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"News of the World"-Skandal: Polizei verhaftet Ex-Berater von Cameron

Im Skandal um das britische Boulevardblatt "News of the World" geht es mittlerweile Schlag auf Schlag. Jetzt hat die britische Polizei den Ex-Chefredakteur Andy Coulson festgenommen. Noch bis Januar 2011 war Coulson zudem der Kommunikationschef von Premierminister Cameron.

Mit dem Aus für die britische Boulevardzeitung "News of the World" hat der Murdoch-Konzern die Konsequenz aus dem Skandal um abgehörte Handys gezogen - doch viele üble Details werden wohl noch ans Licht kommen. Premierminister David Cameron betonte, er werde weiter dafür kämpfen, dass es eine öffentliche Untersuchung der Vorwürfe gebe. Der Chef von News International, James Murdoch, hatte am Donnerstagabend verkündet, dass am kommenden Sonntag die letzte Ausgabe der traditionsreichen Zeitung erscheinen wird. Er gestand schwere Fehler ein.

"Erschreckende Einschätzungsfehler" wirft zudem die Opposition Premierminister Cameron vor und fordert eine Entschuldigung. Cameron habe persönliche Beziehungen zu Schlüsselfiguren des Skandals, sagte der Chef der sozialdemokratischen Labour Partei, Ed Miliband, am Freitag in London. Cameron müsse Klarheit darüber schaffen, welche Diskussionen es zu dem Fall gegeben habe. Der britische Premier reagierte unterdessen und will als Konsequenz die Presseaufsicht im Königreich umbauen. Zugleich gestand der Regierungschef am Freitag schwere Fehler im Umgang mit der Affäre ein.

Ein früherer Berater Camerons ist wegen des Abhörskandals jetzt festgenommen worden. Das bestätigte die Londoner Polizei Scotland Yard, ohne jedoch den Namen des Mannes zu nennen. Medien berichteten aber übereinstimmend, es handle sich um Andy Coulson. Er war während der Zeit, in der die Handys von zahlreichen Menschen abgehört worden sein sollen, Chefredakteur bei dem Boulevardblatt. Im Mai 2010 war Coulson nach einer Zeit als Camerons Berater zum Kommunikationschef der Regierung ernannt worden. Im Januar trat er zurück, weil die Vorwürfe gegen ihn immer lauter wurden. Er hatte stets gesagt, nicht gewusst zu haben, dass Journalisten der Zeitung Telefone von Prominenten, Politikern und anderen Betroffenen angezapft hätten.

"Unmenschliches Verhalten"

Mitarbeiter der Zeitung sollen Handys von Entführungsopfern sowie Angehörige der Opfer der Terroranschläge auf die Londoner U-Bahn 2005 abgehört haben. Auch Hinterbliebene von im Einsatz getöteten britischen Soldaten sollen bespitzelt worden sein. Scotland Yard zufolge könnten die Telefone von bis zu 4000 Menschen angezapft worden sein. Zudem sollen Mitarbeiter Polizisten für Informationen bestochen haben. Sollten die Vorwürfe wahr sein, hätten sich die Journalisten "unmenschlich" verhalten, erklärte der Präsident des britischen Ablegers von Murdochs Mediengruppe News Corp, James Murdoch.

Es wird erwartet, dass noch weitere Vorwürfe publik werden. Einen präsentierte bereits die Zeitung "Evening Standard": Sie berichtete, ranghohe Mitarbeiter der Londoner Polizei hätten rund 100.000 Pfund (rund 110.000 Euro) an Bestechungsgeldern von "News of the World" angenommen.

Großbritanniens größte Sonntagszeitung

Die Sonntagszeitung "News of the World" ist das Schwesterblatt der britischen Boulevardzeitung "The Sun" und gehörte bisher zu den meistgelesenen Blättern in Großbritannien. Sie ist die größte britische Sonntagszeitung, im April erschien sie mit einer Auflage von 2,9 Millionen. Zum Vergleich: Die "Sunday Times" und der "Sunday Mirror" hatten eine Auflage von etwa einer Millionen.

"News of the World" ist eines der aggressivsten Boulevardblätter in Großbritannien und hat sich auf Skandale um Prominente spezialisiert. Der Verlag News International, in dem es erscheint, verlegt auch die "Times" und die "Sunday Times". Die als "Revolverblatt" verschriene Zeitung ist seit 168 Jahren am Markt. Online müssen Leser mittlerweile für das Blatt bezahlen.

Für spekulative Skandalgeschichten berüchtigt

Die Zeitung ist bekannt für mehr oder weniger wahre Spekulationen, hat aber immer wieder auch exklusive Geschichten publik gemacht, darunter die vorübergehende Trennung von Prinz William und seiner damaligen Freundin Kate Middleton.

Einst fiel Sophie Wessex, die Frau von Prinz Edward, auf einen als Scheich verkleideten Reporter der "News of the World" herein. Ihre abfälligen Äußerungen über Mitglieder der Königsfamilien lösten einen Skandal aus, den "Sophiegate"-Skandal.

Im Jahr 2000 sorgte das Blatt mit einer umstrittenen Kampagne gegen Kinderschänder für Aufsehen. "News of the World" hatte Fotos, Namen und Adressen von Tätern veröffentlicht, die nach Verbüßung ihrer Strafe wieder frei waren. Die Aktion wurde gestoppt.

2008 veröffentlichte das Blatt umstrittene Videos des damaligen Präsidenten des Internationalen Automobilverbands FIA, Max Mosley. Der Streit um die Verletzung von Persönlichkeitsrechten ging bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

be/liri/AFP/DPA / DPA