HOME
Interview

G20-Gipfel: Polizeigewerkschafter Gerhard Kirsch: "Der Preis ist hoch, sehr hoch ..."

Der G20-Gipfel ist keine "Mission Impossible", sagt Gerhard Kirsch, Chef der Hamburger Gewerkschaft der Polizei. Er war in der vergangenen Nacht unterwegs, um seine Kollegen zu betreuen. Was er erlebt hat, schildert er im stern-Interview.

Gerhard Kirsch ist Chef der Hamburger Gewerkschaft der Polizei.

Gerhard Kirsch ist Chef der Hamburger Gewerkschaft der Polizei. Er sagt: Der G20-Gipfel ist zu schaffen. Doch der Preis ist hoch.

Herr Kirsch, Sie waren die ganze Nacht im Einsatz. Was haben Sie erlebt?

"Welcome to hell“ wäre eine beeindruckende Demonstration geworden. 12.000 Menschen sind auf die Straße gegangen. Aber dann gab es den Schwarzen Block, etwa 1500 schwarz gekleidete Menschen, die vermummt waren. In Deutschland gilt bei Demonstrationen aber ein Vermummungsverbot. Die Polizei forderte die Leute auf, ihre Vermummung abzulegen. Das wurde abgelehnt. Steine, Flaschen und Böller flogen. Die Situation eskalierte. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Pfefferspray ein.

Die Polizei hat doch Beamte, die in taktischer Kommunikation geschult sind. Waren die vor Ort?

Ja, die waren vor Ort. Aber Sie können mit diesen Leuten nicht reden. Die wollen nicht reden. Die reisen an, um Gewalt auszuüben.

Letzte Nacht wurden über 70 Polizisten verletzt. Während wir hier reden, brennen Autos, Scheiben von Banken und Geschäften werden eingeworfen ...

Mein letzter Stand war, dass 74 Kollegen verletzt wurden, fünf mussten ins Krankenhaus. (Die Polizei spricht inzwischen - Stand: 12.20 Uhr - von 159 verletzten Beamten. Die Redaktion) 

G20 Timo Zill dbate Polizei

Was für Verletzungen haben Ihre Kollegen davon getragen?

Einem Kollegen wurde ein Stein ins Gesicht geworfen. Ein anderer bekam einen Schlag mit einer Stahlstange ab.

Sie sind als Gewerkschafter unterwegs, betreuen Kollegen. Was erzählen die Ihnen?

Die Kollegen sind müde, unglaublich müde. Heute Morgen sind sie nach 18, 19 Stunden in ihre Unterkünfte gefahren. Doch dann ging es wieder los und sie mussten wieder raus.

Wenn Sie den Leuten vom Schwarzen Block etwas zurufen könnten, was würden Sie denen sagen?

Hört auf, natürlich, was sonst? Gewalt ist kein Argument. Gewalt ist nie ein Argument. Ihr schadet denjenigen, die friedlich ihre Meinung kundtun wollen. Ihr konterkariert das Anliegen der G20-Gegner, die friedlich demonstrieren wollen und die man ja sogar verstehen kann.

Sie haben Verständnis für die G20-Gegner?

Selbstverständlich. Wie lange hat es gedauert, um ein Klimaschutzabkommen zu schließen?

20 Jahre. Die ersten Maßnahmen standen im Kyoto-Protokoll 1997 ...

... und dann wird in den USA Trump Präsident und macht alles mit einem Federstrich zunichte. Das Pariser Abkommen war doch einmalig. Fast 200 Staaten hatten unterschrieben ...

Der Mensch Gerhard Kirsch würde also gerne friedlich mit demonstrieren?

Ja, ein zentrales Thema ist für mich auch der Weg der Türkei in die Diktatur.

Fühlen sich Ihre Kollegen eigentlich dieser Gewaltwelle, die jetzt über sie hinweg schwappt, gewachsen?

Naja, die Situation war von Anfang an sehr angespannt. Seit Ende März sind viele Kollegen zum Objektschutz eingeteilt, sie sichern die Elbphilharmonie, das Rathaus. Die Belastung ist schon exorbitant.

Wie viele Überstunden schiebt die Polizei vor sich her?

Das kann ich nur schätzen. Allein die Hamburger Polizei dürfte deutlich über eine Million Überstunden vor sich her schieben.

Und nach dem Gipfel ...

Sind es vielleicht zwei Millionen, das kann ich nur schätzen.

Der G20-Gipfel geht am Samstag zu Ende. Wir haben noch einen vollen Tag vor uns. Ihre Prognose, was passiert? 

Es wird noch weitere Angriffe auf andere Ziele geben. Und nun ist es an den Kollegen wirksame Mittel zu finden, die Gewalttäter dingfest zu machen.

Gerade kommt die Meldung rein, dass Ihre Kollegen weitere Verstärkung aus anderen Bundesländern angefordert haben. Ein Hubschrauber wurde mit einer Leuchtrakete angegriffen? Ist der G20-Gipfel in Hamburg eine Mission impossible?

Nein, das ist keine Mission impossible. So ein Einsatz ist schon zu schaffen. Nur der Preis, den meine Kollegen und Kolleginnen dafür bezahlen müssen, ist hoch, sehr hoch. 

G20 in Hamburg: Der Tag danach: Videos aus einer aufgewühlten Stadt


Themen in diesem Artikel