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Electronic Entertainment Expo: Preiset das Unfertige!

Impressionen von der E3 Expo, der größten Computerspielemesse, wo neben neuer Hardware von Nintendo und Sony vor allem Dinge angepriesen werden, die noch längst nicht fertig sind.

Lautsprecher rattern, Pixelblut spritzt von Monitoren herab, Bilder überschlagen sich, schreien auf und explodieren. Es flimmert, es tackert. Überall, ohne Pause. Gewehrsalven für jeden Besucher, Beats im Kopf und auf die Köpfe - das ist die E3, die "Electronic Entertainment Expo", die weltweit größte Spielemesse in Los Angeles. Alles hier ist neu. Was hier spritzt und rattert, wird frühestens zu Weihnachten in den Regalen stehen oder noch später. Was hier explodiert, ist noch beta, daran muss noch gefeilt werden. Oder es ist gar alpha, also eigentlich nur eine Skizze dessen, was irgendwann einmal auf den Markt kommt. Bis dahin kann sich vieles ändern, und so manches hier präsentierte "Mensch Ärgere Dich Nicht" ist Monate später als "Monopoly" erschienen - und so manche Beta wird mehrere Jahre hintereinander als so gut wie fertig angepriesen. Denn um nichts anderes geht es auf der E3: um das laute Anpreisen von Unfertigem. Und darum, dem Konkurrenten mal sauber eins überzuziehen und die eigene Firma einmal im Jahr mit aller Kraft so richtig zu feiern. Die Restaurants am Sunset Boulevard könnten darüber eine Menge erzählen – oder die Gäste der Party vor dem Fenster des Hotelzimmers, in dem gerade dieser Text entsteht.

Die Bergpredigt der Branche

Für die Spielebranche konzentriert sich alles auf die E3, die Messe ist die jährliche Bergpredigt der Branche. Deshalb beginnt jede E3 mit sehr vielen Worten. Großen Worten. Unglaublich großen. Lastwagen voller Adjektive und Superlative werden quer durch die Staus von LA gekarrt, um pünktlich zur Pressekonferenz vor Ort zu sein. Diese findet einen bis zwei Tage vor der eigentlichen Messe statt, damit die Redakteure noch hungrig sind nach Breaking News. Und die Regel lautet: Wer am wenigsten zu erzählen hat, muss anfangen. Dieses Jahr ist es Microsoft. Am selben Ort, an dem einst die Oscars vergeben wurden, flimmern dann auf der Xbox-Pressekonferez eine Menge schnell geschnittener Spielewerbespots über riesige Leinwände. Zwischen den Filmen stehen winzige Menschen auf der Bühne und schleudern Botschaften in Richtung Publikum – zum Beispiel, dass Microsoft auf dieser E3 "das größte Angebot an Spielen aller Zeiten" zeige. Das ist nur konsequent: Denn während die ganze Spielerwelt auf neue Informationen zu Sonys neuem Handheld PSP (die Portable Playstation) oder auf Nintendos Gameboy DS wartet, muss Microsoft, die ohne neue Hardware dastehen, natürlich unermüdlich betonen: "Es geht nur um die Software". Der Rest soll egal sein. Schließlich geht es in Sachen Software um nichts weniger als um eine "Revolution", um "die beste Erfahrung, die Sie je hatten" und darum, dass die Xbox zeigt, "was Führung ist". Ein frisch gebackener Xboxler hat sich das Erscheinungsdatum eines Spiels sogar auf den Oberarm tätowieren lassen, ein Moment der Wahrheit, an dem durchscheint, das nicht alles so gemeint ist, was auf der Bühne passiert. Daneben treten auf: Muhammad Ali, prominente andere Sportler - und in einem Video der Vorzeigekapitalist Donald Trump, der kurzerhand die komplette Playstation-Führungsriege wegen Unfähigkeit entlässt.

Dann erfährt man noch: "Die Konkurrenten werden im Rückspiegel immer kleiner."

Zurückhaltend ist das nicht.

Wenig "juchhe!" für die PSP

Zurückhaltend ist eher die (ganz in blau gehaltene) Playstation-Pressekonferenz am nächsten Tag, die vielmehr einer Powerpoint-Präsentation gleicht als einer Show. Nicht einmal, als das neue PSP ins gierige Blitzlicht gehalten wird, bricht Jubel aus. Nur ein paar Journalisten bewegen sich dazu zu klatschen. Dabei ist das Gerät alles andere als uninteressant. Derjenige, der das neue Handheld in die Kameras hält, sieht dafür, dass er gestern noch von Mr. Trump entlassen worden sein soll, sehr entspannt aus - und das ist kein Wunder, schließlich weiß er, dass die Playstation, die nun in Amerika nur noch rund 150 Dollar kosten wird, im Markt vor der Xbox liegt. Genau so übrigens, wie die Xbox - laut Microsoft - irgendwie die Playstation hinter sich lässt und (so viel sei vorweggenommen) der Gamecube die Xbox vernascht. Jeder ist auf der E3 Marktführer, deswegen muss hier und heute klar werden, dass die PS2 "neue Dimensionen" erschließt sowie "eine völlig neue Erfahrung bedeutet" und dass Sony sich "zu Innovationen entschlossen hat" und "die Rolle als Markführer sehr ernst nimmt". Denn nichts weniger, fügt er hinzu, als "die Gesundheit des Geschäfts lastet auf unseren Schultern" (das klingt auf Englisch natürlich besser: "the health of the business rests on our shoulders" - wobei nicht klar ist, ob sie dort lastet oder sich nur ausruht.)

