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Deutschland/Polen: Butterfahrt mit Gewehrsalven

Gemütlich über die Ostsee schippern, vielleicht eine Flasche Wodka kaufen und das gute Wetter genießen. So stellten sich sich ein paar Touristen die Butterfahrt ins polnische Swinemünde vor. Doch es kam anders.

Von Dirk Böttcher

Auf einer gemütlichen Butterfahrt wähnten sich Gäste an Bord der "Adler-Dania". Tagtäglich tuckert der Dampfer von Heringsdorf ins polnische Swinemünde und zurück. Doch statt Ostsee-Romantik mit billig Schnaps und Zigaretten, sahen sich die Fahrgäste am Dienstagnachmittag den Warnschüssen der polnischen Küstenwache ausgesetzt.

Actionfilm statt Butterfahrt

Die Crew-Mitglieder sprechen von Gewehr- und Maschinenpistolenfeuer, direkt über das Schiff platziert. Abgefeuert von einem polnischen Schnellboot aus, dass zudem mit James Bond gleichen Manövern den Ausflugsdampfers vor dem Bug kreuzt, um es zum Anhalten zu bewegen. Der Sprecher der Stettiner Zollbehörde, Janusz Wilczynski bestätigt: "Durch die Schüsse sollte das Schiff daran gehindert werden, nach Deutschland zurückzukehren." An Bord waren nämlich auch drei polnische Zollbeamte in Zivil, die kurz vor dem Anlegen im polnischen Hafen sämtliche Alkoholika für konfisziert erklärten. Die Dampfer-Besatzung wollte dies anscheinend so nicht hinnehmen, machte kehrt und verflüchtigte sich mit Schnaps und polnischen Zollbeamten kurzerhand zurück nach Deutschland. Allen Manövern zum Trotz.

Und fertig ist der neue deutsch-polnische Eklat. Weil ein deutscher Butterfahrt-Dampfer seinen Fusel nicht rausrücken wollte, ballern polnische Marinesoldaten mit ihren Gewehren. Warschau spricht von "Kidnapping", beim Stettiner Wojewoden ist ein Krisenstab in Bereitschaft und das Auswärtige Amt "bemüht sich um Klärung". Was nach einer Filmszene aus Zeiten des Kalten Krieges erinnert, bringt neuerliche Unruhe in das ohnehin gereizte Verhältnis der Nachbarstaaten.

Blinde Passagiere waren polnische Zollbeamte

Die polnischen Zollbeamten sind bereits wieder in ihre Heimat überstellt. Nach Informationen der "Ostsee-Zeitung" bestätigte der Sprecher des zuständigen Grenzpräsidiums Nord in Bad Bramstedt, Andreas Bebensee, dass es sich bei den drei Männern wirklich um polnische Zollbeamte handelte. Die hätten laut Dampfer-Kapitän Heinz Arendt 200 Meter vor der Swinemünder Hafen ihre polnischen Ausweise vorgezeigt und von den Mitarbeitern im Bordshop "das Zusammenstellen sämtlicher Schnapsbestände" verlangt. Nach Rücksprache mit dem Usedomer Betriebsleiter der Reederei, Alwin Müller, ignorierte der Kapitän aber das Anliegen der Beamten und ließ kurz vor der Anlegestelle beidrehen.

Ebenfalls in der "Ostsee-Zeitung" berichtet Müller, dass dies nicht der erste Vorfall dieser Art gewesen sei. Erst letzten Montag hätten polnische Zöllner im Swinemünder Hafen 380.000 Zigaretten mit polnischer Banderole auf private Pkw und Anhänger verladen. "Bis heute gab es auf Anfragen unseres polnischen Rechtsanwalts keine Erklärung dazu. Die Waren sind verschwunden", so Müller in der OZ. Seinen Schnaps hat er diesmal zumindest behalten. Bis auf weiteres ist er nicht zu erreichen. Er gibt Interviews ohne Pause, mit Warteliste.

Das beklagte Verbringen von Zigaretten des Ausflugsdampfers auf polnische Privat-PKW sieht der Pressebeauftragte des Hauptzollamtes in Mecklenburg-Vorpommern, Rainer Hingst, nicht als verdächtig: "Auch wir sind in solchen Situation mit zivilen Autos unterwegs." Bedenklich findet er allerdings, dass die polnischen Zollbeamten eine zivile Observationsfahrt in einem deutschen Hafen und auch auf deutschen Gewässern durchführten, ohne die Kollegen jenseits der Grenze zu informieren. "Wir wussten von dieser Aktion nichts, das ist international völlig unüblich", so Hingst. Er geht sogar weiter: "Würden wir während der Fahrt eines ausländischen Schiffes ein solches Vorgehen unternehmen, gäbe es einen Aufschrei des Entsetzens."

Zwei ordentliche Shops für den Schnaps

Was die polnischen Kollegen zu beanstanden hatten, weiß Hingst nicht. Zollkontrollen gäbe es innerhalb der EU jedenfalls nicht, sämtliche Untersuchungen beschränken sich auf die Einhaltung nationaler Verbrauchssteuergesetze, in diesem Fall der Branntweinsteuer. Wie diese Regelungen beim Nachbarn aussehen, kann der Zoll in Deutschland momentan nicht überblicken. "Nach unserer Überwachungsergebnissen verhält sich das betroffene Unternehmen aber absolut gesetzeskonform", sagt Hingst. Überhaupt sähe man das Butterfahrt-Segment nun wirklich nicht als den "Schwerpunkt der organisierten Schmuggelkriminalität."

Das bürokratische Regelwerk sorgt dafür, dass auf Schiffen wie der "Adler-Dania" stets zwei Shops unterhalten werden. Einmal Schnaps und Zigaretten nach polnischem Steuerrecht, einmal nach deutschem. Zudem muss für die Waren aus Polen eine Genehmigung zum Transport nach Deutschland vorliegen und umgekehrt. Hingst vermutet, dass diese Genehmigung seitens der polnischen Behörden möglicherweise nicht vorlag. Sämtliche deutschen Papiere hätten jedenfalls existiert. Die polnische Presseagentur "pap" vermeldete heute zum Vorfall, der Ausflugs-Dampfer habe Waren entgegen des polnischen Steuerrechts verkauft. Die Beamten hätten daraufhin auf eine Borduntersuchung und die Übergabe der Kontrolle des Schiffes in polnische Hand gedrängt. Die Besatzung kam dem durch die waghalsige Heimfahrt zuvor.

Die "Adler-Dania" ist in Polens Häfen bis auf weiteres unerwünscht. Seine Abenteuer-Butterfahrten hat das Usedomer Unternehmen vorerst eingestellt. Der Action-Anteil im deutsch-polnischen Grenzgebiet war wohl einfach zu hoch.

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