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Ende des Zivildienstes: Bufdis gesucht

Der Zivildienst ist Geschichte. Nun soll der Bundesfreiwilligendienst den Sozialapparat am Laufen halten. Soziale Einrichtungen fürchten den Kollaps. Ein Besuch auf St. Pauli.

Von Özlem Gezer

Tiefgefrorene Kirschen, frische Blumensträuße vom Discountertresen. Essigreiniger. Kondensmilch. Eine "BigBox Ernte29". Marvin Köppen läuft durch den Penny-Markt auf der Hamburger Reeperbahn und sucht nach Waren, die er nie in seinen eigenen Einkaufskorb legen würde. Köppen schaut immer wieder auf seine Armbanduhr. Eigentlich müsste er schon seit anderthalb Stunden bei seinem nächsten Klienten sein. Einige Straßenzüge weiter wartet Frau Versteegh auf ihn. Ein langer Einkaufszettel liegt auf dem Esstisch. Marvin Köppen, 21, hat einen straffen Dienstplan an diesem Morgen. Es ist der Dienstplan eines Zivildienstleistenden in Hamburg. Marvin Köppen wird einer der letzten vier der Bundesrepublik sein, wenn seine Zeit abgelaufen sein wird – Teil einer aussterbenden Art.

Mit der Aussetzung der Wehrpflicht geht nach mehr als 50 Jahren auch die Ära des Zivildienstes in Deutschland zu Ende. Auf Antrag werden zum 30. Juni alle Zivis aus dem Dienst entlassen. Beim Übergang helfen vorerst noch die mehr als 14.000 Zivildienstleistenden, die ihren Dienst über den 1. Juli hinaus verlängerten. Wer länger bleibt, hat spätestens im Dezember 2011 seinen letzten Arbeitstag. So wie Marvin Köppen. Der Zivi will Kulturwissenschaften studieren. Die Zeit bis zum Studienbeginn wollte er noch "sinnvoll überbrücken". Also meldete er sich freiwillig zum Zivildienst in der Diakonie St. Pauli. Seit der Aussetzung der Wehrpflicht wird niemand mehr gegen seinen Willen verpflichtet. Nach zwei Wochen im Dienst sagt der frisch gekürte Abiturient: "Ich kapiere erst jetzt, was harte Arbeit bedeutet."

Die "Bufdis" sollen die Zivis ersetzen

Fünf Tage die Woche radelt der Hamburger jetzt durch den Kiez und hilft Menschen, ihren Alltag zu meistern. Köppen bringt ihren Müll raus, führt ihren Hund aus, kontrolliert ihren Kühlschrank und trägt ihre dreckige Wäsche in den Waschsalon. Acht Stunden am Tag. Treppen rauf, Treppen runter. Zwischendurch kommt ein Anruf aus der Diakonie. Dann muss Köppen das Altpapier entsorgen, Schecks abholen und Geld überweisen. "Ich kann mich ja nicht vierteilen", sagt er in solchen Momenten und zuckt mit den Schultern. Die Diakonie St. Pauli arbeitet seit mehr als 30 Jahren mit Zivis. Viele der heutigen Einsatzleiter der Diakonie sind ehemalige Zivildienstleistende. Norbert Götze, Leiter im Bereich Pflege, bedauert es sehr, dass es den Zivildienst in seiner jetzigen Form nicht mehr geben wird. Die entstehende Lücke soll der Bundesfreiwilligendienst (BFD) schließen, so hatte es Bundesfamilienministerin Christina Schröder im vergangenen Herbst präsentiert. Doch seitdem habe der Bund nicht viel gemacht, schimpfen die Träger sozialer Einrichtungen. In Zukunft sollen 35 000 Stellen pro Jahr Männern und Frauen jeden Alters offen stehen. Der Einsatz kann sechs bis 24 Monate dauern. Aber: "Wie viele dann kommen, können wir noch nicht genau sagen", sagt Götze.

Die Zielmarke sei zumindest im ersten Jahr völlig unrealistisch, erklärt Rainer Hub vom Diakonie-Bundesverband. Bislang sind bei dem Hilfswerk nur rund 200 Verträge für die 3000 in diesem Jahr geplanten Stellen abgeschlossen worden. Auch andere Wohlfahrtsverbände sind kritisch.

