HOME
Interview

Seenotrettung: Simon hat seinen Job gekündigt, um auf dem Mittelmeer Flüchtlinge zu retten. Warum?

Simon Trebesius möchte nicht hinnehmen, dass Europa zuschaut, wie im Mittelmeer weiter Flüchtlinge ertrinken. Im NEON-Interview erklärt er, warum er seinen Job gekündigt hat, was ihn mit einem Schiff aufs Meer treibt und wovor er Angst hat.

Sea-Eye-Helfer retten Flüchtlinge

Helfer vom Flüchtlingsrettungsschiff "Sea-Eye" versorgen Flüchtlinge vor Libyen mit Trinkwasser (Bild aus dem Jahr 2017)

Picture Alliance

Im Jahr 2018 sind täglich im Durchschnitt sechs Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer ums Leben gekommen. Das sind zwar weniger als noch im Jahr zuvor, damals waren die Flüchtlingszahlen insgesamt aber noch höher, berichtet das Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Dass die Flucht nach Europa gefährlicher geworden ist, liegt auch daran, dass es nur noch wenige Such- und Rettungsmissionen gibt, die gekenterte Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten. So sind laut UNHCR im vergangenen Jahr mindestens 2275 Menschen gestorben. 

Politisch wird die Lage für Flüchtlingshelfer auf dem Mittelmeer immer schwieriger. Teilweise werden Rettungsschiffe in ihren Heimathäfen am Auslaufen gehindert, in der Vergangenheit gab es auch immer wieder Fälle, in denen Schiffe mit geretteten Flüchtlingen an Bord keinen Hafen zum Anlaufen gefunden haben. Den Rettern wird unter anderem vorgeworfen, das Geschäft von Schleppern zu unterstützen. Der Kapitän des Rettungsschiffes "Lifeline" stand auf Malta sogar vor Gericht.

Simon Trebesius, 33, lässt sich davon nicht einschüchtern. Der Hamburger hat lange als Servicetechniker auf Schiffen in der ganzen Welt gearbeitet. Doch damit ist jetzt Schluss – Simon hat gekündigt und wird von nun an hauptberuflich mit dem Rettungsschiff "Alan Kurdi" der Organisation "Sea-Eye" aufs Mittelmeer fahren, um dort Flüchtende vor dem Ertrinken zu retten.

Im NEON-Gespräch erzählt er, was ihn dazu bewogen hat, wovor er Angst hat und was er sich von der deutschen Gesellschaft wünscht.

Interview mit Flüchtlingsretter: "Ich kann dazu beitragen, dass weniger Menschen sterben"

Simon, du hast dich entschlossen, deinen bisherigen Job zu kündigen und willst jetzt mit einem Flüchtlingsrettungsschiff aufs Mittelmeer fahren. Wie bist du zu dieser Entscheidung gekommen?

Ich bin im vergangenen Jahr während meines Urlaubs zweimal auf dem Rettungsschiff "Seawatch 3" gewesen. Und obwohl wir zu dieser Zeit mit einer aus meiner Sicht widerrechtlichen und willkürlichen Begründung nicht auslaufen durften, hat diese Zeit bleibenden Eindruck hinterlassen. Nachdem ich wieder in Deutschland war, hatte ich den Gedanken, dass es im Prinzip ja nur konsequent wäre, so eine Arbeit in Vollzeit zu machen. Nach ein paar Monaten Bedenkzeit hatte ich mich dann mit verschiedenen NGOs in Verbindung gesetzt, um Möglichkeiten für ein längeres Engagement zu prüfen beziehungsweise herauszufinden, ob es Bedarf gibt. Meine Motivation dahinter ist, dass ich hoffentlich etwas dazu beitragen kann, dass weniger Menschen sterben.           

Wie haben dich die Erfahrungen, die du auf der "Seawatch" gesammelt hast, geprägt?

Wie gesagt, das hat bleibenden Eindruck hinterlassen. Man hat ja bereits vorher über die Situation im Mittelmeer gelesen, und ich wusste, dass es unglaublich schrecklich ist, was da passiert. Aber selber vor Ort zu sein und am eigenen Leib zu erfahren, wie Politiker in unserem, in meinem Europa vollkommen willkürlich verfügen, dass Seenotrettungsschiffe nicht auslaufen dürfen und damit den Tod von Tausenden  Menschen zu verantworten haben – das hat mich absolut erschüttert. Für mich ist das ein unglaubliches Verbrechen, und ich kann nicht verstehen wie so etwas heutzutage in unserem hochgelobten Europa, wo Menschenrechte vermeintlich so viel zählen, überhaupt noch passieren kann. 

