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Duisburger Blutfehde: Grausames Ende einer Geburtstagsfeier

Sie wurden mit Kopfschüssen geradezu hingerichtet: Sechs Männer wurden in der Nacht wahrscheinlich von der Mafia ermordert - nicht in Kalabrien, sondern am Hauptbahnhof in Duisburg. Die Opfer hatten nach einer Feier gerade ein Restaurant verlassen.

Der Tatort liegt in der Mühlheimer Straße, in unmittelbarer Nähe des Duisburger Bahnhofs. Links ist die Niederlassung "Großkundenmanagenemt" der Telekom, rechts, im "Silberpalais", das italienische Restaurant "Da Bruno". Hier ist in der Nacht zum Mittwoch eines der blutigsten Verbrechen der vergangenen Jahre begangen worden. Jetzt stehen hier zwölf Polizei- und drei Feuerwehrwagen, Schäferhunde suchen nach Waffen und Patronenhülsen.

Sechs Männer sind hier in der Nacht brutal erschossen worden. Hingerichtet. Mit Kopfschüssen. Die Opfer waren Mitarbeiter und Inhaber der Pizzeria und hatten dort den Geburtstag eines 18-jährigen Auszubildenden - eines der späteren Opfer - gefeiert. Sie hatten das Lokal gerade verlassen und saßen in zwei Autos, als die Mörder das Feuer eröffneten und die Wagen mit Pforzheimer und Duisburger Kennzeichen "mit einer Vielzahl von Kugeln" durchsiebten, wie die Polizei mitteilte.

Die Polizei entdeckte die Opfer in zwei Autos, die zwischen zwei Bürogebäuden abgestellt waren. Fünf Leichen wurden in zwei Fahrzeugen gefunden. Ein sechster Mann erlag im Notarztwagen seinen Schussverletzungen. Bei den Toten handelt es nach Polizeiangaben um sechs Italiener im Alter zwischen 16 und 39 Jahren.

Nach dem Mord sucht die Polizei nach zwei unbekannten Männern. Augenzeugen zufolge hatten sich die Männer zum Zeitpunkt des Verbrechens in der Nähe des Tatorts aufgehalten. Schon am Morgen wurde die Mordkommission "Mühlheimer Straße", unter Leitung von Heinz Sprenger, gebildet. "Es muss sich um mehr als einen Täter gehandelt haben", sagte Polizeisprecher Reinhard Papel. "Es ist oft geschossen worden." Am Tatort seien zahlreiche Geschosshülsen gefunden worden. Die Opfer selbst seien offenbar unbewaffnet gewesen.

Mafia-Auseinandersetzung?

Der Leiter der Mordkommission, Heinz Sprenger, wollte einen Mafia- Mord zunächst nicht konkret bestätigen. "Wir ermitteln in alle Richtungen." Auch eine Beziehungstat könne nicht ausgeschlossen werden. "Ich warne vor voreiligen Schlüssen", sagte Sprenger. Zudem bestehe Kontakt zu der italienischen Polizei. Auch auf Gerüchte über Geldwäsche in dem italienischen Restaurant, vor dem die Bluttat stattfand, ging Sprenger nicht näher ein.

Bei der Bluttat könnte es sich um eine Auseinandersetzung zwischen zwei rivalisierenden Clans des kalabrischen Mafia-Syndikats 'Ndrangheta". Das bestätigte am Mittag das italienische Innenministerium. "Es ist eine beispiellose Abrechnung, auch deshalb, weil sie erstmals im Ausland stattfand", zitierte die Nachrichtenagentur ANSA zudem den stellvertretenden Leiter der Polizei von Regio Calabria, Luigi De Sena. Die italienische Tagezeitung "Corriere della Serra" spekuliert in ihrer Online-Ausgabe, dass es sich um eine Hinrichtung im Rahmen der so genannten "Fehde von San Luca" zwischen den Clans der Nirta-Strangios und der Vottari-Pelle handeln könne. Es scheine, dass die sechs Opfer aus der Familie der Vottari-Pelle stammen könnten, die Killer aus der Familie der Strangio-Nirta, schreibt "Il Corriere della Serra".

Die Ndrangheta, gilt mit einem geschätzten "Jahresumsatz" von 35 Milliarden Euro als eine der mächtigsten Mafia-Organisationen Europas. Als Spezialgebiet der 'Ndrangheta gilt der Kokainhandel. Inoffiziellen Angaben italienischer Ermittler zufolge besteht die 'Ndrangheta aus etwa 100 Familienclans mit 7000 Mafiosi. Die traditionell mächtigsten Familien stammten aus San Luca.

Eines der Duisburger Opfer ist nach Berichten aus Italien wohl einer der Drahtzieher für die Fehde gewesen, die bereits im Jahr 1991 in der kalabresischen Stadt San Luca begonnen hatte. Offenbar habe der Mann befürchtet, dass etwas passieren werde, denn er habe versucht, sich Waffen zu besorgen, um sich zu verteidigen.

"Die Präsenz von Kalabrern in Deutschland ist sehr stark, aber bislang haben sie sich immer zurückgehalten und versucht, nicht aufzufallen", sagte Luigi De Sena. Die italienischen Behörden haben erklärt, dass die 'Ndrangheta in Italien dabei sei, mächtiger als die sizilianische Mafia zu werden.

Fußgängerin hörte die Schüsse

Die Tat ereignete sich offenbar kurz nach 2.00 Uhr morgens. "Eine Fußgängerin hat die Schüsse gehört und einen Streifenwagen angehalten, der zufällig in der Gegend war", sagte Polizeisprecher Pape. Die Beamten entdeckten daraufhin gegen 2.30 Uhr die beiden Autos mit den Toten. Bei dem einen Fahrzeug handelte es sich den Angaben zufolge um einen VW Golf mit Pforzheimer Kennzeichen, bei dem anderen um einen kleinen Lieferwagen aus Duisburg. Die Kugeln der Killer haben das Blech des weißen Opel-Lieferwagens durchschlagen wie Papier und dabei kleine Krater in die Außenhaut des Wagens gerissen. Drei Schusslöcher sind es allein an der Fahrertür. Zwei weitere haben die Frontscheibe durchbohrt. Und die Seitenscheiben sind von den Kugeln völlig zerschmettert worden. Auch im Golf sind die Seitenscheiben unter der Vielzahl der Schüsse zerborsten.

Die Duisburgerin Gerlinde Schöngraf, die mit ihrem Mann Gerhard in der naheliegenden Hedwigstraße wohnt, berichtet, dass ihr Mann sie gegen halb drei Uhr nachts auf den Lärm draußen aufmerksam gemacht habe. Kurz vor dem Zubettgehen habe der noch vor dem Fernseher gesessen und ihr zugerufen: "Mensch, warum klatschen da draußen denn so viele Türen", berichtet Schöngraf stern.de.

Anwohner zeigten sich entsetzt über die Ereignisse. "Ich bin hier noch gegen Mitternacht lang gegangen, da war noch alles ruhig", sage eine junge Frau. "So was hat es hier noch nie gegeben." Eine andere Anwohnerin wunderte sich. "Die Schüsse hätte ich eigentlich hören müssen, schließlich war ich um die Zeit noch wach. Aber gehört habe ich nichts." Auch andere Anwohner berichteten, sie seien erst durch den Polizeieinsatz auf die Ereignisse aufmerksam geworden.

Matthias Lauerer/ DPA/AP / AP / DPA