Der Zivildienst war ein guter Vorgeschmack für die Branche

Ein Grund für den schwächelnden Start ist eventuell auch, dass noch keine klaren Rahmenbedingungen bekannt sind. Noch weiß keiner, ob er beispielsweise Anspruch auf Kindergeld haben wird oder Mietzuschüsse gewährt werden. Sicher ist, dass die Zeit im BFD als Wartesemester für Studienplatzbewerber zählt. Kritiker bemängeln auch, dass den BFD nur diejenigen absolvieren werden, die sich für den sozialen Bereich sowieso interessieren. Der Zivildienst sei jedoch oft auch ein guter Lockvogel gewesen. "Wenn ich keinen Zivildienst gemacht hätte, dann wäre ich nie in der Pflege gelandet oder gar Einsatzleiter geworden", sagt Götze. Seit über 20 Jahren arbeitet er in der Diakonie. In den vergangen Tagen ist er damit beschäftigt, Angehörige und Patienten zu beruhigen. "Es wird knapp und chaotisch, aber wir schaffen das schon irgendwie", sagt der Einsatzleiter den hysterischen Anrufern.

Marvin Köppens Patientenplan ändert sich in diesen Tagen ständig. Er biegt in eine Seitenstraße auf dem Hamburger Kiez. In einem vergilbten Sozialbau sitzt Herr Marktmann, 74, in seinem Rollstuhl und wartet auf seinen Zivi. Marvin Köppen schüttelt ihm die Hand und sagt: "Ich bin ihr neuer Zivi." "Ich dachte, eine Maria kommt", sagt Marktmann und schaut enttäuscht den 1,90 großen jungen Mann an. Nach kurzem Beschnuppern erzählt Marktmann dann von seinem Enkelsohn, von Marta, der brasilianischen Dribbelkönigin der Frauenfußball-WM, und von dem Silvesterfeuerwerk, das er von seinem Balkon immer verfolge. "Wenn man nicht rauskommt, dann muss man sich halt hier glücklich machen", sagt er.

"Wenn man Schicksale so nah miterlebt, merkt man erst, was es bedeutet, gesund zu sein", sagt Köppen.

In den nächsten Monaten wird er mit Rollstuhlfahrern im Park spazieren, Hunde Gassi führen und behinderte Kinder in die Schule begleiten. Zeitintensive "humanitäre Extras", nennt es eine DRK-Sprecherin. AWO-Chef Wolfgang Stadler spricht von einem "Wegbrechen der Lebensqualität" hilfsbedürftiger Menschen. Die Schuld gibt Ulrich Schneider vom paritätischen Wohlfahrtsdienst der übereilten Abschaffung des Wehrdienstes.

Ehemalige helfen den sozialen Einrichtungen aus

Viele der Träger helfen sich derzeit mit ihren ehemaligen Zivis aus. So auch die Diakonie St. Pauli. Heiner Rolfs, 20, Ex-Zivi, ist seit drei Monaten Honorarkraft. Im Gegensatz zu Köppen läuft Rolfs die Strecken im Supermarkt routiniert ab. Er weiß, wo der jeweilige Matjes steht, welche Butter länger hält als die andere und welche Tomaten man lieber nicht in die Tüte heben sollte. "Ich selbst mache keinen Großeinkauf mehr", sagt Heiner und lacht. Er habe durch die Verantwortung beim Zivildienst ein organisierteres Leben. Außerdem habe er das Gefühl, "dass er die Menschen in der Gesellschaft vorher gar nicht richtig kannte". Rolfs scheint unverzichtbar für die Diakonie. Aber auch er wird nicht mehr lange bleiben. Nur in Übergangszeiten darf die Diakonie höhere Sätze zahlen. Solange beliefert Heiner Rolfs aber seine Stammkunden noch mit ihren Einkäufen. Marvin versucht währenddessen, den Einkaufszettel von Frau Versteegh zu entziffern. "Nicht vergessen: Angebote für die nächste Woche mitbringen", steht auf einem Stück Pappe, versehen mit drei Ausrufezeichen. Wenn man Frau Versteegh fragt, was sie davon hält, dass es die Zivis bald nicht mehr geben wird, dann verzieht sie die Augenbrauen und sagt: "Ja, aber dann kommen doch die Nächsten?"

"Die Nächsten" müssten freiwillig kommen, aber die aktuellen Zahlen zumindest sprechen für einen Fehlstart: Wenn am Freitag der Freiwilligendienst startet, rechnet das Bundesfamilienministerium mit rund 3000 offiziell abgeschlossenen Verträgen. Ab 2012 sollen sich dann jährlich 35.000 Menschen engagieren. Eine stattliche Marke, denn wer mag sich schon "Bufdi" rufen lassen - und dafür läppische 330 Euro im Monat kassieren?