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Lesung mit Peer Steinbrück und Günter Grass: Mehr Willy Brandt wagen

Günther Grass war ein Freund und politischer Wegbegleiter von Willy Brandt, der Galionsfigur der Sozialdemokraten. Doch für Peer Steinbrück will sich Grass nicht vor den Karren spannen lassen.

Von Katharina Grimm, Berlin

Hunderte sind zur Lesung nach Kreuzberg gekommen, in die Zentrale, in das Herz der Bundes-SPD. Dort herrscht andächtiges Schweigen, die vor allem älteren Gäste lauschen dem gelesenen Briefwechsel zwischen Günter Grass und Willy Brandt. Sie folgen dem Vorleser in eine vergangene Zeit: vom Mauerbau zu den Studentenrevolten, vom Rücktritt Brandts bis zur Wiedervereinigung. Ein Meer aus weißen Haarschöpfen auf Stühlen, angelehnt an der Wand, still sitzend auf der Treppe - rund 600 Menschen sind da, sagen die Veranstalter. Schon Stunden vor Beginn standen sie in einer Schlange vor der Tür - nicht nur wegen der Lesung. Und auch nicht, weil heute der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück da ist. Nein, heute spricht ein Großer, ein Denker der Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Ihrer Generation.

Willy Brandt und Günter Grass. Die beiden Männer verband eine Freundschaft, die auch Kritik aushielt. Grass wetterte und flehte in seinen Briefen - er hat den politischen Stil von Willy Brandt mitgeprägt. Ein Stil, der auch heute noch bei seinen Kritikern mindestens Anerkennung findet. Seinen Anhängern hat er ein Bild der Sozialdemokratie, ein Bild von Deutschland und Europa vermittelt. Davon hofft auch Peer Steinbrück zu profitieren. Nach der Lesung spricht er mit Günter Grass über die Ära Brandt. Und knüpft dabei immer wieder an seine eigene politische Lage, seine Person an. Steinbrück in der Tradition Brandts. Doch Günter Grass sieht das anders.

Steinbrück wünscht mehr Einmischung

Grass entführt an diesem Abend in die Vergangenheit und erklärt seine "grenzenlose Bewunderung für Willy Brandt" - und Peer Steinbrück lauscht. Fast meditativ sitzt er da, mit überschlagenen Beinen, die Händen auf dem Oberschenkel gefaltet und gesenktem Blick. Auch die Zuhörer versinken - wäre da nicht der Moderator, Bundesvizepräsident Wolfgang Thierse, der krampfhaft versucht die beiden Welten aus Steinbrück und Grass zusammenzubringen.

Ob Steinbrück sich nicht auch einen solchen Nörgler und Kritiker wünschen würde. Steinbrück antwortet geschickt: "Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Intellektuelle einmischen und große Debatten unter deren Einfluss geführt werden." Mehr als nur eine Einladung. Schon 1973 forderte Brandt: "Die Sozialdemokratie braucht ein Vorfeld, das von unbequemen Vordenkern beackert wird!" Die einprägsamen Schlagworte und die großen Gesten rührten vielleicht erst durch die Nähe zum Intellektuellen Grass. "Mehr Demokratie wagen", dieser Satz - oft zitiert - stammt laut dem Herausgeber der Brandt-Grass'schen-Briefe aus der Feder von Grass.

Flucht in die Vergangenheit

Und auch der Kniefall könnte durch Grass entstanden sein. Es ist 1970, kurz vor der Unterzeichnung des Grundlagenvertrags in Warschau. Grass mahnt noch in seinem Brief an Brandt, den "Rahmen Deines Besuchs" nicht "in üblicher Glätte und innerhalb des gewohnten Protokolls" verstreichen zu lassen. Es ist Zeit für große Gesten: Willy Brandt kniet am Mahnmal des Warschauer Ghettos, ein Bild geht um die Welt.

Solche Posen, solche Sätze sind zu Wahlkampfzeiten Gold wert - das weiß auch Steinbrück. Aber wäre Grass überhaupt der Richtige, um Steinbrücks Werben um Wähler zu befeuern? Können sich die Erfahrungen mit Willy Brandt, mit seiner Vision von Politik, auf Steinbrück übertragen lassen? Grass weicht dieser Frage immer wieder aus: mal elegant, mal plakativ. Im Zweifel setzt er bei seiner Antwort direkt nach dem Krieg an, 1946, das ausgebombte Land. Bis er in der Chronologie bei Steinbrück angelangt ist, haben die Anwesenden die Frage längst vergessen. Grass ist in der komfortablen Position, sich im Zweifel in die Vergangenheit flüchten zu dürfen, das Damals zu analysieren - und das Heute der aktuellen Politkaste zu überlassen. "Heute gibt es Medien, die ich im Ansatz nicht verstehe", sagt Grass. Dann folgte eine Pause, er sucht nach einem Wort. "Facebook." Er hofft für die Zukunft auf "kluge Wellenbrecher". Das ist deutlich: Grass setzt auf die Jugend - er selbst sieht sich nicht mehr bei den Wahlkämpfern. Vor Steinbrücks Karren will er sich nicht spannen lassen.

Konfrontation auf der Bühne

Doch: Braucht Steinbrück einen Mann wie Grass? Bisher waren seine öffentlichen Auftritte oder Interviews gepflastert mit Fettnäpfchen. Kanzlergehälter, Eierlikör-Gate, Vortragshonorare und die innerparteilichen Streitigkeiten mit Sigmar Gabriel - Steinbrücks Auftreten war zuletzt ein Debakel. Doch Grass ist für Steinbrück kaum eine Chance. Die Herausforderungen an die Politik haben sich zu stark verändert. Statt auf Altbewährtes sollte Steinbrück den Blick nach vorne wagen. Zwar hat er an diesem Abend in Berlin mit dem intellektuellen Part der Brandt'schen Ära kokettiert - doch für die künftige Politik braucht es andere Qualitäten. Den Geist und Glanz von Willy Brandt zu beschwören, wird das Wahlergebnis nicht retten.

Und so ist es auch am Ende auf der Bühne mehr Konfrontation über Streitthemen, wie Bundeswehr und Politikverdrossenheit. Die Stimmen haben sich erhoben, längst sitzt Steinbrück nicht mehr so entspannt wie zu Beginn im Sessel: sein Körper ist gestrafft, sein Zeigefinger immer in Bewegung. Hier prallen Extreme aufeinander. Und so klingen die Abschiedsworte von Günter Grass wie eine Bitte um Bestätigung: "Ich hoffe, dass ich Ihnen heute Abend so unbequem gewesen bin, wie ich es einst Willy Brandt gewesen war."