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Aufstand in Baden-Württemberg: Weinheim wehrt sich gegen Puff-Mühle

Trotz des Widerstands seiner Bürger wollen potente Investoren im idyllischen Weinheim ein Großbordell ansiedeln, in einer historischen Mühle, Puff-Flatrate und Bus-Shuttle vom Frankfurter Airport inklusive. Das Städtchen bangt um seinen Ruf.

Von Jörg Isert

Wer am Bahnhof von Weinheim an der Bergstraße Taxifahrer fragt, wo die Kapellenstraße ist, bekommt meist eine Rückfrage gestellt. "Die Nummer 36?", grinst es aus den Autos. Die Nummer 36: Dort befindet sich das "Dolce Vita", bis zum vergangenen Jahr noch das "Schwitzkistl". Ein FKK-Club. Genauer gesagt: ein Bordell. Rund 100 Euro kostet die Tageskarte, sämtliche Dienstleistungen inklusive. Ähnlich ist es im nahen FKK-Club "16". Wer hinter einem Fahrradgeschäft eine lange Treppe mit verdeckter Sicht hinaufsteigt, wird von einer leicht bekleideten Blondine begrüßt. 100 Euro Eintritt, "all inclusive", sagt sie mit osteuropäischem Einschlag. Hinter ihr vergnügt sich ein fülliger Mann mit einer Animierdame auf einer Pool-Liege.

Das baden-württembergische Weinheim liegt im Rhein-Neckar-Dreieck, an der Grenze zu Hessen und Rheinland-Pfalz. Die Autobahn A 5 und zwei Bundesstraßen sind nah, Frankfurt, Mannheim und Heidelberg genauso. Ideale Voraussetzungen für ein "Sex-Eldorado". Als solches läuft die 42.000 Einwohner-Stadt seit einem Jahr in den deutschen Medien. Der Grund für die Schlagzeilen ist ein historisches Bauwerk: die Hildebrandsche Mühle.

Diese wurde 1858 erbaut. Damals war die Hildebrandsche Mühle die größte Getreidemühle in ganz Deutschland. Später wurde sie als Holzmehlmühle genutzt, bis 1982 fungierte sie als Getreidelager. 1989 kaufte eine Investorengruppe das gesamte Areal. Die neuen Besitzer wollten zunächst ein großes Wohngebäude bauen. Ein entsprechender Antrag wurde in den neunziger Jahren abgelehnt: Das große Gebäude passe nicht in die Umgebung. 2005 schwenkten die Immobilienmakler aus Bad Homburg plötzlich um. Sie stellten eine Bauvoranfrage - bezüglich der Nutzung der Mühle als Bordell. Seitdem ist der Teufel los in Weinheim.

Sechs Bordelle und ein Swingerclub

Roland Kern sitzt im Schlossparkrestaurant im Rathaus. Weinheims Stadtverwaltung ist in mehreren Gebäudeteilen des kurpfälzischen Schlosses von 1537 untergebracht: Prachtvoll und beschaulich zugleich. Es ist das Weinheim, wie es sich die Weinheimer vorstellen. Das richtige Weinheim. Nicht das Weinheim, in dem es sechs Bordelle und einen Swingerclub gibt.

Der 40-jährige Kern ist der einzige im Rathaus, der sich zu dem leidigen Thema öffentlich äußert. Sein Chef ist ein gebranntes Kind: Ende 2006 war der Journalist einer großen Wochenzeitung zu Gast, zwei Tage lang. Danach hat er Oberbürgermeister Heiner Bernhard nur mit dem Satz zitiert, Weinheim müsse ein tragfähiges "Bordellkonzept" entwickeln. Darauf reichte es dem OB. Er eilt grußlos durch die Rathaus-Gänge, sein langer Mantel weht vorbei. Roland Kern meint: "Nach dem was passiert ist, verstehe ich ihn - selbst ich, der zur Öffentlichkeit drängt."

Mühle, die zum Bordell werden soll

Kern ist der Pressesprecher der Stadt. Auch ihm reicht es. Vor zwei Jahren trat er seine Stelle im Rathaus an. Die Stadt habe sich vorher nicht optimal dargestellt, meint er. Er sei angetreten, "um das Image der Stadt zu verbessern". Und dann das: die Mühle, die zum Bordell werden soll. Geplanter Name: "Moulin Rouge". Es war der mediale Super-GAU.

