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Migrationsdrama im Mittelmeer Wir sollten uns schämen, dass wir über die Seenotrettung überhaupt diskutieren!

Mittelmeer Drama
In Frankfurt am Main demonstrierten zuletzt Tausende für Seenotrettung und sichere Fluchtrouten
© Arne Dedert/DPA
Jeden Tag sterben hundert Migranten im Mittelmeer. Private Helfer haben Prozesse am Hals. Währenddessen geht ein Video viral, in dem Pegida-Teilnehmer "Absaufen! Absaufen!" skandieren. Und unser Autor weiß schon lange nicht mehr, wohin mit seiner Wut.

Es ist alles nicht mehr zu fassen. Eigentlich müssten wir längst bis auf die Knochen abgestumpft sein. Schließlich leben wir in Zeiten, in denen ein Wahnsinniger im Weißen Haus sitzt und zwischendurch durch die Weltpolitik torkelt wie ein angesoffener Pauschaltourist. In denen Fremdenfeindlichkeit eine legitime Haltung zu sein scheint. In denen wirklich jeder Depp dies und das doch nochmal sagen dürfen wird. Ja, in denen sogar ein Horst wie Seehofer was zu melden hat.

Und doch begegnen uns täglich immer wieder neue, in der Form noch nicht dagewesene Widerwärtigkeiten. Gerade geht zum Beispiel ein Video viral: Es zeigt Teilnehmer einer Pegida-Kundgebung in Dresden, die "Absaufen! Absaufen!" skandieren, als der Redner über ein Rettungsschiff der Hilfsorganisation "Mission Lifeline" spricht. Das Video stammt vom 25. Juni, einem Zeitpunkt, als das Schiff mit 234 Flüchtlingen auf dem Mittelmeer unterwegs war. Aber die Bilder, wie der Mob grölt und der Redner sich daraufhin eins grinst, sind auch drei Wochen später noch an Ekelhaftigkeit nicht zu überbieten.

Seenotrettung: "Oder soll man es lassen?"

Während das Video also im Netz die Runde macht, meldet sich "Lifeline"-Kapitän Claus-Peter Reisch zu Wort. Reisch fischt seit anderthalb Jahren Migranten aus dem Mittelmeer – auch die besagten 234 Flüchtlinge, die längst tot wären, wenn es nach den Dresdner Schreihälsen gehen würde, hat er gerettet. 

Jetzt muss Reisch in Malta vor Gericht. Sein Schiff sei nicht ordnungsgemäß registriert, so der Vorwurf. Für Reisch ist das ein vorgeschobenes Argument, da die "Lifeline" regulär unter holländischer Flagge laufe: "Ich habe nichts verkehrt gemacht", sagte er am Münchner Flughafen vor Journalisten. "Das Ganze ist ein Politikum. Ich bin jetzt sozusagen das Bauernopfer für alle anderen NGOs, mich hat es stellvertretend erwischt."

Dass Reisch bis zu 11.600 Euro Strafe oder ein Jahr Haft drohen, ist für ihn gerade zweitrangig. Dass wieder Schiffe von NGOs am Auslaufen und private Suchflugzeuge am Start gehindert werden, prangert er stattdessen deutlich an: "Vor das Schmierentheater, in dem viele Leute sterben, soll jetzt ein Vorhang gezogen werden, damit niemand in der Welt das mehr sehen kann."

Reisch schätzt, dass täglich hundert Menschen im Mittelmeer sterben. Er sagt: "Der Notarztwagen steht bereit. Er darf aber nicht losfahren. Wenn sowas in Deutschland passieren würde und es würde nur eine einzige Person dadurch auf der Straße ums Leben kommen – ich möchte nicht wissen, was los wäre."

Stattdessen ist eine Debatte um private Helfer entbrannt. Stattdessen grölen geifernde Pegida-Mitglieder auf Kundgebungen herum und wünschen den ärmsten Menschen dieser Erde einfach mal den Tod. Stattdessen fragt die "Zeit", ob die Seenotrettung legitim ist: "Oder soll man es lassen?"

Sind wir eigentlich alle verrückt geworden? Es gehört zu ihren großen Errungenschaften, dass Demokratie auch Dummheit aushalten muss und dass man über alles, wirklich alles, diskutieren kann. Aber ausgerechnet unter dem Deckmantel dieser Prämisse ist es irgendwann innerhalb der letzten Jahre legitim geworden, dass jeder öffentlich herumproleten, hetzen und hassen darf, als sei ihm auch der letzte Rest Anstand abhanden gekommen.

Eine Katastrophe wie das Sterben im Mittelmeer

Und wer anderer Meinung ist, muss auf die Zähne beißen. Schließlich herrscht das Recht auf freie Meinungsäußerung. Jedem AfD-Wähler muss es erlaubt sein, seinen ganzen Hass gegen Schwächere zu richten, wenn er sich mal wieder vergessen fühlt. Und unsere Haltung soll sein: "Ja gut, lass sie halt reden."

Aber diese Haltung ist in Zeiten wie diesen schon lange nicht mehr tragbar, sie ist nicht weniger eine Katastrophe als das Sterben im Mittelmeer. Weil sie dazu führt, dass wir desensibilisiert werden für diesen Hass, dass wir irgendwann weghören. Das darf niemals passieren. Es ist schlimm genug, dass sich die Maßstäbe in unserer Gesellschaft so weit verschoben haben, dass wir überhaupt über die Rechtmäßigkeit von Lebensrettung diskutieren. Eigentlich müssten wir uns deshalb zu Tode schämen. Weil wir damit nicht weniger als die Grundwerte unserer Zivilisation in Frage stellen.


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