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Castor-Transport nach Lubmin: Die letzten Nachwehen von Wackersdorf

Der große Sieg der Antiatombewegung in Wackersdorf liegt lange zurück. Mit dem Castortransport nach Lubmin werden die letzten strahlenden Überreste aus der Zeit der Wiederaufarbeitungsanlage eingelagert. Der Protest bleibt.

Ein Hauch von Nostalgie umweht den aktuellen Castortransport. Seine gefährlich strahlende Fracht stammt aus der einzigen deutschen Wiederaufarbeitungsanlage in Karlsruhe, die seit 20 Jahren stillgelegt ist und jetzt, nach dem Abtransport des Mülls, endlich abgerissen werden kann. Sie war das Pilotprojekt für die geplante kommerzielle Anlage in Wackersdorf, deren Bau nach massiven Protesten 1989 eingestellt wurde.

Ende der 1980er Jahre versammelten sich teilweise bis zu 100 000 Atomkraftgegner am Absperrzaun im bayerischen Wackersdorf. Sie lieferten sich blutige Schlachten mit der Polizei. Am Ende gaben die Betreiber klein bei. Investitionen in Milliardenhöhe waren in den Sand gesetzt worden.

Die abgebrannten Brennstäbe deutscher Atomkraftwerke wurden in den Folgejahren im französischen La Hague und im englischen Sellafield aufgearbeitet. Beide Werke stehen wegen möglicher Strahlenbelastung für die Umwelt immer wieder in den Schlagzeilen. In Deutschland wird seit dem Atomkonsens unter Rot-Grün auf die Wiederaufarbeitung verzichtet.

Der Protest gegen Atomkraft ist ungebrochen. Als die Karlsruher Castoren in der Nacht zum Mittwoch durch einige Vororte rollten, brauchten die Anwohner keinen Fernseher. Ein Blick durch das Fenster oder die Terrassentür genügte und sie bekamen das seit Jahren immer wieder aufgeführte Schauspiel zwischen Polizei und Atomkraftgegner zu sehen. Mehrere hundert Aktivisten besetzten die Gleise, mehrere hundert Polizisten trugen sie weg.

Ein großes Flutlicht beleuchtete die Szenerie. Über allem kreiste ein Polizeihubschrauber. Die Anti-Atombewegung hatte zur "Nacht-Tanz-Blockade" am Rand der Strecke geladen. Die Atomgegner durchbrachen dann die verbotene Zone, die die Stadt 50 Meter links und rechts der Strecke ausgeschrieben hatte und blockierten die Strecke. Die Polizei ließ sie erst gewähren, räumte die Strecke dann aber rechtzeitig vor dem Eintreffen der Castoren.

In der Wiederaufarbeitungsanlage sind die Mitarbeiter einfach nur froh darüber, dass die giftige Fracht vom Hof ist. "Das waren 99,5 Prozent unserer Strahlenbelastung", sagte Sprecher Peter Schira. Bis zum Jahr 2023 sollen die Gebäude abgerissen werden. "Dann wachsen hier nur noch Gras und Bäume." Der Technik der Wiederaufarbeitung trauern hier nur noch wenige Forscher nach. "Die meisten der Pioniere, die sich auch Hoffnung auf eine Anstellung in Wackersdorf gemacht haben, sind schon im Ruhestand."

Andreas Raschke vom Verbund der südwestdeutschen Anti-Atom-Initiativen hat keine Zeit für Nostalgie. Der Sieg in Wackersdorf sei zweischneidig. "Die Ergebnisse aus Karlsruhe kamen ja den Werken in Sellafield und La Hague zugute. Und es wird weiter geforscht und damit der weltweite Atommarkt bedient." Er will den Widerstand deshalb auch gegen diese wissenschaftliche Arbeit ausdehnen.

Ingo Senft-Werner und Catherine Simon, DPA / DPA