Christos Tavoularis Hilflos am Flughafen Hannover


Die Geschichte klingt unglaublich: Ein Grieche irrt sieben Tage lang durch den Flughafen Hannover. Obwohl die Polizei informiert wird, interessiert sie sich nicht für den Mann. Jetzt, vierzehn Tage später, wird bekannt, dass es beim Bundeskriminalamt eine internationale Vermisstenanzeige gab.
Von Manuela Pfohl

Anfangs fiel der Mann nicht auf. Unter all den Menschen, die sich täglich am Terminal C des Flughafens Hannover aufhalten, ist er nur einer von vielen. Schulterlange Haare, schwarzer Mantel, schwarzer Anzug, Lackschuhe. Irgendein Geschäftsreisender, denkt Carsten Grewe, als er ihn vergangene Woche Montag das erste Mal fast unbewusst registriert. Grewe ist Mitarbeiter in einem Reisebüro. Von seinem Platz aus kann er den Wartebereich mit den Sitzgruppen gut überblicken. Dass der seltsame Fremde ganze sieben Tage lang in der Flughafenhalle ausharren wird, ahnt Grewe damals nicht. Er ahnt auch nicht, dass der Unbekannte vom Bundeskriminalamt (BKA) gesucht wird. Sein Name: Christos Tavoularis. Alter: 38 Jahre. Wohnhaft in Athen. Sein Bruder hat ihn als vermisst gemeldet.

Grewe meint: "Nachdem der Mann am Dienstag wieder da war, habe ich zunächst gedacht, dass er vielleicht wegen einer Verspätung oder des Ausfalls einer Maschine noch in der Halle sitzt." Ein Irrtum. Der Unbekannte bleibt die ganze Woche. Manchmal schnorrt er sich von jemandem eine Zigarette, geht kurz raus, dann sitzt er wieder da. Regungslos und wortlos. Als die Angestellten auf dem Flughafen Freitagfrüh zum Dienst kommen, fällt ihr Blick fast schon reflexartig auf die Sitzgruppe. Und tatsächlich: Der Fremde ist wieder da. "Der Mann sah inzwischen ziemlich schlecht aus, so als ob er gleich umfällt. Da habe ich mir wirklich Sorgen gemacht", erzählt eine Mitarbeiterin. Die Kollegen im Reisebüro sehen das genauso. Sie legen zusammen und Peggy Schmidt, eine der Angestellten, besorgt Brötchen, Wasser und etwas Süßes für den Dauergast von Terminal C. Sie fragt ihn, ob sie ihm helfen kann, doch er lehnt in gebrochenem Englisch ab. Eine Verständigung ist kaum möglich. Irgendetwas stimmt hier nicht, da sind sich in der Halle alle einig. Sie beschließen, die Polizei einzuschalten.

Die Polizei lässt sich nicht blicken

Freitagmittag ruft eine Mitarbeiterin des Reisebüros bei der Außenstelle der Landespolizei am Flughafen Hannover an. Sie schildert den Fall, sagt, dass da jemand ist, der sich seit fünf Tagen in Terminal C aufhält, und dem es nicht gut geht. Es möge sich bitte jemand kümmern. "Der Beamte am Telefon fragte, ob wir wollen, dass der Mann ein Hausverbot bekommt. Ich habe ihm geantwortet, dass es uns nicht darum geht. Der Fremde war ja völlig friedlich. Wir wollten nur, dass ihm jemand hilft. Doch die Polizei ließ sich nicht blicken." Hauptkommissar Geerfried Fobel vom zuständigen Polizeikommissariat der Landespolizei sagt: "Jeder Mensch ist erst einmal für sich selbst zuständig. Und so lange jemand am Flughafen keinen Ärger macht oder von sich aus um Hilfe bittet, haben wir keine Handhabe, einzugreifen."

Die Flughafen-Beschäftigten sehen das weniger bürokratisch. "Es kann doch nicht sein, dass da jemand ganz offensichtlich Hilfe braucht und die Polizei kümmert sich nicht", meint Carsten Grewe enttäuscht. Zwei Tage später, am Sonntag, ruft Peggy Schmidt schließlich bei der Bundespolizei an, die für die Sicherheit am Flughafen zuständig ist. Sie wird wieder an die Beamten der Landespolizei verwiesen, geht dieses mal direkt mit dem Mann dorthin und fordert, jetzt endlich müsse etwas geschehen.

Wer ist der Mann von Terminal C?

Nun erst beginnt die offizielle Suche nach der Identität des ominösen Unbekannten und nach den Gründen seines merkwürdigen Verhaltens. Werner Rump von der Bundespolizei Hannover versichert: "Wir haben erst am Sonntag davon erfahren, dass seit Montag, den 27. Oktober ein griechischer Staatsangehöriger orientierungslos durch den Flughafen irrte. Hätten wir früher davon gewusst, wären wir der Sache nachgegangen." In der Befragung am Sonntagabend erzählt Christos Tavoularis, dass ihm sämtliche Papiere am Bahnhof in Hamburg gestohlen worden seien. Doch das stimmt nicht, sagt Rump. "Er muss sie am Flughafen verloren haben. Denn dort waren sie schon Tage zuvor gefunden worden." Mehrmals habe man den Mann ausrufen lassen. Doch der reagierte nicht. Am 2. November setzen die Beamten den Griechen in den Flieger nach Athen, wo er von seinem Bruder erwartet wird.

Rump: "Im Nachhinein wundern wir uns natürlich, was das für eine seltsame Geschichte ist." Die Frage, mit welchen Geschäften der Mann hier zu tun hatte, warum er nicht um Hilfe bat, wo er genau herkam, warum er kein Geld dabei hatte, wie der Grieche zum Flughafen gekommen war und was in den vier Tagen geschehen ist, in denen er offenbar irgendwo zwischen Hamburg und Hannover war, blieb bislang unbeantwortet. Die Pressestelle des BKA erklärt dazu nur knapp: "Wir bestätigen, dass es eine internationale Vermisstenanzeige gab." Wegen eines laufenden polizeilichen Vorgangs könne man aber keine weiteren Angaben machen.


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