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Benedikt XVI: Würfelte Grass mit dem Papst im Erdloch?

Etwas verklemmt soll er gewesen sein und sehr katholisch. Das behauptet Günther Grass vom jugendlichen und nun päpstlichen Joseph Ratzinger. Der Autor beschreibt eine angebliche Begegnung der zwei in einem Kriegsgefangenenlager.

Von Ulrike Posche

In seiner Biographie "Beim Häuten der Zwiebel" erzählt der Schriftsteller Günther Grass, 79, von einer Begegnung mit einem jungen Priesterkandidaten, den er 1945 im Straflager auf dem Militärflugplatz Bad Aibling beim gemeinsamen Knobelspiel kennen gelernt haben will: Joseph Ratzinger, den späteren Kardinal und heutigen Papst.

"Ich saß im Lager in Bad Aibling immer mit Gleichaltrigen zusammen. Da hockten wir Siebzehnjährigen, wenn es regnete, in einem Loch, das wir uns in den Boden gebuddelt hatten. Darüber hatten wir eine Regenplane gespannt. Es waren dort 100.000 Kriegsgefangene unter freiem Himmel versammelt. Und einer von denen hieß Joseph, war äußerst katholisch und gab auch gelegentlich lateinische Zitate von sich. Der wurde mein Freund und Knobelkumpan, denn ich hatte einen Würfelbecher ins Lager retten können. Wir haben uns die Zeit vertrieben, gewürfelt, geredet und Zukunftsspekulationen angestellt, wie Jugendliche das gerne tun. Ich wollte Künstler werden, und er wollte in die Kirche, dort Karriere machen. Ein bisschen verklemmt kam er mir vor, aber er war ein netter Kerl", schreibt Grass und versichert sich im Interview mit der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher: "Das ist doch eine hübsche Geschichte, oder?"

Alles andere als die Wahrheit

"Hübsch erfundene Geschichte", heißt es nun vorsichtig aus dem engsten Umfeld des Papstes. Eine offizielle Erklärung allerdings gibt der Vatikan dazu nicht. Papstkenner halten indes die Begegnung beim Knobeln für ausgeschlossen: "Papst Benedikt hat ein zu gutes Gedächtnis, als dass er sie nicht irgendwo schon einmal erwähnt hätte", sagt ein Mitarbeiter.

Ratzinger, 79, hat in seiner 1997 erschienenen Biographie "Aus meinem Leben" seinerseits erzählt, was er als 17-jähriger Luftwaffenhelfer, im Reichsarbeitsdienst und in der Kriegsgefangenschaft im Lager Bad Aibling erlebte. Ein Auszug: "Die Wochen beim Arbeitsdienst sind für mich eine bedrückende Erinnerung. (...) Eines Nachts wurden wir aus den Betten geholt und im Trainingsanzug, halb schlaftrunken, versammelt. Ein SS-Offizier ließ jeden einzeln vortreten und versuchte, unter Ausnutzung unserer Müdigkeit und durch die Bloßstellung eines jeden vor der versammelten Gruppe "freiwillige" Meldung zur Waffen-SS zu erzwingen. Eine ganze Reihe von gutmütigen Kameraden ist so in diese verbrecherische Gruppe hineingepresst worden. Mit einigen anderen hatte ich das Glück, sagen zu können, dass ich die Absicht hege, katholischer Priester zu werden. Wir wurden mit Verhöhnungen und Beschimpfungen hinausgeschickt. Aber diese Beschimpfungen schmeckten großartig, denn sie befreiten uns von der Drohung dieser verlogenen "Freiwilligkeit" und von all ihren Folgen."