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"Elterntaxis": Mit dem Auto zur Schule: "Katastrophe für die Eigenverantwortung der Kinder"

Zum Schulanfang nach den Ferien wird es wieder voll vor Deutschlands Schulen: Mütter und Väter bringen als "Elterntaxis" ihre Kinder mit dem Auto fast bis ins Klassenzimmer. Eine Entwicklung, die viele Experten besorgt und dem Nachwuchs schaden kann.

Zum Schulanfang fordern Polizei und Pädagogen von Müttern und Väter, auf das "Elterntaxi" zu verzichten

Zum Schulanfang fordern Polizei und Pädagogen von Müttern und Väter, auf das "Elterntaxi" zu verzichten

Wenden auf dem Gehweg, Parken im absoluten Halteverbot, Fahren gegen die Fahrtrichtung. Vor vielen Schulen spielen sich jeden Morgen chaotische Szenen ab. Ein Grund dafür sind die sogenannten "Elterntaxis", mit denen die Kleinen von ihren - oft besorgten und oft gestressten - Eltern zur Schule gebracht werden.
Da, wo die Ferien schon seit ein paar Tagen rum sind, ist diese Nervenprobe schon wieder in den Familienalltag eingezogen.

Vor allem, wenn die Eltern "unbedingt bis vor den Eingang" fahren wollen, sei das ein großes Problem, warnt Cornelia Zieseniß von der Landesverkehrswacht Niedersachsen, wo die Schule seit rund zwei Wochen wieder läuft. Zusätzlich zu riskanten Anhalte- und Wendemanövern gebe es immer wieder Eltern, die ihre unbeaufsichtigt zur Fahrbahnseite aussteigen lassen.

"Das geht Sie gar nichts an", sagen Eltern zur Polizei

"Eines der Hauptprobleme ist, dass Eltern den Schulweg oft subjektiv nicht für sicher halten und insbesondere bei jüngeren Kindern auch Angst vor Übergriffen haben", berichtet Zieseniß. Neu ist dieses Phänomen nicht. Maßnahmen von den Schulen, der und etwa dem ADAC gibt es jedes Jahr wieder. Nur scheint die Aufklärungsarbeit nach den Ferien schnell in Vergessenheit zu geraten - und mit dem neuen Schuljahr beginnt das Problem von vorn.

Polizisten kennen das weite Spektrum der Eltern-Reaktion schon auswendig. Es gebe oft Einsicht und Verständnis, aber teils eben auch den Hinweis: "Das geht Sie gar nichts an", berichtet Stefan Weinmeister von der Polizei in Braunschweig. Neben den regelmäßigen Kontrollen und der Aufklärung würden an manchen Tagen auch Verwarngelder verhängt.

Mancherorts wird sogar über Bannmeilen diskutiert: An der Albert-Schweitzer-Grundschule in Hannover werden die Eltern gerade über die Einrichtung einer speziellen Zone zum Ein- und Aussteigen informiert, wie der zuständige Verkehrssicherheitsberater der Polizei, Thomas Kliewer, berichtet. Nur in dieser Zone sollen "Elterntaxis" stoppen dürfen, überall sonst nicht.

Zum Schulanfang soll es Kontrollen geben

Solche Zonen können laut Landesverkehrswacht auch einige hundert Meter vom Schulgelände entfernt liegen, der restliche Fußweg müsse aber verkehrssicher sein. Beim Schulfest an der Albert-Schweitzer-Grundschule Ende August soll ein "Haltestellen-Banner" präsentiert werden, nebenan soll es Sperren geben. "Jeweils zwei Wochen vor und nach den Herbstferien kontrollieren wir dann, ob es funktioniert."

Ähnlich wie die Landesverkehrswacht betrachtet der ADAC die Einrichtung von Bringzonen als sinnvoll. "Wir unterstützen die Schulen dabei", sagt die Sprecherin für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, Alexandra Kruse. Vor allem den Erstklässlern fehle in dem Chaos die Übersicht, meint Kruse. Sie habe das gefährliche Schauspiel gerade vor einer Schule in Magdeburg beobachtet. Der Automobilclub hat auf seiner Internetseite Tipps für einen sicheren Schulweg zusammengestellt.

"Katastrophe für die Eigenverantwortung der Kinder"

Als eine "Katastrophe für die Eigenverantwortung der Kinder" bezeichnet dagegen der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch das, was besorgte "Elterntaxi"-Fahrer veranstalten. Für den Autor des Buches "Die Verwöhnungsfalle" ist die Verkehrssicherheit dabei aber das kleinere von zwei Problemen. Viel schwerwiegender sei, dass die Eltern ihren Kindern den Schulweg einfach nicht zutrauten. "Damit vermasseln sie Erfahrungen, die die Kinder unbedingt machen sollten".

Der Pädagoge meint den gemeinsamen Weg in der Gruppe, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, vielleicht auch mal einen kleinen Umweg zu machen, auf diese Weise das Areal zwischen Wohnung und kennenzulernen oder auch mal einen Streich zu spielen. Das alles werde den Kindern vorenthalten - aus Bequemlichkeit.

Um die Konsequenzen zu verdeutlichen, berichtet Wunsch vom Beispiel einer Schule, die den Kindern Hitzefrei habe geben wollen. Die Umsetzung sei daran gescheitert, dass zu viele Schüler noch nie allein nach Hause gegangen seien und den Weg einfach nicht gekannt hätten. Das Argument der Angst werde von Elternseite häufig bemüht.

"Wie sollen Kinder dann später allein zur weiterführenden Schule gehen?", fragt Erziehungswissenschaftler Wunsch. Unsichere Eltern müssten den Schulweg einfach mit ihren Kindern trainieren. Und: 60 Prozent der Kinder, die gefahren würden, hätten einen Schulweg von weniger als 800 Metern. 


Christian Brahmann/wue/DPA

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