehe, der Beschenkte ist nicht dankbar!

Von Lars Weisbrod

Mann mit Spendenbox

"Zu verschenken" heißt es großmütig auf Kartons an der Straße – aber macht das unsere Kultur des Schenkens kaputt? (Symbolbild)

Getty Images

Seit einiger Zeit hängt ein neues Schild im Fenster der Kindertagesstätte, an der ich auf dem Weg zum Bäcker manchmal vorbeilaufe. Auf dem Schild steht: "Keine 'Spenden' vor der Einrichtung ablegen! (KEINE Kleidung, Spielsachen, Fahrzeuge, Puppenwagen usw.)" Jemand hat das Wort "Spenden" in Gänsefüßchen gesetzt. Vermutlich hatte der gespendete Puppenwagen nur noch ein Rad und die Kleidung mehr Löcher und seltsame Flecken als ein Kleinstadtminigolfplatz.

Wer seine Sachen nicht in der Kita los wird, stellt sie auf den Bürgersteig

Die Kita befindet sich mitten auf einem neuen Schlachtfeld, dem Schlachtfeld des Verschenkens. Dort sind die Regeln hart, und wer nicht aufpasst, dem kippen Wohltäter nachts zehn kaputte Puppenwagen vor die Haustür. Das Schlachtfeld erstreckt sich über das gesamte bei Familien und Immobilienspekulanten beliebte Viertel. Wer seine Sachen nicht vor der Kita loswird, stellt sie in einem Karton auf den Bürgersteig. Auf der Straße ist hier jeden Tag Weihnachten. Ein trauriges Weihnachten, bei dem keiner Zeit, Geld oder Mühe aufwenden wollte für die Geschenke.

Auf einem Mittagsspaziergang durch das Viertel könnte man sich bis an sein Lebensende versorgen mit ausgelatschten Kinderschuhen, Spielfilmen auf VHSKassetten und Konsalik-Ausgaben, die der Verschenker aus der Stadtbücherei geklaut hat. An jeder Ecke was umsonst, als wäre der Kommunismus ausgebrochen, nur immer noch mit dem alten Schönheitsfehler, dass es nur das gibt, was wirklich niemand gebrauchen kann.

Aus Müll werden Spenden für Selbstabholer

Wir schaffen es immer wieder, aus jeder noch so großen, schönen Idee innerhalb von kurzer Zeit eine Zumutung zu machen. So ergeht es jetzt der Sharing Economy. Eigentlich ein sehr guter Gedanke: dass wir uns manche Dinge einfach teilen nicht jeder im Mietshaus muss sich eine Schlagbohrmaschine kaufen, und das alte iPhone des einen ist dem anderen noch gut genug. Weil es aber doch Überwindung kostet, etwas zu teilen, das man selbst vielleicht noch brauchen oder wenigstens zu Geld machen könnte, verwandelt sich die Sharing Economy in eine Abfallwirtschaft. Man ist zu faul, die hässlichen alten Möbel aus dem dritten Stock in den Keller zu tragen? Macht man eben eine Spende für Selbstabholer draus.

Plötzlich wird alles großzügig verschenkt, windschiefe Ikea-Schrankwände, eklig marmorierte Matratzen, bis zur Unkenntlichkeit verbogene Wäscheständer Dinge also, die man vor Jahren anstandshalber wenigstens noch nachts auf dem Autobahnparkplatz ausgesetzt hätte.

"Free Your Stuff" sind digitale Verschenkgruppen

Nicht nur die Straßen werden mit hässlichen Präsenten verstopft, im Internet sieht es noch viel schlimmer aus. "Free Your Stuff" nennen sich die als digitale Verschenkegruppen getarnten Müllkippen, die sich bei Facebook etabliert haben. Der Hamburger Ableger hat über 24 000 Mitglieder, der Berliner sogar über 80 000. Andere wenden sich direkt ans Großunternehmen Ebay, das sich in der Kleinanzeigenrubrik "Zu verschenken" ebenfalls um das digitale Schrottwichteln kümmert. Hier ein paar Verschenkangebote der letzten Wochen:

1. mehrere Mikrowellen, "sehr stark verschmutzt"

2. ein Kleinstaubsauger, "leider nicht mehr funktionstüchtig, für Bastler"

3. "Kleiderschrank antik"

4. unzählige Röhrenfernseher

5. die Bedienungsanleitung für ein altes Motorola-Handy ("HANDY NICHT ENTHALTEN")

In den Onlinebörsen offenbart sich ein Panoptikum der enttäuschten Hoffnungen. Nicht nur das einzelne Produkt hielt nicht, was es an Glück versprach ("Eismaschine, vier Jahre alt, aber nur einmal benutzt"); vor allem die Erkenntnis, dass unsere Marktwirtschaft doch eine Wegwerfgesellschaft ist, scheint immer wieder neu und gleich schmerzhaft zu sein.

"Irgendwen muss es doch geben, der daran noch Gefallen haben könnte!"

Die Schenker wollen das Ding, das mal was gekostet hat, nicht wegwerfen, sie wollen nicht wahrhaben, dass sie selbst nur eine kurze Zwischenstation auf seinem Weg vom Shopregal zur Müllkippe waren. Es würde ihnen das Konsumentenherz brechen. Also klammern sie sich an der letzten Hoffnung fest: Irgendwen muss es doch geben, der daran noch Gefallen haben könnte! Man würde es ihm sogar schenken. Hauptsache, man wird dieses schlechte Gefühl wieder los. Wie sinnlos die Dinge manchmal scheinen, wie sinnlos schon ihre Herstellung, ihr Kauf, wie sinnlos die ganze Marktwirtschaft, wenn einem die alte Eismaschine beim Aufräumen in der Abstellkammer auf den großen Zeh fällt.

