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Ungewöhnliche Familie: Was eine Frau dazu bringt, fünf Kinder von einer Samenbank zu bekommen

Claudia Spiegele, 34, hat drei Kinder von einer Samenbank aus Dänemark, zwei weitere sind unterwegs. Immer mehr deutsche Single-Frauen reisen dorthin, am Gesetz vorbei zum "Baby-Shopping". Warum legt sich eine Single-Frau ohne Zeitbombe "biologische Uhr" so viele Kinder zu? 

Protokoll: Andrea Müller

Claudia Spiegele mit ihren drei Kindern - zwei weitere sind unterwegs. 

Claudia Spiegele mit ihren drei Kindern - zwei weitere sind unterwegs. 

Meine Kinder und ich leben in einem katholischen Dorf im Schwabenland mit rund 3000 Einwohnern. Bei uns gibt es noch die "Kehrwoche", eine schwäbische Mutter schabt Spätzle mit der Hand, hat einen Ehemann und im Schnitt 1,5 Kinder. In meinen Augen viel zu wenig!

Man kennt sich, und trifft sich, so wie letze Woche beim Bäcker in der Warteschlange. Kaum war ich draußen, wurde losgelästert: "Die Verrückte mit den vielen Kindern, ohne Vater! Unverantwortlich ... Und jetzt kommen nochmal zwei dazu!" Das hat mir eine Freundin danach erzählt. 

Bei meiner letzten Hormonstimulation sind gleich zwei Eizellen herangereift. Ich habe das Risiko in Kauf genommen und bin trotzdem zur Insemination nach Kopenhagen gefahren. Beide Eizellen wurden befruchtet und haben sich eingenistet. Jeder Versuch verursacht Kosten und ist eine Belastung für den Körper. Jetzt bekomme ich Zwillinge – doppeltes Glück!

Ich glaube nicht an das klassische Familien-Modell

Ich wollte immer schon jung Mutter werden und viele Kinder haben. Dass dieser Wunsch auch ohne Partner in Erfüllung gehen kann, wurde mir erst klar, nachdem meine Beziehung gescheitert war. Ich zog damals mit meinem Verlobten in eine Zweizimmerwohnung - ohne Spülmaschine. Wenn ich das Geschirr nicht spülte, schimmelte es nach drei Tagen in der Spüle. Er hat mir den gesamten Haushalt überlassen, einfach deshalb, weil ich die Frau bin. Er saß am Computer und hat gedaddelt, ich habe gekocht, geputzt, gebügelt. Er sagte, bleib doch zu Hause, du musst kein Geld verdienen. Aber das war nicht mein Plan vom Leben. Ich war traumatisiert. In Zeiten, wo in Deutschland jede dritte Ehe zerbricht, glaube ich nicht mehr an das klassische Familien-Modell. Aber an Kinder glaube ich schon.

 Ein TV-Beitrag in der ZDF-Sendung "37 Grad" über dänische Samenbanken brachte mich kurz später zu meiner Entscheidung: Es wurde über Frauen berichtet, die ohne Männer Kinder bekommen, lesbische Frauen, Single-Frauen, unverheiratete Frauen. In Deutschland ist das gesetzlich verboten, in einigen europäischen Nachbarländern wird das Thema Reproduktionsmedizin lockerer gehandhabt. Ich wusste sofort: Das ist MEIN Weg.

Gott sei Dank standen meine Eltern hinter mir – und tun es bis heute. 2009 hatte ich einen Termin in der Kopenhagener Storkklinik. Man kann sich vorher online einen Spender in der Samenbank aussuchen. Es werden etwa fünf Eigenschaften der Samenspender preisgegeben: Meiner ist Däne, 1,80 Meter groß, blond, blauäugig, Student. Seine Blutgruppe ist mir bekannt.

Liam, Enya und Neala sind alle vom selben Spender in Dänemark.

Liam, Enya und Neala sind alle vom selben Spender in Dänemark.


Mein erster Sohn Liam wird jetzt 8. Seine Schwestern Enya, 5, und Neala, 3, sind vom selben Spender. Wie auch die Babys, die im Juli kommen. So sind sie alle Geschwister. Wenn sie 18 sind, besteht die Möglichkeit, dass sie ihren biologischen Vater kennenlernen.

