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17-jähriger "Waldjunge": Kasper Hauser oder traumatisierter Lügenbaron

Der Fall eines 17-Jährigen, der jahrelang in Wäldern gelebt haben will, gibt den Berliner Behörden Rätsel auf. Der Junge weiß weder seinen Nachnamen noch wo er eigentlich herstammt. Psychologisch ist der Fall hoch interessant und verlangt viel Fingerspitzengefühl der Ermittler.

Ein 17-jähriger Junge meldete sich vor zwölf Tagen beim Berliner Jugendnotdienst und behauptete, mit seinem Vater jahrelang in Wäldern gelebt zu haben, wie ein Polizeisprecher am Freitag sagte. Er bestätigte damit einen Bericht der "Bild"-Zeitung. Laut Polizei kennt der Junge weder seinen Nachnamen, noch seine Herkunft. Es handelt sich womöglich um einen Vermisstenfall.

Dass sich Menschen allein in der Natur durchschlagen, ist aus Expertensicht sehr selten. "Tatsächlich gibt es nicht viele ähnliche Fälle", sagte der Psychologe Werner Greve von der Universität Hildesheim. "Selbst wenn man sehr gründlich sucht, bin ich ziemlich sicher, dass wir auch über mehrere Dekaden kaum ein Dutzend Fälle finden würden."

Folgen des abgeschiedenen Lebens könnten ernsthafte Störungen im Sozialverhalten sein, weil wichtige Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen nicht erlernt wurden. Es sei aber auch genauso gut denkbar, dass sich ein Einsiedler bei gelegentlichen Kontakten mit der Zivilisation normal entwickele.

Kein Erinnerung an Leben vor dem Wald

Die Identität des Jungen soll der Polizei zufolge nun in ganz Deutschland und über die Grenzen hinaus recherchiert werden. Auch Interpol wurde eingeschaltet. Es gebe Anhaltspunkte für die Glaubwürdigkeit der Aussagen, sagte der Sprecher. Der Junge, der sich Roy nennt, spreche fließend Englisch und nur gebrochen Deutsch.

Nach Angaben des Jugendlichen lebten Vater und Sohn mehrere Jahre in Wäldern, bevor der Vater vor zwei Wochen gestorben sei. Der Junge will den Mann im Wald verscharrt haben. Die Polizei sucht daher ebenfalls nach dem Leichnam des Vaters, der dem Jugendlichen zufolge Ryan hieß. Die Mutter sei vor etwa fünf Jahren bei einem Unfall gestorben. An die Zeit davor habe der Junge keine Erinnerung. Laut Polizei befindet er sich zurzeit in der Obhut des Jugendamts.

Die Behörden sollten den Fall gewissenhaft prüfen, rät Greve. "Man muss sich das erstmal genau anschauen. Fünf Jahre ist ein sehr langer Zeitraum, gemessen daran wirkt, zumindest dem Foto nach zu urteilen, der junge Mann relativ gepflegt und nicht verwahrlost." Es sei auch möglich, dass es sich um eine eingebildete Geschichte handele.

ono/AFP/DPA / DPA
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