Die Erwartungen an den Beschenkten sind hoch, denn er soll durch seine Dankbarkeit Sinn stiften. In einer "Free Your Stuff"-Gruppe meldete sich vor einiger Zeit ein Syrer, der gerade seine erste eigene Wohnung in Deutschland bezogen hatte. Er listete Möbel auf, die ihm noch fehlten. Die Hilfsbereitschaft war groß, zu groß. Der Syrer war damit beschäftigt, sehr höflich Angebote abzulehnen, mit denen er nichts anfangen konnte. Die "Free Your Stuff"-Ultras feuerten sich gegenseitig an, "Ihr seid so SUPER!!!" , schrieb eine Userin. Gleichzeitig wurde der Syrer zurechtgewiesen, wenn er sich zu spät auf ein Angebot zurückmeldete. Am Ende bot eine professionelle Flüchtlingshilfe an, mit Möbeln auszuhelfen, man könne sie sogar vorbeibringen. Ein wenig eingeschnappt zogen die anderen Schenker ihre Angebote zurück.

Die Wegwerfgesellschaft ist der Feind

Nur ein paar Straßen entfernt von dort, wo die Kita sich gegen wilde Müllspendenkippen wehrt, half ich meiner Freundin einmal bei einem Umzug.

Ich hatte ihr kurz zuvor einen dieser roten Töpfe der Firma Le Creuset geschenkt. Ein teurer Topf, der angeblich ein Leben lang hält, ja den man sogar noch seinen Enkelkindern vererben können soll. Im Le-Creuset-Karton, in dem der Topf verpackt gewesen war, transportierten wir beim Umzug einigen Kleinkram. Unbedarft ließen wir beim Ausladen den Karton mit anderen Umzugskisten für kaum eine Minute unbeobachtet auf der Straße stehen mitten im Geschenkeschlachtfeld. Als wir wieder auf die Straße traten, wühlte bereits eine Wachsjackenträgerfamilie in den Sachen. "Oh, entschuldigen Sie", sagte der Mann, "ich dachte, Sie wollten diesen Le-Creuset-Topf verschenken!"

Der Moment hat sich eingeprägt, weil in ihm die ganze Verworrenheit der neuen Schenkkultur zutage tritt. Die Wegwerfgesellschaft ist der Feind, daher kauft das Bürgertum nur noch Wertiges, Haltbares, Vererbbares, von Manufactum, von Le Creuset. Bräuchte man diese Dinge nicht mehr, wäre es tatsächlich angebracht, sie zu verschenken. Mid-Century-Designklassiker-Stühle findet man aber nie bei "Free Your Stuff" oder vor der Kita abgeladen, sondern für viel Geld beim Antiquitätenhändler ein Haus weiter.

Die Manufactum-Schicht entledigt sich ihrer wertlosen Gegenstände

Gleichzeitig aber drückt die Last all der Wegwerf-Ikea-Produkte schwer, sie bereiten einem ein schlechtes Gewissen, sie entsprechen nicht mehr der Moral und der Ästhetik. Sie zum Wertstoffhof zu fahren, kommt aber nicht infrage. Ihr metaphorisches Gewicht würde sich dann in ein echtes verwandeln, das man schleppen muss. Außerdem will man den Range Rover nicht zerkratzen. Man bemächtigt sich lieber des Geschenkbegriffs und tut einfach so, als wäre die schmutzige Mikrowelle ein Le-Creuset-Topf.

Dieser Traum wird natürlich nicht wahr, so krampfhaft man den Wegwerfwaren auch das Etikett des Geschenks anklebt.

Die Wegwerfgesellschaft, in der wir nun einmal leben, hat ihren Preis, auch da, wo alles angeblich umsonst ist. Was tatsächlich passiert im Schenkkult: Die Manufactum-Schicht entledigt sich ihrer überflüssigen, wertlosen Gegenstände, sie wirft sie aus dem Le-Creuset-Turm herab, auf die Gesellschaftsschichten weiter unten. Sollen die sich doch darum kümmern! Es geht nicht um selbstloses Schenken oder Nachhaltigkeit, es geht um die Gnade einer Mittelschicht, die es sich als Spende quittieren lässt, alle anderen in ihrem Müll wühlen zu lassen. Wir gehen zu Manufactum, die anderen können sich um unsere durchgelegenen Tchibo-Matratzen prügeln. Und dafür sollen sie bitte dankbar sein.

Es wäre an der Zeit für eine neue Kultur des Schenkens

Wie schade, dass es wieder so kommen musste. Es wäre ja tatsächlich an der Zeit für eine neue Kultur des Schenkens. Für den Anfang sei an ein paar Grundregeln des Schenkens erinnert: Zum Beispiel schenkt man Menschen, die man nicht sehr gut kennt, nur Aufbrauchbares, Schokolade, Wein, Drogen. Keine Vase, die der andere hässlich findet und die ihn dann mit ihrer Existenz plagt.

Sehr schön aufbrauchbar sind übrigens auch Veranstaltungstickets. Es sind aber nicht selten die gleichen Leute, die bei "Free Your Stuff" als Heavy User unterwegs sind, die dann nicht einmal an ihre Facebook-Freunde Konzertkarten verschenken. "Bin leider krank geworden, deswegen ein Ticket für Rufus Wainwright heute Abend abzugeben", heißt es dann. "Hat original vierzig Euro gekostet, würde es für dreißig verkaufen." Klar, bei einem Stück Papier, das sich leicht in den Papiermüll werfen lässt, fällt das Spendabelsein auf einmal viel schwerer als bei der alten Schrankwand.

Dieser Artikel ist erstmals in der NEON Ausgabe 10/2016 erschienen.

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.