"Wissen Sie, im vergangenen Jahr bin ich am Journalismus verzweifelt", sagt Kern. Der Pressesprecher nippt an seiner Tasse, im Hintergrund läuft leise Musik: "Das Team eines Reportage-Magazins haben wir von einem Kran aus die Mühle filmen lassen. Wenigstens einen ansatzweise objektiven Bericht haben wir uns erhofft." Stattdessen waren auf RTL rot gefärbte Puff-Bilder zu sehen - dazu lief "Je t'aime" im Hintergrund. Kern erregt sich: "Und Sat 1 behauptete, die Stadt investiere lieber in Bordelle als in Kindergärten."

Kern ist gelernter Journalist. Er hat bei der Lokalzeitung volontiert, dann beim "Mannheimer Morgen" und der "Rhein-Neckar-Zeitung" gearbeitet. Er weiß, wie Medien funktionieren - dachte er. "Ich habe jetzt erst gemerkt, wie bei manchen gearbeitet wird. 80 Prozent der Journalisten schreiben voneinander ab. Ein Journalist hat einen Zeitungsbericht fast eins zu eins übernommen - ohne überhaupt bei uns nachzufragen."

Journalisten schreiben voneinander ab

Kern wirkt gefrustet. Ist er es? "Ein bisschen haben sie ja Recht. Aber die meisten wollen gar nicht wissen, was man sagt. Die denken: Ich recherchiere mir doch meine Geschichte nicht kaputt." Doch was lässt sich in Weinheim kaputt recherchieren? Einer Provinzstadt mit gleich mehreren Bordellen? Einer geplante Puff-Mühle mit 40 Prostituierten? Mit einem von den Investoren geplanten Shuttlebus vom 65 Kilometer entfernt gelegenen Frankfurter Flughafen? Mit einer neu zu bauenden Brücke für Freier, über das Flüsschen Weschnitz?

Der neue Puff würde auch noch staatlich unterstützt werden. Weil dem Denkmalschutz das Äußere, die Fassade, wichtig ist - was innen vor sich geht, spielt keine Rolle. So konnten die Investoren Fördermittel in Höhe von fast einer Viertelmillion Euro beantragen. Ist das denn keine Geschichte? Kern: "Ich verstehe ja, dass alle darüber schreiben wollen, ich bin ja selbst vom Fach. Aber eine solche Geschichte, die bricht Ihnen unter den Fingern weg." Bisher gebe es doch nur eine Bauvoranfrage. "Es gibt noch nicht einmal einen Bauantrag. Trotzdem bauschen die Medien das so sehr auf."

"Da ist so viel falsch vermittelt worden"

Kern dreht auf: Weinheim habe doch viel mehr zu bieten als schnellen Sex. Demnächst werde ein neues Einkaufszentrum die Innenstadt beleben. Es gebe 25 Kindergärten und 4000 Schüler im Ort. Nach einer Umfrage des Heidelberger Kriminologie-Instituts seien Weinheims Bürger diejenigen, die sich in der ganzen Region am sichersten fühlen.

Roland Kern ist wirklich gefrustet: Ein Kegelclub hat seinen Ausflug nach Weinheim abgesagt. Begründung: Weil die Stadt nichts gegen Prostitution unternehmen würde. "Dabei hatten wir rechtlich gar keine andere Wahl, als die Bauvoranfrage zu genehmigen. Da ist so viel falsch vermittelt worden."

Die Mühle liegt wie ein Schatten über der Stadt

Hans Bayer hält dagegen: "Es gab in Weinheim auch schon ein Bordell direkt neben der Grund- und Realschule!" Der 72-jährige schnauft heftig, während er aus Weinheims Rotlicht-Historie erzählt. Er läuft um das riesige Areal der Hildebrandschen Mühle herum. Es geht bergauf. Die riesige Mühle liegt wie ein Schatten über der Stadt. Von weitem wirkt sie wie eine Festung. Doch wer näher heran tritt, sieht, wie marode das Gebäude ist. Würde das "Moulin Rouge" kommen, müsste ein Teil des Gebäudekomplexes abgerissen werden.

Mit 42.000 Einwohnern liegt Weinheim juristisch auf ähnlichem Niveau wie Großstädte wie Frankfurt oder Hamburg. Nach baden-württembergischem Recht können Bordelle nur in Gemeinden mit weniger als 35.000 Einwohnern baurechtlich untersagt werden.

