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Ärmelkanal: 20 Stunden unter dem Meer

Kurz nach Calais erwarten Dirk Jahn Strömungen, bei dem selbst trainierte Schwimmer nicht mehr von der Stelle kommen. Danach liegen noch rund 40 Kilometer vor ihm: Als erster Mensch der Welt will er den Ärmelkanal durchtauchen.

Von Torsten Thomas

Schon oft musste die Meerenge als Kulisse für waghalsige Abenteuer über und im Wasser herhalten. Am Montag will ein 40-jähriger Extremsportler die Meeresenge wieder in die Schlagzeilen bringen. Bevor Dirk Jahn in der Tauchszene zum alten Eisen gehört, will er den Ärmelkanal durchtauchen. Schafft er das Kunststück, ist ihm der Eintrag in das Guinness Buch der Rekorde sicher.

Zwischen ihm und seinem Ziel, der Shakespeare-Beach bei Dover, liegen 49 strömungsreiche Kilometer. Spätestens nach 20 Stunden will er festen englischen Boden unter den Füßen haben. Mehr als zwei Jahre hat sich Jahn auf die Aktion vorbereitet, die viel Zeit und 25.000 Euro verschlungen hat. "In den letzten Monaten standen Laufen und Fahrradfahren auf dem Programm. Außerdem habe ich in der Nordsee und in strömungsreichen Flüssen trainiert, um mich fit zu machen", sagt er.

Tauchgänge bis 138 Meter Tiefe absolviert

Bisher hat sich Jahn seine Herausforderungen in der Tiefe gesucht und dabei Tauchgänge von bis zu 138 Metern absolviert. "Jetzt will ich es mit der Langstrecke versuchen", sagt er. Begleitet wird der Extremsportler von seinem besten Freund und einem Tross aus Helfern; Rettungstaucher und Mediziner sorgen für Jahns Sicherheit; unabhängige Zeugen und ein Fernsehteam sollen den Rekordversuch dokumentieren.

Trotz seiner 3000 Tauchgänge wirkt Dirk Jahn seiner auf den ersten Blick nicht unbedingt wie ein Modellathlet, dem man den Kampf mit Strömung und Gezeiten zutrauen würde. Gelegentlich steckt er sich eine "Lucky Strike" in den Mund und auch mit seinem Hüftring hat er Frieden geschlossen. Dafür hat Jahn als ehemaliger Kampfschwimmer der Bundesmarine viel Erfahrung mit dem nassen Element gesammelt. "Da wurde uns psychisch und physisch alles abverlangt", sagt der dreifache Familienvater. Bei der Jagd nach Rekorden spielt wohl auch seine Vergangenheit als Leitungssportler der DDR eine Rolle.

Von klein auf auf Höchstleistungen gedrillt

Dort hatte Jahn hatte es bis zum Kunstturnmeister im Mehrkampf gebracht. "Von klein auf wurde ich auf Höchstleistungen und Erfolge gedrillt. Dabei habe ich mir den Rücken ruiniert. So bin ich mit 16 Jahren zum Tauchsport gekommen und war später bei den Tauchpionieren der Nationalen Volksarmee. Im Wasser fühle ich mich einfach wohl, weil ich keine Schmerzen habe", erzählt der gebürtige Merseburger. Damit Jahn während seiner Unterquerung nicht in der starken Strömung verloren geht, ist er über Begleitboote mit Sicherheitsleinen verbunden. Berufstaucher werden ständig sein Denk- und Reaktionsvermögen testen, und damit das Unternehmen nicht aus Versehen durch eine Kollision mit einem Tanker beendet wird, ist für den Seeverkehr eine Frequenz freigeschaltet. Auf ihr werden Schiffe rechtzeitig gewarnt und müssen im Fall des Falles weiträumig ausweichen. Überwacht wird das ganze Unternehmen von englischen Profis, die sonst Langstreckenschwimmer bei Rekordversuchen durch den Ärmelkanal lotsen.

Zwischen fünf bis zehn Meter unter der Wasseroberfläche

Um dem Wellengang und der Dünung zu entgehen, will Jahn den Ärmelkanal in einer Tiefe von fünf bis zehn Metern durchtauchen. Dafür benutzt er ein für den Versuch umgebautes 36 Kilogramm schweres Kreislauftauchgerät. In ihm wird die verbrauchte Luft durch ein Filtersystem aufbereitet. So sind sehr lange Tauchphasen möglich. Das Atemgemisch besteht je zur Hälfte aus Stickstoff und Sauerstoff. "Weil sich dadurch die gefährliche Sättigung des Blutes mit Stickstoff minimiert, kann ich mindestens vier Stunden unter Wasser bleiben", sagte er über die Technik.

Unterbrochen wird der Rekordversuch durch vier geplante Oberflächenpausen von maximal 90 Minuten. Dann will er sich ausruhen, essen, trinken und sich Motivation von seinem Team holen. Die Pausen sind vom Tauchmediziner vorgeschrieben und mit den Verantwortlichen vom Guinness-Buch abgesprochen. "Es könnte auch eine Unterbrechung mehr werden. Ich will so lange tauchen, bis ich drüben angekommen bin. "Nur wenn der Arzt abwinkt ist Schluss. Ein Risiko um jeden Preis kommt nicht in Frage", sagt er.

Für den Versuch hat sich das Team von Nautikern die optimalen Strömungen ausrechnen lassen. Trotzdem wartet bereits vor Calais ein Tidenhub von sechs Metern auf ihn, bei dem selbst trainierte Schwimmer nicht mehr von der Stelle kommen. "Ich lass mich mit Strömungen von gut 13 Stundenkilometern in Richtung England ziehen. Aber es gibt auch heftige Gezeiten in die andere Richtung, gegen die ich ankämpfen muss. Das vor Calais wird ein dicker Brocken", so Jahn.

"Irgendwann kommt die Kälte und ich werde müde"

Zu den körperlichen Strapazen kommt die psychische Belastung. Mit etwa neun Grad lädt das Wasser nicht unbedingt zum Baden ein. Deshalb soll ihn eine Heizung im Tauchanzug vor Erfrierungen bewahren und zwei spezielle Lampen mit langer Brenndauer ein wenig Licht im Dunkel des Ärmelkanals verbreiten. "Gerade nachts wird es schwer für mich. Irgendwann kommt die Kälte und ich werde müde. Den größten Respekt habe ich aber vor der Strömung", sagt er.

Für den Fall, dass er als Rekordhalter vor der englischen Küste aus dem Wasser steigen sollte, hat er schon klare Vorstellungen. "Ich werde am Strand meine Familie treffen, ein Bier trinken und will ein halbes Jahr kein Wasser mehr sehen."

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