Der israelische öffentlich-rechtliche Sender Kan berichtete, dass am Montag 50 Menschen in den Gazastreifen einreisen sollten. Zudem sollten voraussichtlich rund 150 Menschen, darunter 50 Patienten, das Gebiet in Richtung Ägypten verlassen dürfen. Der Grenzübergang soll laut dem Sender täglich für etwa sechs Stunden geöffnet sein.
Angaben aus Ägypten bestätigten diese Zahlen: Beamte teilten der Nachrichtenagentur AFP mit, dass 150 Menschen den Gazastreifen am Montag über den Grenzübergang Rafah verlassen würden. Weitere 50 Menschen sollen demnach von Ägypten in das palästinensische Gebiet einreisen.
Auf der ägyptischen Seite des Grenzübergangs kamen am Montag mehrere Dutzend Menschen an und warteten auf ihre Einreise in den Gazastreifen, wie die Nachrichtenagentur AFP vor Ort erfuhr.
Am Sonntag war der Grenzübergang erstmals seit zwei Jahren geöffnet worden - allerdings in sehr eingeschränktem Umfang. Die Öffnung erfolgte laut der für zivile Angelegenheiten in den palästinensischen Gebieten zuständigen israelischen Behörde Cogat als Teil des Waffenruheabkommens zwischen Israel und der Hamas. Die Öffnung wird nach Angaben der Behörde von der EU-Zivilmission Eubam begleitet.
Bilder der Nachrichtenagentur AFP von Sonntag zeigten auf der ägyptischen Seite Krankenwagen, die darauf warteten, Patienten aus dem Gazastreifen aufzunehmen. Sie sollen als Erste die Möglichkeit haben, das palästinensische Gebiet zu verlassen. Ein Vertreter des von der Hamas kontrollierten palästinensischen Gesundheitsministeriums erklärte derweil, dass etwa 200 Patienten auf die Erlaubnis warteten, das Gebiet zu verlassen.
Der dem Geheimdienst nahestehende ägyptische Sender Al-Kahera News berichtete unter Berufung auf das ägyptische Gesundheitsministerium, dass 150 Krankenhäuser und 300 Krankenwagen vorbereitet seien, palästinensische Patienten aufzunehmen. 12.000 Ärzte und 30 Notfallteams stünden bereit, um ankommende Palästinenser zu versorgen.
Nach Angaben des Leiters des Al-Schifa-Krankenhauses in Gaza, Mohammed Abu Salmija, sind 20.000 Menschen im Gazastreifen dringend auf medizinische Behandlung angewiesen - darunter mehr als 4500 Kinder.
Der Palästinenser Mohammed Nassir, der im Krieg verletzt worden war und dessen Bein amputiert werden musste, nannte den Grenzübergang einen "Rettungsleine". Er müsse sich einer Operation unterziehen, die im Gazastreifen nicht möglich sei - im Ausland aber schon.
Rafah ist der einzige Grenzübergang aus dem Gazastreifen, der nicht über Israel führt. Er wurde früher für viele Hilfslieferungen genutzt. Die UNO und internationale Hilfsorganisationen hatten schon seit langem eine Wiederöffnung des Grenzübergangs gefordert, allerdings umfassender als nun von Israel angekündigt.
Der kürzlich ernannte Vorsitzende der Übergangsverwaltung für den Gazastreifen, Ali Schaath, sprach in Bezug auf die Öffnung des Grenzübergangs von einem "Fenster der Hoffnung" für Palästinenser im Gazastreifen. "Dieser Schritt ist nicht nur eine administrative Maßnahme, sondern markiert den Anfang eines langen Prozesses", mit dem Ziel, das was getrennt worden sei, wieder zu verbinden, erklärte Schaath.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bezeichnete die Öffnung als "konkreten und positiven Schritt" im Friedensplan für den Gazastreifen. Die EU-Mission Eubam sei vor Ort, um den Grenzverkehr "zu überwachen und palästinensische Grenzschutzbeamte zu unterstützen", erklärte Kallas im Onlinedienst X. Die Wiedereröffnung des Grenzübergangs sei eine "Rettungsleine für die Kranken und Verwundeten" im Gazastreifen.
Die Öffnung des Grenzübergangs Rafah erfolgt auf der Grundlage des US-Friedensplans. Israel hatte den Schritt an die Rückgabe der sterblichen Überreste von Ran Gvili geknüpft. Er war die letzte getötete israelische Geisel in der Gewalt der Hamas, die mit ihrem Großangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 den Krieg im Gazastreifen ausgelöst hatte. Gvilis Leichnam wurde am 26. Januar nach Israel zurückgebracht.
Seit dem 10. Oktober gilt im Gazastreifen eine fragile Waffenruhe zwischen der Hamas und Israel. Beide Seiten werfen sich jedoch immer wieder Verstöße gegen die Vereinbarung vor. Vor der Umsetzung der nächsten Schritte des US-Plans verlangt Israel wie vorgesehen die Entwaffnung der Hamas und die Entmilitarisierung des Gazastreifens.
Am Samstag waren kurz vor der Wiedereröffnung des Grenzübergangs in Rafah bei israelischen Luftangriffen im Gazastreifen Hamas-Angaben zufolge mindestens 32 Menschen getötet worden. Die israelische Armee teilte mit, die Angriffe seien als Reaktion auf "Verstöße der Hamas gegen das Waffenruhe-Abkommen" erfolgt.