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Früher Kaufhaus-Erpresser, heute Karikaturist: "Ich bin ein resozialisierter Bürger": Arno Funke über sein Leben nach "Dagobert"

Mit schlauen Tricks führt er die Polizei vor, wird bundesweit bekannt, sitzt im Gefängnis und startet dann ganz neu. Das ist lange her. Nun hat der Ur-Berliner Arno Funke einen runden Geburtstag. Und noch viel vor.

Arno Funke: früher Kaufhaus-Erpresser, heute Karikaturist

An seine Vergangenheit als Kaufhaus-Erpresser denke er fast nicht mehr, sagt Arno "Dagobert" Funke

DPA

Das neue Buch ist noch immer nicht fertig. Der Berliner Satiriker und Zeichner Arno Funke beschwört sich wieder selbst: "Ich muss jetzt in die Hände spucken." Eigentlich sollte das Werk, in dem die Männchen fressende Spinnenfrau Schwarze Witwe vorkommen soll, zum 70. Geburtstag (14. März) fertig sein. Der Mann, der vor einem Vierteljahrhundert als Kaufhaus-Erpresser "Dagobert" bundesweit Schlagzeilen machte, sagt der Deutschen Presse-Agentur lachend und fast entschuldigend: "Ich bin ein leicht ablenkbarer Mensch."

Die Politik liefere dafür gerade viel Material, findet der Karikaturist, der für das Satiremagazin "Eulenspiegel" arbeitet. "Dafür sorgen die Politiker schon, dass uns der Stoff nicht ausgeht", meint Funke. Doch er sei überrascht, wie leicht sich Politiker hereinlegen ließen, sagt er mit Blick auf die Krise in Thüringen, wo ein Regierungschef erstmals mit Stimmen der AfD ins Amt kam.

"Das ist weit weg", sagt Arno Funke

Er zeichne fast nur am Computer und wolle das auch weiter tun, sagt der gebürtige Berliner, der als hochintelligent gilt. Und er macht sich gleich wieder Druck. "Ich beweg mich zu wenig, ich muss raus." Ans Aufhören verschwendet der Satire-Zeichner keinen Gedanken. "Die Fantasie geht mir nicht aus."

An seine Vergangenheit als Kaufhaus-Erpresser denke er fast nicht mehr. "Das ist weit weg." Es sei vorbei und inzwischen eine Generation her. Wie Funke in die Gesellschaft zurückfand, gilt als vorbildlich. "Ich bin ein resozialisierter Bürger", sagt er von sich.

Doch den Spitznamen "Dagobert" ist Funke nie ganz losgeworden. Polizei und Medien nannten ihn so, weil er mit "Onkel Dagobert grüßt seine Neffen" in Zeitungsannoncen das Signal zur Geldübergabe geben wollte. Mal stellte er dafür über offenem Gully eine Streusandkiste auf, dann baute er eine ferngesteuerte Lore für die Übergabe. Wie der gelernte Schilder- und Lichtreklamehersteller die Polizei überlistete, brachte ihm auch Sympathien ein. Die Hamburger Kriminalpsychologin Claudia Brockmann, die seinerzeit in dem Fall mit ermittelte, betonte einmal im Magazin stern Crime: "Wir wussten, dass er von seinen technischen Fähigkeiten überzeugt war." Er sei bei seinen Planungen einsam gewesen und habe trotz der Bomben als der Gute dastehen wollen.

Funke wurde endgültig 1996 zu neun Jahren Haft verurteilt - wegen Erpressung des Berliner KaDeWe (Kaufhaus des Westens) und mehrerer Sprengstoff-Anschläge auf Karstadt-Filialen. Das Gericht attestierte ihm eine hirnorganisch bedingte Depression und verminderte Schuldfähigkeit. Im Sommer 2000 kam er vorzeitig frei. Schon im Gefängnis hatte der "Eulenspiegel" angefragt, ob Funke für das Satiremagazin zeichnen wolle.

Und wie geht es weiter?

In einem dpa-Gespräch im Vorjahr hatte Funke erzählt, er sei durch das Einatmen giftiger Dämpfe bei der Arbeit krank gewesen. Das habe ihn zu seinen Taten getrieben, bei denen niemand schwer verletzt worden sei. Auch seine Schulden sei er inzwischen los, er war zu Schadenersatz verurteilt worden. Das Tüfteln kann er aber offensichtlich nicht lassen. Er hat nach eigenen Angaben auch eine selbst entworfene 3-D-Kamera gebaut.

Zum 70. Geburtstag plant Funke, der auch schon mal einen Ausflug ins RTL-Dschungelcamp machte, keine große Party. "Alkohol verträgt man auch nicht mehr so", bekennt er mit fröhlichem Grinsen. Jetzt kämen die Wehwehchen. Früher sei er dreimal die Woche gejoggt. Aber er habe vor, wieder mit Zelt und Rucksack durch Norwegen zu wandern.

Dass der Mann mit den vielen Interessen auch die nordische Sprache beherrscht, kam ihm noch bei einem anderen Projekt zugute. Als er vor einiger Zeit begann, die eigene Familiengeschichte zu erforschen, landete er übers Internet auch in norwegischen Kirchenbüchern und fand Vorfahren. Diese seien nicht nur von dort, sondern aus allen Himmelsrichtungen in Berlin gelandet. Das habe ihm auch die Vergangenheit der Stadt näher gebracht, so der Hobbyforscher.

Jetzt, da er älter werde, mache er sich mehr Gedanken über den Zustand der Gesellschaft als früher und sei etwas besorgt, so Funke. "Es brennt ja überall" - ob in Amerika oder Großbritannien und hier in Europa sei die Entwicklung auch nicht so rosig.

Jutta Schütz / fs / DPA