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Meinung

Überfällige Reform: Der Zivildienst hat mein Leben verändert – und er sollte Pflicht für jeden Schulabgänger sein

Die Debatte über die Wiedereinführung der Wehrpflicht wird immer mal wieder von unterschiedlichen Seiten angezettelt. Viele halten die Abschaffung aus dem Jahr 2011 bis heute für einen großen Fehler – unser Autor auch.

Zivildienst

Die Wehrpflicht – und mit ihr auch der Zivildienst – wurde in Deutschland vor acht Jahren abgeschafft (Symbolbild)

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"Der Zivildienst ist eine der interessantesten und schönsten Zeiten meines Lebens gewesen", sagt der Rockmusiker Thees Uhlmann, "und mein Leben war nicht uninteressant und nicht unschön – aber den Zivildienst habe ich wirklich geliebt." Uhlmann sagt das in der aktuellen Folge des Podcasts "Deutschland3000" auf die Frage der Moderatorin Eva Schulz, ob die Wehrpflicht wieder eingeführt werden sollte.

Seit deren Abschaffung schwelt diese Debatte, immer mal wieder kocht sie hoch, ob im Sommerloch oder im Wahlkampf. Zuletzt wagte die Junge Union 2018 einen Vorstoß mit der Forderung nach einem Pflichtdienst für Schulabgänger. Uhlmanns Ausführungen zum Thema kommen dabei noch einigermaßen exotisch daher: Er fordert ausschließlich den Zivildienst zurück, und zwar nur für Männer.

Zivildienst: Wagt AKK den nächsten Vorstoß?

Denn: Männer seien einfach dümmer als Frauen, so Uhlmann, und sie könnten in kurzer Zeit noch mal schlau werden, indem sie jemandem, dem es nicht so gut geht, essenziell helfen. Und außerdem: "Männer, die morgens einem anderen Mann die Windel gewechselt haben, schlagen abends keinen Menschen mehr zusammen."

Zunächst einmal ist das ein ungewöhnlicher, allzu schlichter und sicher auch nicht ganz ernst gemeinter Blickwinkel, aber jeder Beitrag zu dieser Diskussion zählt und ist wertvoll. Eva Schulz glaubt, dass Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer das Thema Wehrpflicht schon bald wieder auf die Agenda setzen wird, wie es auch Teile ihrer Partei fordern. Und was sollen wir sagen? Es wäre wünschenswert.

Nun kann über dieses Thema aus sehr unterschiedlichen Perspektiven diskutiert werden, wird es schließlich auch in schöner Regelmäßigkeit. Das soziale Jahr oder Deutschlandjahr, wie es auch genannt wird, "wäre ein Eingriff in die Freiheit, der in seiner Schwere knapp unterhalb einer Gefängnisstrafe läge", hieß es zum Beispiel in einem Pro-und-Contra zu Wehrpflicht und Zivildienst im vergangenen Jahr in der "Zeit" – und dieser sei nur im Falle der Bedrohung unserer Freiheit zu rechtfertigen.

Man kann die ganze Angelegenheit auch mit weniger Pathos, aber mehr Gefühl und derselben Dringlichkeit angehen: Wem genau würde dieses Jahr denn schaden? Natürlich sollte niemand zum Dienst an der Waffe gezwungen werden, aber den Zivildienst als Ersatz kann und sollte jeder leisten. Und überhaupt: Warum muss das eine denn zwingend mit dem anderen verknüpft sein? Klar, so würde das Helfen zur Pflicht – aber was spräche dagegen, moralisch oder ethisch?

Wer argumentiert, dass jungen Menschen damit der Einstieg in Ausbildung oder Studium verzögert würde, ignoriert den Umkehrschluss: Mit der aktuellen Lösung spülen wir die Schulabgänger in der oftmals orientierungslosesten Phase ihres Lebens immer früher auf den Arbeitsmarkt, den sie zu diesem Zeitpunkt zwar noch kaum überblicken, aber dafür wenigstens schon mal in unsere Sozialsysteme einzahlen.

Hat da jemand "Ausbeutung" gerufen?

Moment – hat da jemand "Ausbeutung" gerufen? "Eine Jugend, die gegen supermiese Bezahlung mindere und niedrige Arbeit 'für die Gesellschaft' verrichten soll, und sich das Ganze obendrein selbst als 'selbstlos etwas Gutes tun' verkaufen muss – das hatte sich eigentlich erledigt", hieß es im vergangenen Jahr in einer Gegenrede zum Gesellschaftsjahr in der "Taz".

Supermiese Bezahlung? Jedem Zivi bis 2011 kam das erste Gehalt nach dem Abi doch eher ziemlich enorm vor – jedenfalls im Vergleich zum Lohn fürs Einräumen der Regale im Supermarkt während der Oberstufenzeit. Es reichte mindestens als Entschädigung für die vermeintlich "mindere und niedrige Arbeit" – ein Begriff, nebenbei bemerkt, der nicht ignoranter und abfälliger anmuten könnte angesichts der existenziellen gesellschaftlichen Aufgabe, die jeder Mitarbeiter der Pflege tagtäglich übernimmt.

Diese Jobs sind körperlich und psychisch hochanspruchsvoll, ja belastend, und damals dienten Zivildienstleistende als willkommene Entlastung für die "Profis", ob in der Altenpflege, der Krankenpflege oder im Kindergarten – und sie wurden dafür in einem Alter, in dem die Gedanken naturgemäß nur ums Ego kreisen, mit Erfahrungen fürs Leben belohnt.

Es geht nicht darum, dass frühere Zivis ihre Erinnerungen verklären und den nachfolgenden Generationen erklären, was sie zu tun haben: Klar, Thees Uhlmann tut das mit seinen Ausführungen ziemlich unverhohlen, und auch der Autor dieser Zeilen kann bestätigen, dass der Zivildienst auf einer Pflegestation des Roten Kreuzes sein Leben verändert hat, weil er die erste und wiederholte Konfrontation mit Krankheit und Tod bedeutete.

Aber das ist die emotionale Ebene und die sollte in Zeiten des Pflegenotstands und der (mindestens gefühlten) gesellschaftlichen Verrohung gar nicht erst bemüht werden müssen. Es genügt der gesunde Menschenverstand – wenn überhaupt, denn: Die (Wieder-)Einführung eines Gesellschaftsjahres ist, wie man es auch dreht und wendet, eigentlich ein No-Brainer.