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Buchkritik: Der Belmondo des Ostens

Im Kultfilm "Die Legende von Paul und Paula" schrieb er zusammen mit Angelica Domröse Filmgeschichte. Nun schreibt der Schauspieler Winfried Glatzeder in seiner Autobiographie "Paul und ich" von seinem Leben zwischen und Ost und West und erklärt, warum die Linkspartei ein notwendiges Übel ist.

Von Claudia Bender

Ein Gesicht mit vielen Namen: Ob als Paul im Osten oder Tatort-Kommissar Roiter im Westen, ob als Till Eulenspiegel, Stephan oder Eugen Schöller in seinen vielen Rollen. "Jede Rolle hat mit mir zu tun - egal ob Mörder, Lüstling, Geizkragen oder idealistischer Fantast", sagt Winfried Glatzeder, der jetzt mit "Paul und ich" seine Autobiographie zu Papier gebraucht hat.

Im Kultfilm "Die Legende von Paul und Paula" schrieb er zusammen mit Angelica Domröse Filmgeschichte. Glatzeder gehörte zu den beliebtesten Schauspielstars der DDR - mit seinem markanten Gesicht avancierte er zum "Belmondo des Ostens". Nun erzählt er amüsant und authentisch sein Leben zwischen Leinwand und Bühne. Mit bissigem Witz und ironischem Charme berichtet Glatzeder von seiner Nachkriegskindheit im Ostsektor Berlins und den Anfängen seiner Schauspielkarriere, als er unter anderem mit Armin Mueller-Stahl 1966 "Ein Lord am Alexanderplatz" drehte.

Nach "Zeit der Störche" und "Der Mann, der nach der Oma kam" gelingt Glatzeder 1973 an der Seite von Angelica Domröse im Defa-Kultfilm "Die Legende von Paul und Paula" der Durchbruch. Doch seine Arbeit gerät immer wieder in das Blickfeld der Stasi. 1982 zieht Glatzeder mit seiner Familie nach West-Berlin. Es folgen Krisen, die sich in Alkoholproblemen und kreativer Erschöpfung niederschlagen. So erzählt diese Autobiographie 35 Jahre nach "Die Legende von Paul und Paula" auch von künstlerischer Identitätsfindung und den Schwierigkeiten eines Schauspielerlebens zwischen Ost und West. "Also erstmal wollte ich überhaupt nicht aus der DDR weg. Das ist mir sehr, sehr schwer gefallen, weil ich mich sehr, sehr wohl gefühlt habe in der DDR. Nur die Situation ändert sich ja. Und die Situation 1980 war ziemlich hart. Meine Arbeitsbedingungen haben sich so verschlechtert, dass ich dann gesagt habe: Jetzt gehe ich!", so Glatzeder im Interview mit stern.de.

"Wir brauchen in dieser Demokratie Störenfriede."

Er blickt lakonisch und ohne Zorn auf seine Zeit in der DDR zurück. Obwohl die Staatssicherheit versuchte, ihn unter Druck zu setzen, gelang es nicht, ihn als geheimen Informanten anzuwerben. Sogar den Decknamen "Liebling" hatte die Stasi schon für ihn ausgesucht, wie er nach der Wende aus seiner Akte erfuhr. Ostalgie ist für ihn Träumen, die ehemaligen DDR-Bürger, sagt er, die "sehnen sich nach behüteter Kindheit, nach wunderschöner Jugend, aber sicher sehnen sie sich nicht nach diesem greisen Kabinett, was diese DDR in den Ruin gemacht hat." Die Linkspartei heute hält er für harmlos, sogar für notwendig: "Wir brauchen in dieser Demokratie Störenfriede." Aber den alten Ossi-Wessi-Konflikt, den hält Winfried Glatzeder für ganz und gar nicht ausgeräumt, "weil die Westdeutschen überhaupt nichts wissen von den Östlern. Die sitzen in München in Grünwald in ihren Villen und wissen überhaupt nicht, dass der Osten dazu gekommen ist. Die sitzen da und wundern sich nur, dass sie diese Solidaritätsabgabe machen."