"Initiative für Weinheim" will Bordell verhindern

Hans Bayer hat die "Initiative für Weinheim" gegründet: Die 200 Mitglieder starke Bürgerinitiative will die horizontale Nutzung der Mühle verhindern. 1000 Unterschriften gegen das "Moulin Rouge" wurden in wenigen Wochen gesammelt - die Wirkung aber verpuffte. "Das Problem ist, dass alles verharmlost wird von Stadtseite. Die Stadt hat sich nicht rechtzeitig um das Problem gekümmert. Danach sagte der Oberbürgermeister, es sei alles nicht so schlimm. Es wäre ja schön, wenn er Recht hätte."

Die Initiative befürchtet, dass die Hell's Angels hinter dem Vorhaben stecken. Die Sorge ist nicht unbegründet: Nach Erkenntnissen der Polizei hat die Gruppe schon öfter versucht, ähnliche Vorhaben in Deutschland über Strohmänner zu initiieren. Doch nichts genaues weiß man nicht, auch in Weinheim: Die Bad Homburger Investoren schickten bisher immer ihre Anwälte vor.

Das älteste Gewerbe der Welt

Bayer verweist auf die Bibel: Hurerei habe es schon da gegeben. "Ich kann damit leben, wenn keine Belästigung davon ausgeht. Aber dieses Bordell wäre für unseren Ort viel zu groß." Ein Eiferer ist der frühere Richter nicht. Er wirkt eher moderat.

Auch Bayer ist den Medien gegenüber misstrauischer geworden: Ein Fernsehteam habe ihn eine Stunde lang interviewt. Gesendet worden seien nur wenige Sätze, laut Bayer waren sie "aus dem Zusammenhang gerissen". Ein alter Mann im Rollstuhl und zwei Motorradfahrer kamen dagegen ausführlich zu Wort: Klar würden sie da hin gehen, wenn es Freibier zur Eröffnung gibt. "Es wurde ein Zerrbild Weinheims vermittelt." Schleppend läuft Hans Bayer um die Mühle herum - sich um die Stadt sorgend, in der schon seine Vorfahren lebten.

Bordell musste genehmigt werden

Schon haben weitere Unternehmer Anträge gestellt: Zwei weitere Puffs sollen entstehen, in einem Autohaus und über einer früheren Disco. Ein Bordell musste mittlerweile genehmigt werden - laut Kern gab es keine rechtliche Chance. "Die haben durch den Trubel natürlich mitgekriegt, was hier machbar ist."

Nun konnte die Stadt zumindest einen Erfolg verzeichnen: Als bislang einzige baden-württembergische Stadt ihrer Größe bekommt Weinheim eine Sperrgebietsverordnung. Sie schließt Prostitution im Stadtgebiet aus - ausgenommen die bereits bestehenden Erotik-Etablissements. Nun äußert sich auch der Oberbürgermeister wieder öffentlich: Das Verbot sei als "großer Erfolg" zu werten.

Funkstille zwischen Stadt und Investoren

Wenn doch nur nicht das "Moulin Rouge" wäre: Die Hildebrandsche Mühle liegt in einem Gebiet, das als Gewerbeareal gilt. Das Großbordell wäre deshalb nur zu verhindern, wenn bis Frühjahr 2008 ein Bauantrag ausbleibt. Momentan herrscht Funkstille zwischen der Stadt und den Investoren. Was sie vorhaben: Keiner weiß es.

Der Vorwurf der Bürgerinitiative bleibt: Die Stadtverwaltung hat zu spät reagiert. Roland Kern: "Wenn Leute das Gegenteil von dem behaupten, was stimmt, macht es die Sache natürlich nicht einfacher. Aber geht es um Meinung? Was ist Meinung? Glauben Sie, die Stadt ist für Bordelle?" Die Stadtverwaltung hat sich also nicht zu passiv verhalten? Kern: "Das Gefühl der Bürger unterscheidet sich manchmal stark von den Fakten. Das vermittelte Bild der Medien muss nicht immer richtig sein."

Kern erzählt, wie er als Volontär der Lokalzeitung für eine Reportage einmal sämtliche Bordelle Weinheims abfuhr. "Damals gab es mehr als jetzt. Und keiner hat sie so richtig wahrgenommen."