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Erfahrungsbericht: Wie ein Praktikum im Geburtshaus mein ganzes Leben verändert hat

Irgendwann mal Mutter zu werden, hat mir immer große Angst gemacht – bis ich vier Wochen in einem indischen Geburtshaus verbracht habe. Warum jetzt alles anders ist.

Von Flavia Klingenhäger

Mutter hält Baby.

Irgendwann Mutter zu werden, hat mir immer Angst gemacht - bis ich vier Wochen in einem Geburtshaus verbracht habe.

Unsplash

Es ist ein Samstagmorgen, der dritte Dezember. Ich habe mich vor ein paar Stunden mit der Anweisung der leitenden Hebamme, jederzeit bereit zu sein, im Wohnzimmer des kleinen Geburtshauses schlafen gelegt. Bereit wofür? Für die erste Geburt, die ich je sehen werde. Wer hätte das gedacht. Dass ausgerechnet ich mal ein Praktikum in einem Geburtshaus mache. Jemand, der die Vorstellung, selbst Kinder zu bekommen, sein ganzes Leben für absurder als Fische auf dem Mars gehalten hat. Geschlafen hab ich vor lauter Aufregung keine Sekunde. Wie ich hier gelandet bin? In meinem Fall hat das so ausgesehen: Gerade fertig mit dem Abi und keinen Plan, was ich machen soll. Kurz überlegt, was ich interessant finde. Geburt und Frauenrechte, okay. Hebamme also? Google gefragt: Geburtshaus in Indien – da wollte ich nämlich sowieso hin. Genau eins gefunden, Mail geschrieben, Flug gebucht. Und jetzt sitze ich hier in der Ecke des kleinen Geburtsraums und kann nicht glauben, dass ich wirklich hier bin und was hier gerade passiert.

Es kann sich nur noch um Minuten handeln

Es ist ganz still. Bis auf das leise Plätschern des Geburtspools, die tiefen, konzentrierten Atemzüge von Raji, die sich gerade in der Endphase der Geburt ihres ersten Kindes befindet, und einem sporadischen "Komm schon, Raji, drei Mal noch pressen, du schaffst das“ der beiden Hebammen hört man nichts. Ich sitze auf einem Stuhl in der Ecke und kann nicht fassen, was hier geschieht. Raji hält sich an ihrem Mann fest und verzieht angestrengt das Gesicht. Die nächste Wehe könnte die letzte sein.

Ein leises Weinen durchdringt die atemlose Stille und ich kann nicht anders, als mitzuweinen. Das gerade, das kann man nicht beschreiben. Das ist das allerschönste, was ich in meinem bisherigen Leben erleben durfte. Den Ausdruck "das Wunder der  Geburt“ habe ich schon hundert Mal gehört aber bis eben war mir nicht klar, dass "Wunder" das Wort ist, das den Vorgang der Geburt am treffendsten beschreibt. Alles andere würde dem Ganzen nicht gerecht werden. Vor ein paar Minuten waren wir in diesem Raum noch zu fünft und jetzt ist da plötzlich ein sechster, kleiner Mensch. Ein winziges Wesen, das vielleicht mal den Friedensnobelpreis bekommt, seine Eltern in der Pubertät in den Wahnsinn treiben und sich unsterblich verlieben wird. Raji atmet ganz tief durch und ich kann sehen, wie ihre Anspannung von ihr abfällt, wie erleichtert sie ist. Sie sieht ihre Tochter das erste Mal richtig an und das kleine Mädchen legt seinen Kopf auf ihre Brust. Auch Raji laufen jetzt stille Tränen über das Gesicht. Ihr Ehemann steht hinter den beiden und bemüht sich sichtlich, nicht auch noch in Tränen auszubrechen und streichelt ganz sanft den Kopf seiner Tochter. Als könnte er gar nicht glauben, dass sie wirklich da ist. Der Raum ist gefüllt von so unendlich viel Liebe, dass ich überall Gänsehaut kriege. Und plötzlich merke ich, dass sich da gerade nicht nur das Leben von Raji und ihrem Mann von Grund auf geändert hat. Auch für mich ist plötzlich alles anders. Alles.

Selbst mal Mama werden? Unvorstellbar

Ich bin, so lange ich denken kann, der felsenfesten Überzeugung gewesen, dass ich eine ganz schreckliche Mutter abgeben würde. Erklären kann ich es mir bis heute nicht, woher das kommt. Daran, dass ich Kinder nicht leiden kann, schon mal nicht - ich bin mit jedem kleinen Wesen, das mir bisher über den Weg gelaufen ist, richtig gut ausgekommen. Ich liebe Kinder über alles und glaube, dass es sehr schön sein kann, Mama zu sein. Nur eben nicht für mich! An der Beziehung zu meiner eigenen Mama liegt es garantiert auch nicht. Die ist nämlich, egal ob das kitschig klingt oder nicht, eine der goldigsten und wundervollsten Personen, die ich mir als Mutter vorstellen kann.

Aber ich habe generell oft das beißende Gefühl, nicht stark genug und Herausforderungen nicht gewachsen zu sein. Und welche Herausforderung ist größer als die des Mama-Seins?  Für mich hat sich dieses Szenario immer so groß, so überwältigend angefühlt, dass ich von Anfang an gesagt habe: Nein, niemals werde ich Mama. Mir vorzustellen, für jemand anderen verantwortlich zu sein als mich selbst – und komm schon, selbst das bekomme ich mit meinen zarten zwanzig Jahren nicht immer so richtig gut auf die Reihe – hat in mir immer genau eine Reaktion ausgelöst: Panik.  

