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Analyse

Über 13 Millionen Klicks: Rezo spitzt zu, verkürzt, pauschalisiert - sein Anti-CDU-Video ist trotzdem ein Lehrstück

"Rezo hat keine Hemmungen, Dinge im Internet einfacher darzustellen, als sie tatsächlich sind", kritisiert Unionspolitiker Paul Ziemiak das Anti-CDU-Video des Youtubers. Doch Rezos Clip zeigt noch etwas ganz anderes.

Youtube-Video : Twitter feiert Rezos CDU-Kritik - das sagt Generalsekretär Ziemiak dazu

Er nennt sich Rezo, sein Markenzeichen sind blaue Haare und er ist Youtuber mit fast 895.000 Abonnenten*. Der nach eigenen Angaben 26-jährige Informatiker und Musiker dürfte bis vor wenigen Tagen den allermeisten Menschen im Konrad-Adenauer-Haus, der CDU-Parteizentrale, vollkommen unbekannt gewesen sein.

Das hat sich nun geändert. Mehr als 13 Millionen Menschen* haben zumindest einmal auf Rezos Video geklickt – ob sie die knappe Stunde tatsächlich von Anfang bis Ende durchgehalten haben, ist dagegen nicht bekannt. Fest steht aber: Die Verbreitung des Clips sorgt für reichlich Unruhe im Konrad-Adenauer-Haus, denn der Film ist eine knallharte Abrechnung mit der Politik der Union. Oder, um es mit Rezos Videotitel zu sagen: "Die Zerstörung der CDU." – "Nicht, weil ich aktiv versuche, jemanden zu zerstören, sondern weil die Fakten und Tatsachen einfach dafür sprechen, dass die CDU sich selbst, ihren Ruf und ihr Wahlergebnis selbst zerstört", stellt Rezo gleich zu Beginn klar, und er weist darauf hin, dass er die Unionsparteien CDU und CSU meint, wenn er CDU sagt.

Es folgte ein gut 50-minütiger Ritt durch diverse Politikfelder: Armut, Bildung, Klima, Urheberrecht, Drogenpolitik, internationale Beziehungen.

Einige der Thesen des Social-Media-Stars:

  • Die Schere zwischen Arm und Reich sei in der Zeit der CDU-Regierungsbeteiligung immer weiter auseinander gegangen.
  • In den Bundesländern mit CDU-Regierungsbeteiligung werde weniger Geld für das Zukunftsthema Bildung ausgegeben als in jenen mit anderen Regierungen
  • Die Union unterstütze völkerrechtswidrige Angriffskriege.
  • Der Ausstieg aus der Kohleindustrie werde unnötig verzögert – zu Lasten des Klimaschutzes, auf Kosten der kommenden Generationen und gegen den ausdrücklichen Rat Tausender Wissenschaftler.
  • Rezo wirft CDU-Politikern außerdem "krasse Inkompetenz" beim Thema Urheberrecht und Drogenpolitik vor.

Er untermauert seine Behauptungen mit Hunderten Quellen, die er auf 13 Din-A4-Seiten zum Herunterladen präsentiert, quasi das Buch zum Video. Seriöse Studien, Zeitungsberichte, Wikipedia-Artikel, Videos, Bundestagsdokumente sind darunter. Dazu hat er nach eigenen Angaben mit Experten und Wissenschaftlern gesprochen – und vor allem hat er augenscheinlich sehr viel Zeit und Mühe in "Die Zerstörung der CDU" gesteckt.

Und, nun ja, Rezo kann tatsächlich jede seiner Behauptungen mit mindestens einer Quelle belegen, blendet Statistiken und Fundstellen ein, oft liefert er deutlich mehr als lediglich einen Nachweis. Dennoch gibt es viel Kritik an dem Video, so hat etwa das Redaktionsnetzwerk Deutschland (u.a. "Hannoversche Allgemeine Zeitung") Teile von Rezos CDU-Rant einem "Faktencheck" unterzogen:

  • Unter anderem heißt es in dem Check zum Auseinandergehen der Schere zwischen Arm und Reich, der hohen Steuerlast für niedrige Einkommen und das beständige Wachsen des Reichtums der Oberschicht: "Aber hat all dies die CDU zu verantworten? Wohl kaum. Schließlich fiel die letzte große Steuerreform der Bundesrepublik in die Zeit der rot-grünen Bundesregierung (...)."
  • "Deutschlands mittelbares Mitwirken daran (an US-Kriegen im Nahen und Mittleren Osten; d. Red.) lässt sich aber nicht glaubhaft problematisieren, wenn man nicht auch die Nato-Zugehörigkeit oder mindestens mal die Nato-Beistandsklausel erwähnt."
  • "Was passiert dann (bei einem schnelleren Kohleausstieg; d. Red.) mit Gebieten im Rheinischen Revier und der Lausitz, deren Menschen nun mal vom Bergbau leben?"

