HOME

Tatort Flugzeug: Studie zur sexuellen Belästigung: Warum sich das Bild von Flugbegleitern ändern muss

Laut einer aktuellen Studie wurde jeder zweite Kabinenmitarbeiter in Flugzeugen am Arbeitsplatz schon sexuell belästigt – von Mitgliedern der Crew, aber auch von Passagieren. Ursache sind auch veraltete Rollenbilder.

Frau mit Koffer

Immer adrett gekleidet, immer hilfsbereit – das klassische (Rollen-)Bild der Stewardess hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert (Symbolbild)

Getty Images

Bei der Berufsbezeichnung Stewardess oder Flugbegleiter denkt man meist an adrett gekleidete, attraktive Damen in Uniform, die sich um das Wohl ihrer Passagiere an Bord sorgen. Für viele Menschen scheint dieses Bild immer noch die Berechtigung zu sein, anzügliche Kommentare oder gar weitreichendere Gesten zu machen. "Das ist ein gravierendes Problem, das viel zu sehr vernachlässigt wird", sagt Sylvia Gaßner von der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (UFO). Und: "Es betrifft auch Männer, auch wenn Frauen häufiger belästigt werden."

Jeder Zweite schon belästigt

Genaue Zahlen zu Opfern gibt es kaum. Die UFO hat jedoch erst im Mai eine vielbeachtete Studie veröffentlicht, wonach jeder zweite Kabinenmitarbeiter schon einmal am Arbeitsplatz sexuell belästigt wurde, zumeist an Bord aber auch bei den Aufenthalten zwischen zwei Flügen. In 45 Prozent der Fälle waren die Täter demnach Vorgesetzte, beispielsweise Piloten. Bei jeweils etwa einem Viertel waren es gleichrangige Crewmitglieder beziehungsweise Passagiere. Allerdings hat die Online-Umfrage mit mehr als 1000 Teilnehmern eine Schwäche. Da sie öffentlich auf der UFO-Website zugänglich war, konnte theoretisch jeder mitmachen.

Für Sylvia Gaßner aber kein Grund, die Zahlen anzuzweifeln: "Die Studie ist stimmig zu den Rückmeldungen, die ich von Kolleginnen und Kollegen erhalte." Noch alarmierender sind die Zahlen einer anderen Umfrage, welche die US-Gewerkschaft AFA unter dem Titel "#metoo in the Air" veröffentlichte. Befragt wurden dabei mehr als 3500 Stewardessen und Stewards von 29 US-Airlines. Darin erklärten sogar 68 Prozent, im Laufe ihrer Karriere sexuelle Belästigung erfahren zu haben.

Das sagt die Lufthansa

Bei Lufthansa, der größten deutschen Fluggesellschaft, hält man sich mit konkreten Daten bedeckt. "Wir würden dazu keine internen Statistiken nach außen geben", sagt eine Sprecherin. Klar sei aber: "Jeder Fall ist einer zuviel!" Es gebe im Lufthansa-Konzern null Toleranz für jegliche Form der Diskriminierung und der sexuellen Belästigung. Hat denn mit der #metoo-Bewegung ein Umdenken im Unternehmen eingesetzt? In der ganzen Gesellschaft sei das Bewusstsein geschärft worden, meint die Sprecherin. "Wir wollen einen offenen Umgang mit dem Thema und unsere Mitarbeiter sensibilisieren."

Der Konzern setze auf Prävention und biete zudem zahlreiche Anlaufstellen. "Denn je mehr Betroffene sich äußern, umso mehr sinkt die Hemmschwelle für andere, ebenfalls Unterstützung zu suchen." Den Angaben zufolge wurden 2018 zusätzlich zwei unabhängige externe Vertrauenspersonen berufen. Außerdem wird das Kabinenpersonal über den richtigen Umgang mit sexueller Belästigung geschult. "Dabei geht es vor allem darum, Grenzen zu setzen und Signale zu erkennen."

Veraltete Rollenbilder

Laut UFO-Mitglied Sylvia Graßner herrscht heute in der Gesellschaft immer noch ein Bild der Flugbegleiterin aus den 1950er und 1960er Jahren vor, das durch sexistische Werbung zusätzlich geschürt werde. Bis vor wenigen Jahren brachte zum Beispiel Ryanair noch einen Stewardessenkalender raus, in dem sich Flugbegleiterinnen im knappen Bikini zeigten; 2014 erschien die vorerst letzte Ausgabe.

Die Werbung habe damals – und teilweise auch noch heute - die allzeit auf Service ausgelegte Stewardess gezeigt, bemängelt Graßner, "die dir jeden Wunsch von den Augen abliest und vielleicht auch noch deine Schuhe auszieht". Dabei seien die Flugbegleiter in erster Linie für die Sicherheit an Bord zuständig. Das UFO-Mitglied sieht daher dringenden Handlungsbedarf: "Ich denke, gerade nach #metoo wird es Zeit, dass wir da endlich im 21. Jahrhundert ankommen."

lau / dpa