Und plötzlich ist alles anders

Man sagt ja, dass es Momente gibt, die das Leben unwiederbringlich verändern. Und das heute war einer davon für mich. Ich übertreibe überhaupt nicht, wenn ich sage, dass ich mich auf einmal zehn Mal mehr bereit dazu fühle, irgendwann Mama zu werden, als das noch vor fünf Stunden der Fall war. Bei dem Gedanken an ein Kind wird mir nicht mehr schlecht vor Angst, sondern nur noch ein bisschen flau.  Wenn überhaupt. Es fühlt sich an, als hätte ich etwas, das mir eigentlich sowieso nur weh getan hat, einfach los gelassen. Leicht und frei fühle ich mich. Ich muss noch mehr weinen, vor Rührung und Dankbarkeit und Erleichterung - aber das fällt hier zum Glück niemandem auf, denke ich. Zwei Stunden später aber kommt Priyanka, die leitende Hebamme, zu mir und nimmt mich wortlos ganz fest in den Arm. "Du warst ein Teil davon“ sagt sie leise, „du warst ein kleiner Teil dieses Wunders.“

Überhaupt fühle ich mich, als hätte ich gerade einen ganz neuen, unbekannten Zugang zu mir selbst gefunden. In den folgenden Wochen stelle ich fest: Genau so ist es. Ich war nie eine besonders nah am Wasser gebaute Person - jetzt aber bin ich ständig von irgendwelchen Kleinigkeiten gerührt. Etwas hat sich da in mir gelöst, irgendeine Mauer ist einfach in sich zusammen geklappt. Eine Barriere, von der ich nicht mal wusste, dass es sie gibt.

Meine Zeit im Geburtshaus lehrt mich viel

Man könnte meinen, je mehr Geburten man sieht – oder eher mit erlebt – desto weniger besonders wird die ganze Angelegenheit. Für mich ist genau das Gegenteil der Fall: während meines Praktikums habe ich das Glück, bei insgesamt vier Geburten dabei zu sein, und jede von ihnen berührt mich auf ganz unterschiedliche Weise. Jede ist anders, jede ist besonders, genau wie die verschiedenen Frauen, die ich begleiten darf. Ich laufe stundenlang das Treppenhaus mit Rijeka auf und ab, deren Baby sich überlegt hat, doch noch eine Weile zu warten. Wir machen Kniebeugen, tanzen zu Elvis durch die Gegend und sie bringt am Ende einen gesunden kleinen Jungen zur Welt. Ich halte Binus Hand und lasse sie zwei Stunden nicht mehr los, weil sonst niemand anders da ist, der sie in diesen intensiven Stunden begleitet. Anou kommt mit ihrem Mann ins Geburtshaus und meistert die Wehen und ihre Wassergeburt so easy, als würde sie den ganzen Tag nichts anderes machen.

Auch die Geburtsvorbereitungskurse sind wunderschön und intensiv. Ich begleite Devi, die ihr erstes Kind während der Geburt verloren hat und nun zum zweiten Mal schwanger ist, durch eine Meditation und fühle mich ihr und ihrem Baby sehr verbunden. Wir sprechen danach lange miteinander, sie sagt mir, wie froh sie ist, dass ich da bin. Bis heute bin ich in Kontakt mit ihr - ihre Tochter ist vor ein paar Monaten auf die Welt gekommen, beiden geht es gut. In den Schwangerschaftsworkouts kann ich meinen Augen Mal für Mal nicht trauen, wenn ich sehe, wie hochschwangere Ladies – wir reden hier nicht von 32 sondern von 39 Wochen –das Workout durchziehen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Kinder kriegen? Irgendwann mal auf jeden Fall

Was alle Frauen, die ich kennenlernen darf, gemeinsam haben? Stärke. Und zwar eine Art von Stärke, die ich davor noch nie erlebt habe. Eine Frau, die ein Kind gebärt, strahlt eine Kraft aus, die man nirgends sonst zu sehen kriegt. Das hat nichts damit zu tun, dass sich die Frau dafür entscheidet, so stark zu sein, nein: Das ist Instinkt. Diese Stärke liegt in jeder Frau der Welt. Dass auch ich so stark bin, beziehungsweise so stark sein kann, hab ich bisher nie begriffen. Jetzt langsam wird mir aber klar: Das kann und bin ich sehr wohl. Mir wird auch immer bewusster, dass es ein verdammt großes, wunderschönes Geschenk ist, Kinder gebären und Mama sein zu dürfen. Das heißt nicht, dass das jede Frau muss. Aber diesen Teil von mir anzuerkennen, fühlt sich sehr schön und nach einem riesengroßen Schritt an. Das Praktikum hat seinen ursprünglichen Zweck zwar ein bisschen verfehlt -  ich weiß immer noch nicht, ob ich Hebamme werden will oder lieber nicht. Aber es hat einen viel größeren und tieferen Einfluss auf mich gehabt: Ich habe keine Angst mehr davor, irgendwann Mama zu werden. Und das ist viel wertvoller, als genau zu wissen, was ich mit meiner Zukunft anfangen soll.