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Sagen Sie mal, Herr Söder...: Sind Sie jetzt ein Öko-Freak?

Bayerns Umweltminister Markus Söder, CSU, hat seine Liebe zur Natur entdeckt. Mit stern.de spricht er über Sympathien zu Grünen-Politikern, den Ausstieg aus der Atomkraft und was er privat für die Umwelt tut.

Sie kämpfen - gegen eine Mehrheit in der CSU - für einen ökologisch verträglichen Ausbau der Donau, Sie wollen Bayern zur "gentechnikanbaufreien Zone" machen, Sie sagen: "Ich glaube nicht, dass die Kernkraft ewig währt." Ist Markus Söder jetzt ein Öko-Freak?
Mit 20 war ich wirklich keiner, der Birkenstock-Sandalen getragen oder Müsli gefrühstückt hat. Aber ich war immer ein Wertkonservativer. Durch den Klimawandel stehen wir vor neuen Herausforderungen. Es geht um die Bewahrung der Schöpfung. Und das ist ein klassischer konservativer Wert.

Gibt es bei Ihnen auch so etwas wie eine persönliche Öko-Wende? Trennen Sie zu Hause zum Beispiel den Müll?
Ja, klar. Meine Frau hat da einen starken Einfluss: Papiertonne, gelber Sack für die Wertstoffe, Gartenabfälle werden kompostiert. Wir stellen in allen Zimmern auf Energiesparlampen um, Fernseher und Musikanlage laufen nicht auf Stand-by. Demnächst wollen wir unser Haus mit einer Photovoltaik-Anlage nachrüsten. Und ich lege so viele Strecken wie möglich mit dem Fahrrad zurück, auch jetzt im Wahlkampf. Spargel, Petersilie und Tomaten kaufen wir gerne vom Bauern im Nürnberger Knoblauchsland.

Die CSU und auch sie selbst haben jahrelang kräftig gegen die Grünen geholzt - ein Fehler?
Die Grünen haben uns ja auch nicht gerade geschont. Man muss unterscheiden: Es gibt bei den Grünen vernünftige Politiker. Es gibt aber auch nach wie vor Menschen wie Trittin oder Ströbele, die mit den Kommunisten in einem Linksbündnis regieren wollen. Die Grünen müssen letztlich selber für sich klären, wohin jetzt die Reise gehen soll: nach links oder hin zu einer bürgerlichen Politik.

Welche Grünen-Politiker sind Ihnen denn sympathisch?
Cem Özdemir ist interessant. Es gibt aber noch ein paar andere, die vernünftig sind. Die will ich aber nicht outen. Sonst bekommen die vielleicht noch Probleme im eigenen Lager.

Würden Sie gerne mit den Grünen regieren?
Am liebsten wäre mir Schwarz-Gelb in Berlin und in Bayern eine absolute Mehrheit der CSU - mit den ökologisch gesinnten Wählern auf unserer Seite. Die Umweltfrage ist für die Union von zentraler strategischer Bedeutung. Das Bürgertum denkt ökologisch. Daher muss eine bürgerliche Partei ökologische Politik glaubwürdig vertreten. Das sind für die modernen, urbanen Milieus, vor allem für junge Frauen und Familien, entscheidende Fragen. Aber auch für die Zukunft der Landwirtschaft geht es um ökologische Fragen wie zum Beispiel die Stärkung regionaler Produkte ohne Grüne Gentechnik.

In Bayern tobte vor 20 Jahren der Kampf um die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf. Sie waren als junger CSUler für dieses Großprojekt. Würden Sie sich wieder so entscheiden?
Da war ich gerade Abiturient. Wackersdorf war keine ökologische, sondern eine ideologische Debatte. Für mich ist klar: Die Kernenergie ist eine Brückentechnologie, wir brauchen sie noch längere Zeit. Die Diskussion geht um die Frage, wie lange noch. Es kann keine Ewigkeitsgarantie für die Kernenergie geben. Wir wollen den Umstieg in die regenerativen Energien. Wenn verlängert wird, dann unter Bedingungen. Ein Teil der Gewinne der Kernenergie muss in die Forschung und Entwicklung natürlicher Energien fließen - wie zum Beispiel die Speichertechnologien oder neue Solarzellen. Die Union muss noch stärker klarmachen: Wir sind nicht der Anwalt der Stromkonzerne, sondern Anwalt der Verbraucher.

Tilman Gerwien ist Autor im Berliner stern-Büro. In seiner Reihe "Sagen Sie mal ..." spricht er mit Politikern über ein persönliches Thema - abseits der Politik

Tilman Gerwien