Zeit und Mühe in "Zerstörung der CDU" gesteckt

Der Tenor, nicht nur in diesem "Faktencheck": Rezo vereinfacht, pauschalisiert, spitzt zu, unterschlägt Fakten, reißt Aussagen aus dem Kontext. So sieht es auch – wenig überraschend – der Generalsekretär der CDU: "Rezo hat keine Hemmungen, Dinge im Internet einfacher darzustellen, als sie tatsächlich sind. Wir haben da mehr Skrupel, weil wir wissen, wie komplex viele Fragen sind. Einfache Lösungen verschaffen oft lauten Applaus, helfen am Ende aber nicht weiter", so Paul Ziemiak im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk. "Populismus, Beleidigungen und falsche Vereinfachungen haben wir in den sozialen Netzwerken und in der Politik leider schon mehr als genug."

+++ Hier im Interview bei NEON: Rezo reagiert auf die Kritik der CDU +++

Ähnlich sieht es Marian Bracht aus dem Bundesvorstand der Jungen Union. Er twitterte: "Ich sehe eine Stunde unsaubere Recherche, einseitige Darstellung und viel Clickbaiting. Er suggeriert, dass "zigtausende" Experten seiner Meinung wären. Aber: Andere Meinungen lässt er einfach außen vor."

Ja, Rezo spricht den Unionsparteien ihre Legitimät ab: "Es geht hier nicht um verschiedene legitime politische Meinungen, sondern es gibt nur eine legitime Einstellung, und zwar dafür zu sorgen, dass es so schnell wie möglich einen drastischen Kurswechsel gibt, sonst sind wir faktisch gefickt. (...) Wählt man CDU, CSU oder SPD, gibt es keinen Grund für irgendwen, was zu verändern."

Aber: Es ist seine Meinung, die er sich durch seine Quellen gebildet hat. Das Video ist eben kein neutrales Dossier über die CDU im Politikteil einer Tageszeitung. Rezo bedient schlicht das Medium seiner Wahl, Youtube, um seine Botschaft zu verbreiten. Die Methoden dabei, also Zuspitzungen, Pauschalisierungen, Vereinfachungen, nutzt Rezo nicht exklusiv.

Wer einmal "Hart aber fair" gesehen oder einen Wahlkampfauftritt besucht hat, weiß, dass diese Techniken fast jeder Politiker und jede Politikerin einsetzt. Das gilt gleichermaßen für das Anführen von Studien oder Statistiken, die dem eigenen Interesse dienen oder die eigenen Erfolge darstellen, und das Weglassen anderslautender Quellen. Auch die Wahlplakate, die zu Tausenden am Straßenrand stehen und uns mit einfachen Parolen Lösungen versprechen, funktionieren nicht anders.

Rezo gelingt es, Millionen zu erreichen

Das weiß eigentlich auch Paul Ziemiak. "Er macht von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch", stellt der CDU-Generalsekretär fest. Dennoch reagiert die Union sichtbar angefressen auf den Clip.

Und warum? Weil es Rezo gelungen ist, Millionen Menschen mit seiner CDU-Abrechnung zu erreichen. Im Grunde ein Lehrstück erfolgreicher politischer Kommunikation mit jungen Menschen in der heutigen Zeit – der Inhalt des Videos geht weit über Hashtag-Kampagnen wie #niewiedercdu (zur EU-Urheberrechtsreform) oder #fedidwgugl (CDU-Bundestagswahlkampf; lest hier im stern mehr dazu) hinaus.

"Dass die CDU mit belegloser Diskreditierung auf inhaltliche Kritik antwortet, ist natürlich nichts Überraschendes", sagt Rezo im Interview mit der Nachrichtenagentur DPA. In der Tat: Anstatt ausführlich inhaltlich Stellung zu nehmen und etwa eigene Erfolge (nur ein Stichwort: niedrige Arbeitslosenquote) auszubreiten, kommt aus dem Konrad-Adenauer-Haus fast nur Kritik an der Art und Weise, mit der Rezo vorgeht – obwohl auch Politikerinnen und Politiker der CDU bei ihren Auftritten regelmäßig verkürzen, zuspitzen, weglassen, Aussagen aus dem Kontext reißen. Konkrete Belege für vermeintliche Falschbehauptungen Rezos liefert die Union nicht.

Immerhin: Die CDU will dem Vernehmen nach zum Gegenangriff übergehen. Der 26-jährige Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor soll offenbar mit einem Video auf die "Zerstörung" Rezos reagieren.**

Wir dürfen gespannt sein, welche Quellen er anführt und welche er weglässt – und ob es ihm gelingt, auf Zuspitzungen, Pauschalisierungen und Vereinfachungen zu verzichten. Dann hätte Rezos Abrechnung immerhin schon etwas genutzt.

Quellen: Video bei Youtube, Quellen bei Google Docs, Faktencheck Redaktionsnetzwerk Deutschland (u.a. "Hannoversche Allgemeine Zeitung"), Ziemiak zum Redaktionsnetzwerk Deutschland, Nachrichtenagentur DPA

* (Stand: 30. Mai 2019, Anmerkung der Redaktion)

** (Dieses Video erschien bis zum 30. Mai 2019 nicht, Anmerkung der Redaktion)