Einige Wünsche meiner Kinder bleiben unerfüllt

Natürlich ist es ein Fulltime-Job, drei Kinder zu haben. Mein Vater greift mir unter die Arme. Ich arbeite noch in Teilzeit als Logopädin, 20 Stunden die Woche. Ich lebe in einem Haus, das meinen Eltern gehört, unten ist die Praxis, oben unsere Wohnung, 85 Quadratmeter, ich zahle ihnen Miete. Die beiden Kleinen sind bis 16 Uhr im Kindergarten, Liam ist manchmal alleine in der Wohnung. Kein Problem, da ich im gleichen Haus bin. Natürlich müssen wir den Gürtel recht eng schnallen. Die Wirtschaftshilfe vom Jugendamt übernimmt die Kosten für den Kindergarten, das Kindergeld erhöht sich automatisch ab dem dritten Kind.

Einige Wünsche meiner Kinder bleiben unerfüllt. Liam braucht dringend ein richtiges Fahrrad, momentan hat er nur eine Schrottlaube. Enya möchte gerne Ballett oder ein Instrument ausprobieren. Auch Klassenfahrten, Urlaube, ein Ausflug in den Vergnügungspark sind nicht wirklich im Budget, letzteres höchstens mal als Geschenk eines Patenonkels.
Das Gleiche gilt für Restaurantbesuche. Außer Kroketten und Pommes im örtlichen Café – das brauchen die Kinder schon mal für ihre Erfahrungswelt. In meinen Augen ist das alles nicht schlimm. Was Kinder brauchen, ist in erster Linie Geborgenheit und Liebe.

Geld zum Ausgehen für mich brauche ich nicht – dafür habe ich eh keine Zeit. Da sind Elternabende, Arzt- oder Jobtermine. Trotzdem fehlt mir nichts, vor allem kein Mann.

Bei uns zuhause spielt das Papa-Thema keine Rolle

Sicher stelle ich mir die Frage, ob meinen Kindern ein Vater fehlt. Und ich versuche ihnen beizubringen, die Wahrheit zu sagen, wenn sie danach gefragt werden: dass sie von der Samenbank sind. Ist das zuviel verlangt im Alter meiner Kinder? Liam weiß es, seit er drei ist. Trotzdem erzählt er es lieber nicht überall herum. Bei uns zuhause spielt das Papa-Thema keine Rolle. Im Vergleich zu Trennungs-Kindern haben meine Kinder nie erlebt, wie es ist, wenn ein Vater zuhause ist. Für sie ist nichts weggebrochen, sie kennen es nicht anders. Sie sind wie Kinder von Vätern, die nie mit deren Müttern zusammen waren. Mit dem Unterschied, dass sie keine "Unfälle" sind, sondern gewollt. Eine bewusste Entscheidung. Kinder sollten sich niemals für ihre Herkunft schämen. Sie können nichts dafür, wie sie gezeugt worden sind.

Ich war immer schon autark. Ich muss mit niemanden über Entscheidungen diskutieren, was die Kinder betrifft. Wenn ich mal einen Rat benötige, stehen Patentanten oder Freundinnen zur Verfügung. Ich bin nicht zu stolz, um Hilfe anzunehmen, ja ich freue mich riesig über spontane Helfer. Natürlich trage ich die Last zweier (verdienender) Elternteile auf meiner Schulter.

Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, dass ich sogar von fremden Menschen angefeindet werde. Neulich bei Edeka beschimpfte mich eine Frau als verantwortungslos und egoistisch. Wie ich die Ausbildung meiner Kinder später bezahlen wollte? Aber bekommen denn alle Kinder in Deutschland ein Studium finanziert? Davon mal abgesehen: Was für eine Grenzüberschreitung, eine fast fremde Person im Supermarkt zu beleidigen. Familienplanung ist eine persönliche Entscheidung, die niemanden etwas angeht.

In 20 Jahren werden in jeder Schulklasse ein paar Samenbank-Kinder sein

Es ist immer egoistisch, Mutter zu werden – egal, wie die Umstände sind. Ich denke, in Deutschland sollte jede Frau alleine entscheiden, ob sie Mutter werden möchte und wie. In Afrika sind fünf Kinder ganz normal. Hier tun sie so, als wäre man asozial mit so vielen Kindern. Auf der anderen Seite fordern Politiker immer: Deutsche Frauen, macht mehr Kinder! Und woher sie kommen - das sollte in einer fortschrittlichen Gesellschaft wie dieser kein Thema mehr sein. Sie sind da und basta. Ich glaube, in 20 Jahren werden in jeder Schulklasse ein paar Samenbank-Kinder sein.

(P.S.: Wer einen Beitrag leisten möchte für ein Fahrrad für Liam oder damit Enya das Ballett ausprobieren kann: Claudia Spiegele, Sparda-Bank Baden-Württemberg, IBAN DE27600908000002767825 und BIC: GENODEF1S02).

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