Seawatch

Simon Trebesius bei seinem Einsatz auf der "Seawatch". Dafür opferte er seinen Urlaub.

Jetzt wirst du für die Hilfsorganisation "Sea-Eye" aufs Mittelmeer fahren. Was werden deine Aufgaben auf dem Schiff sein?   

Ich werde als Maschinist auf dem Schiff arbeiten. Das habe ich ja gelernt. Und so ist für mich auch überhaupt erst der Gedanke geboren worden, auf so einem Schiff mitzuarbeiten. Ich kann mit dem, was ich gelernt habe, ganz praktisch etwas dazu beitragen, dass weniger Menschen sterben.          

Die Lage auf dem Mittelmeer ist dramatisch und unberechenbar, die Bilder und Videos von ertrinkenden Flüchtlingen sind schwer zu ertragen. Wie bereitest du dich darauf vor – insbesondere auf die psychischen Belastungen, die dich erwarten können? Geht das überhaupt?

Ich wüsste nicht, wie ich mich auf so eine Situation vorbereiten könnte. Ich habe auf jeden Fall Respekt vor der Situation und glaube, dass es eine hohe Belastung sein kann. Aber ich hoffe da auf einen guten Zusammenhalt in der Crew und speziell auf die Besatzungsmitglieder, die solche Situationen schon öfter erlebt haben.           

Was ändert sich jetzt für dich? Gibt es auch Dinge, die dich unsicher machen oder vor denen du sogar Angst hast?

Unsicher? Ja, na klar. Ich lasse hier in Hamburg ein relativ sicheres Umfeld mit festem Job und vielen Freunden zumindest für eine Weile  zurück. Und tausche das gegen ein komplett neues und relativ unsicheres Umfeld ein, da ich nicht weiß, wie lange ich diesen Job machen kann beziehungsweise wie lange ich das aushalte oder wie lange unser Schiff fahren wird, ob es gegebenenfalls wieder am Auslaufen gehindert wird oder das Schiff eventuell komplett konfisziert wird. In dieser Rechnung gibt es sehr viele Unbekannte. Aber das habe ich natürlich vorher gewusst und ich habe mich ganz bewusst für diesen Weg entschieden. Angst habe ich tatsächlich davor, sehen zu müssen, wie Menschen ertrinken.

Wie hat dein Umfeld auf diese mutige und ungewöhnliche Entscheidung reagiert, zum Beispiel deine Freunde, deine Familie oder auch dein bisheriger Arbeitgeber?   

Überwiegend positiv. Ich bin auch sehr dankbar, an dieser Stelle einen starken Rückhalt zu haben. Natürlich gab es vereinzelt auch kritische Stimmen, aber ich finde es völlig normal, dass Außenstehende sich dazu kritisch äußern und Bedenken haben. Das ist ja kein alltäglicher Beruf und keine alltägliche Situation.            

Die "Willkommenskultur" hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren gewandelt, Flüchtlinge werden allgemein deutlich kritischer gesehen. Auch für die Retter auf dem Mittelmeer sind ihre Missionen immer schwieriger geworden. Wie siehst du diese Entwicklung?

Dass die Zuwanderung die Politik, den einzelnen Bürger und auch die Geflüchteten vor echte Herausforderungen stellt, steht außer Frage. Darüber kann und muss man lange streiten, was das im Einzelnen bedeutet. Aber egal, welche Meinung man zu Zuwanderung hat, muss es ja jedem verständlich sein, dass es keine Lösung ist, diese Menschen ertrinken zu lassen. Ich sehe diese Entwicklung sehr kritisch. Weil es für Teile unserer Gesellschaft akzeptabel wird, dass Menschen zu Tausenden an unseren europäischen Außengrenzen sterben, und die Angst davor geschürt wird, dass Flüchtlinge per se kommen, um uns etwas weg zu nehmen. Das ist für mich sehr bedenklich und alarmierend.

Seehofer in der Kritik : "69 Flüchtlinge an meinem 69. Geburtstag abgeschoben"