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Bürgerkrieg in Libyen: Die Hoffnungslosen von Misurata

Unaufhaltsam bahnt sich in Libyen eine humanitäre Katastrophe an. In der eingeschlossenen Stadt Misurata haben die Menschen schon fast alle Hoffnungen aufgegeben.

Von Manuela Pfohl

Ein Hirnschlag. Mitten im Krieg. Draußen knallen Gewehrsalven, die Einschläge der Scudraketen dröhnen dumpf bis ins Haus. Irgendwer muss helfen, denn der Onkel kämpft um sein Leben. Die Familie besorgt eiligst ein Auto. Die Fahrt geht quer durch Misurata, vorbei an zerbombten Häusern und Kämpfern, die versuchen, ihre Stadt zu verteidigen. Hin zum Krankenhaus. Doch dann der Schock: Es täte ihm leid, sagt der Arzt, doch es gibt keine Medikamente mehr, um dem Patienten zu helfen. Es ist Krieg in Libyen. Und Misurata wird seit fast anderthalb Monaten von Gaddafis Truppen belagert. "Es ist zum Verzweifeln", sagt Mohamed Ben Hmeda. Wie es seinem Onkel aktuell geht, kann der in Deutschland lebende Exil-Libyer nicht sagen, denn es ist extrem schwierig, Kontakte zu Verwandten in der umkämpften Stadt zu bekommen. "Man kann nur hoffen."

Allerdings schwinden die Hoffnungen täglich mehr. Stattdessen scheint sich in Misurata eine echte humanitäre Katastrophe anzubahnen. Mit dramatischen Hilferufen fordern die Aufständischen eine Befreiung der Menschen aus der heftig umkämpften Stadt. Seit die Einwohner von den Truppen Muammar al Gaddafis eingeschlossen sind, fehle es an medizinischer Versorgung, Wasser und Strom, bestätigt auch der Militärchef der Rebellen und frühere Innenminister Abdulfattah Junis. Zu ihrer Verteidigung haben sie nur leichte Waffen und sind damit den Regierungstruppen hoffnungslos unterlegen.

"Gaddafis Scharfschützen schießen auf alles"

"Wie wollen sie sich da erfolgreich wehren, das geht doch gar nicht", meint Ben Hmeda. Die Berichte des provisorischen "Lagezentrums" der Gaddafi-Gegner in Misurata sind entsprechend dramatisch. "Wir hören, dass die Zahl der zivilen Opfer täglich steigt. Immer häufiger seien auch Frauen und Kinder unter den Verletzten und Toten. Auf den Straßen sollen Leichen liegen und in den Kliniken gibt es kaum noch Medikamente und Material, um die Verletzten zu versorgen. "Wir haben gehört, dass selbst in der Entbindungsklinik schon auf den Fluren die Verletzten liegen." Besonders wütend macht Ben Hmeda die Information, dass sich "im Zentralkrankenhaus Gaddafis Scharfschützen verschanzt haben und auf alles schießen, was sich nur nähert." Die Folge: "Ärzte und medizinische Helfer können oft nicht arbeiten und müssen um ihr eigenes Leben fürchten." Es müsse endlich internationale Hilfe in die Küstenstadt kommen.

Doch was passiert stattdessen? Ein von den Rebellen auf den Weg nach Misurata gebrachtes Boot wurde von der türkischen Marine, die das Waffenembargo vor der Küste überwacht, abgefangen und zurückgeschickt. "Misurata droht die Vernichtung", warnt Junis. Iman Bugaighis, eine Sprecherin des Übergangsrates des Aufständischen, sagt: "Was in Misurata passiert, ist eine Katastrophe."

Wenigstens ein bisschen Hilfe brachte nun ein Frachtschiff des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP). Es landete gestern, am Donnerstag, mit Nahrung, Medikamenten und anderen Hilfsgütern im Hafen von Misurata. Die "Marianne Danica" legte am Nachmittag in der umkämpften Stadt an. An Bord sind unter anderem medizinische Hilfsgüter von UNICEF und der Weltgesundheitsorganisation wie Medikamente und technisches Gerät, mit denen 50.000 Menschen einen Monat lang versorgt werden können.

Eine Kampfpause soll den Menschen außerdem die Gelegenheit zur Flucht geben. Bisher ist eine Rettung Verletzter nur auf dem Seeweg möglich. Ein türkisches Schiff hatte vor einigen Tagen den Hafen angelaufen und etwa 230 Schwerverletzte aus der Enklave herausgeholt. Verstümmelte und traumatisierte Opfer des Krieges lagen auf den im Bauch des Schiffes provisorisch errichteten Krankenbetten.

Wer kann, flüchtet

Die Gaddafi-Gegner sprechen von mehr als 400 Toten und mehr als 1000 Verletzten in Misurata. Die Stadt wird immer wieder aus Panzern beschossen. Heckenschützen seien unterwegs. Die Aufständischen fordern, dass die Nato Helfern den Zugang zur Stadt freibombt und den Zugang auf dem Seeweg freigibt. Offiziere aus den Reihen der Aufständischen räumen aber ein, dass Luftangriffe auf die in bewohnten Gebieten untergeschlüpften Gaddafi-Truppen risikoreich sind.

Wo immer sich die Gelegenheit ergibt, flüchtet die Zivilbevölkerung aus den umkämpften Gebieten. Viele Familien sind in den vergangenen Wochen mehrfach zwischen ihren Heimatorten und den von den Aufständischen kontrollierten Städten im Osten hin und her gefahren. Ein Wechselbad aus Furcht und Hoffnung, immer verbunden mit der Angst, das eigene Haus oder die Geschäfte könnten geplündert werden.

Mit DPA
  • Manuela Pfohl