In Kürze: PSP (PlayStation Portable)
Klein und breit: Der jüngste Spross der PlayStation-Familie heischt auch um die Aufmerksamkeit der Handheld-Spieler. Mit Maßen von 17 x 7 x 2,3 Zentimetern ist die PSP ungefähr so groß wie ein durchschnittlicher PDA. Das integrierte TFT-Display im Format 16:9 bietet eine Auflösung von 480 x 272 Pixeln. Das Herz des Konsölchens schlägt mit 333 Mhz.
Mehrspielerspaß soll auf verschiedene Arten realisiert werden: Per USB-Kabel- oder drahtlose Infrarotverbindung können einzelne PSP-Nutzer ihre Geräte miteinander vernetzen. Integrierte WLAN-Hardware soll Netzwerkspiele über das Internet ermöglichen.
Zusatzfeatures: integrierter MP3- und Videospieler. Als Datenträger fungiert ein Sony-eigenes CDs mit Namen UMD und einer Speicherkapazität von 1,8 Gigabyte.

"Oh mein Gott"... ist Nintendo

Zwei Stunden später gibt sich dann Nintendo die Ehre - in dem Gebäude, in dem heute die Oscars vergeben werden. Und hier ist alles anders. Denn wenn die E3 für die Branche die Bergpredigt ist, dann scheint für viele Nintendo selbst eine Religion zu sein. Noch das unspektakulärste Detail wird hier von großen Teilen des Auditoriums so lautstark bejubelt, dass es Angst macht. Selbst als ein unscheinbares Detail des neuen Handhelds "Nintendo DS" angekündigt wird, schwankt die Hysterie im "Kodak Theatre" zwischen Ankunft eines frisch gebackenen Fußballweltmeisters und Honecker-Rede. Ein Fan stammelt immer nur "Oh mein Gott, oh mein Gott." Zwischen dem Applaus gibt sich sogar Nintendo gänzlich unjapanisch und teilt aus wie in einem Videospiel - sowohl gegen den "anderen Hersteller aus Japan, der nur ihr Geld haben will" (Sony) wie auch gegen Microsoft, "dem es egal ist, das sie tun, solange Sie es mit seinem Betriebssystem machen". Harte Worte, die nur von der Vorstellung des "Nintendo DS" unterbrochen werden, einer weiteren Variation des Gameboy, der, klar, "die ganze Industrie verändern wird". Dazwischen soll den anwesenden Journalisten natürlich noch klar werden, dass niemand anderes als Nintendo die Branche anführt ("Wir haben bei Handhelds fast 100 Prozent Marktanteil, und Sie fragen, ob er wegen Sonys PSP sinken wird? Nun, steigen wird er sicherlich nicht"), dann tritt noch kurz der Erfinder von "Super Mario" auf, was den Anwesenden noch einmal die Gelegenheit gibt, ihr letztes Adrenalin in Richtung Bühne auszuschütten. Und Schluss. Die Bergpredigten sind gehalten.

In Kürze: Nintendo DS
DS steht für "Dual Screen" - und die beiden Bildschirme auch die beiden auffälligsten Merkmale des neuen Gameboys. Jeder der beiden Winz-Monitore hat die Größe (drei Zoll) des Displays des aktuellen Gameboy Advance. Der untere Bildschirm ist berührungsempfindlich, kann mit einem Stift bedient werden und ermöglicht neue Formen der Spielesteuerung.
Der Doppelbildschirm soll verschiedene Perspektiven in einem Spiel ermöglichen. Aufgrund der begrenzten Rechenleistung der Handtaschenkonsole werden immer nur auf einem Display zur Zeit 3D-Darstellungen sichtbar sein, auf dem anderen gibt's nur 2D. Ein Beispiel: Bei einem Autorennen könnte unten das Cockpit gezeigt werden, während im oberen Monitörchen ein Streckenplan zu sehen ist.
Der Nintendo DS wird abwärtskompatibel sein und die Cartridges der vorherigen Gameboymodell schlucken und lesen können.

Babes und Besucher: Business as usual

Am nächsten Tag beginnt die Messe. Die E3. Alles rattert, blitzt und überschlägt sich. Muhammad Ali läuft vorbei, Steven Spielberg hastet vorüber. Dazwischen lassen sich eine Menge leicht bekleideter Frauen mit leicht verunsicherten Besuchern fotografieren, die US Army ist da und wirbt für ihr neues Spiel. Business as usual. Alles ist gesagt, die Zeitungen sind vollgeschrieben. Und was sagt der Taxifahrer auf dem Weg zum Hotel? "E3? Das ist immer ein sehr gutes Geschäft." Daran muss er noch feilen. Es ist doch bestimmt ein revolutionäres Business, oder? Nicht? Oder zumindest das beste Geschäft aller Zeiten! Der Motor rattert nicht. Wir stehen im Stau. Dann geht es weiter. Na ja, immerhin wird jetzt alles im Rückspiegel immer kleiner.

Sven Stillich