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Amoklauf in Newtown: Die Elfe der Sandy-Hook-Schule

Es war eine heile Welt, die der Amokläufer Adam Lanza so brutal zerstörte. Es war die Welt der engagierten Schulrektorin Dawn Hochsprung. Als sie sich ihm in den Weg stellte, tötete er sie.

Von Malte Arnsperger

Dawn Hochsprung war keine dieser überstrengen Rektorinnen, die böse über die Brillenränder blicken und bei der Schüler Angst haben müssen anzuklopfen. Dawn Hochsprung wollte, dass die Kinder der Sandy Hook Elementary School gerne in ihre Grundschule gehen, sich dort wohlfühlen und echte Werte vermittelt bekommen. "Sie war nicht so eine Rektorin wie ich sie früher hatte", sagt die Mutter zweier Schulkinder. "Sie hat sich wirklich um die Schüler gekümmert und hat dafür gesorgt, dass sie sich bei ihr gut aufgehoben fühlen. Sie ist diesen Extra-Schritt gegangen." Für dieses Pflichtbewusstsein und das Verantwortungsgefühl ihren Schüler gegenüber musste Dawn Hochsprung wohl mit dem Leben bezahlen. Die Rektorin der Sandy Hook Elementary School ist US-Medienberichten zufolge eines der 26 Opfer des Amokläufers Adam Lanza. Mit ihrem Einsatz hat sie offenbar dazu beigetragen, dass es nicht noch mehr Tote gab. Denn als sie in ihrem Büro die ersten Schüsse aus Lanzas Pistolen hörte, habe die 47-Jährige sofort per Lautsprecher die gesamte Schule alarmiert, berichten Zeugen. Daraufhin sei sie zusammen mit einer Schulpsychologin auf den Flur gerannt, dem Schützen geradewegs entgegen. Es war ihr Todesurteil, Adam Lanza habe sie geradezu exekutiert, heißt es. "Ich bin nicht überrascht, dass sie auf diese Weise starb", sagt eine Lokalpolitikerin, die Hochsprung kannte, "ihre Schüler beschützend."

Sie war gerade erst richtig angekommen

Dabei war Dawn Hochsprung, verheiratete Mutter von zwei Töchtern, gerade erst so richtig angekommen als Rektorin von Sandy Hook. 2010 hatte sie den Posten übernommen. Zuvor hatte sie viele Jahre lang an verschiedenen anderen Schulen der Region als Lehrerin und Rektorin gearbeitet. In einem Interview zu ihrer Amtsübernahme sagte sie der lokalen Zeitung, sie sei ziemlich beeindruckt von den Bedingungen in Sandy Hook. "Ich glaube nicht, dass es einen besseren Ort gibt, an den man Schüler bringen kann." Das dies in den vergangenen zwei Jahren auch so blieb, daran hatte Hochsprung offenbar großen Anteil. Die Rektorin habe festliche Tage organisiert, die sie "Wacky Wednesday" - "Verrückter Mittwoch" - nannte, berichtet die "New York Times". An diesen Tagen durften die Kinder in lustigen Kleidern zur Schule kommen, sich als ihre Lieblingsfigur verkleiden. Auch die Rektorin selber habe es geliebt, in Fantasie-Outfits zu schlüpfen. Tatsächlich twitterte sie vor einigen Monaten ein Foto, auf dem offenbar sie selber im Elfenkostüm zu sehen ist, umringt von Kindern. Eine Mutter sagte der Zeitung, ihre Kinder seien oft nach Hause gekommen und hätten davon geschwärmt, was Frau Hochsprung wieder Tolles mit ihnen gemacht habe.

Auch auf Twitter aktiv

Bei all dem Spaß sorgte die Rektorin aber auch dafür, den Kindern ein festes Wertefundament zu vermitteln. So berichtete die lokale Zeitung über ein Achtsamkeitsprogramm, das es seit vielen Jahren an der Schule gibt und welches Dawn Hochsprung vehement unterstützt habe. CARES heißt dieses Projekt und steht für "Cooperation, Assertion, Responsibility, Empathy, and Self-control" - also Kooperation, Selbstbehauptung, Verantwortung, Empathie und Selbstkontrolle. Zu diesem Programm gehörte die Pflicht, dass sich alle - Schüler und Lehrer - stets mit Namen begrüßen. Rektorin Hochsprung: "Das hilft den Kindern, wenn sie in die Schule kommen und sie wissen, dass sie eine geachtetes Mitglied der Gemeinschaft sind." Auch um ihre Kollegen kümmerte sich Hochsprung offenbar eifrig. So habe sie stets lange Artikel unter den Lehrern verteilt, in denen über Bildungspolitik berichtet wird. Zudem habe sie dafür gesorgt, dass alle Lehrkräfte ein iPad bekommen und rief die Kollegen seit neuestem zur "Appy Hour" zusammen, um mit ihnen Wege zu besprechen, wie man Handy-Applikationen für den Unterricht nutzen kann. Überhaupt schien Hochsprung technisch voll auf der Höhe der Zeit zu sein. Ihr Twitter-Account zeigt genau 100 Tweets. Sie twitterte Fotos, auf denen die Kinder einen Hühnchen-Tanz aufführen, berichtete per Kurzmitteilung über den Gemüse-Garten, den Schüler, Eltern und Lehrer auf dem Gelände der Schule angelegt hatten oder nutzte das Internet um mitzuteilen, dass die Schule am Nachmittag geschlossen sein wird.

Sicherheit war ein wichtiges Thema

Über Twitter zeigte sie auch, dass die Sicherheit der Kinder eine ihrer Prioritäten war. Mitte Oktober gab es offenbar an der Schule eine Notfall-Übung, bei der eine Evakuierung geprobt wurde. "Safety first at Sandy Hook" - "die Sicherheit geht vor in Sandy Hook", twitterte die Rektorin daraufhin. Aber Hochsprung beließ es nicht bei dieser Übung. Wie der US-Sender CNN berichtet, hatte sie der Elternschaft vor einiger Zeit einen Brief geschrieben und darin mitgeteilt, dass künftig jeder Besucher, der nach 9.30 Uhr kommt, klingeln muss. Adam Lanza konnten diese Maßnahmen nicht stoppen.

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