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Erdbeben in Nepal: "Mama, werden wir hier sterben?"

Es ist die größte Katastrophe Nepals seit 1934. Traumatisiert von dem gewaltigen Erdbeben harren Tausende in provisorischen Unterkünften aus. Doch in der Not gibt es auch einen starken Zusammenhalt.

Von Stefanie Glinski, Kathmandu

Weite Teile von Nepal sind durch die starken Erdbeben verwüstet. Nachbeben lassen auch jetzt noch Gebäude einstürzen.

Weite Teile von Nepal sind durch die starken Erdbeben verwüstet. Nachbeben lassen auch jetzt noch Gebäude einstürzen.

Schon mit dem Sonnenuntergang wird es in dem kleinen Notlager ruhig, obwohl sich hier mehr als 200 Leute unter einem Basketballplatz drängen, der angeblich erdbebensicher sein soll. Es ist stockdunkel, denn in diesem Teil der Stadt gibt es weiterhin keinen Strom. In der Stille sind nur die bellenden Hunde zu hören, das leichte Schnarchen müder Überlebender und die Stimme eines kleinen Jungen. "Mama, werden wir hier sterben?"

Auch einige Tage nach Nepals größter Katastrophe seit dem gewaltigen Erdbeben von 1934 lebt Kathmandu weiterhin in Angst. Viele Hilfsaktionen haben bereits begonnen, jedoch halten es die Bewohner der Stadt immer noch nicht für sicher, in ihre Häuser zurückzukehren. So bleiben auch fast alle Geschäfte verriegelt und die Versorgung mit sauberem Wasser, ausreichender Nahrung oder sogar Guthabenkarten für das Handy ist erschwert.

Nepals Regierung informierte die Menschen darüber, dass es in Kathmandu allein 82 offene Plätze gibt, die nicht von Häusern umrandet sind und somit als sicher gelten. Trotzdem sieht man überall in der Stadt aufgeschlagene Zelte, sogar neben Hauptstraßen und auf kleineren Parkplätzen. In der Dunkelheit leuchten kleine Lagerfeuer auf, an denen sich Menschen die Hände wärmen, denn auch jetzt sind die Nächte in Nepal noch kalt.

Lautes Weinen und Schreie sind zu hören

Während die Anzahl der Verletzten weiterhin steigt, müssen die Krankenhäuser, die bereits wenig Personal haben, improvisieren. In den Zimmern schlafen die Patienten nicht, denn die Betten wurden nach dem Erdbeben provisorisch draußen aufgebaut, nah aneinander, sodass man das leise Atmen und Stöhnen der anderen Patienten neben sich hören kann. Doktoren und Krankenpfleger sind überarbeitet und bekommen kaum Schlaf, jedoch gibt es noch zu viel zu tun, um sich einen Tag Pause zu gönnen.

In der Nähe des Tribhuvan Flughafens der Hauptstadt bietet sich ein anderes Schreckensbild: Hunderte von Nepalesen verbrennen hier täglich ihre toten Angehörigen, denn das Krematorium Pashupati ist das Größte in der Gegend. Die Luft ist von schwarzem Rauch gefüllt und es ist schwer zu atmen. Lautes Weinen und Schreie sind von den Familien zu hören, die ihre Kinder, Mütter oder Väter verloren haben und aus verschütteten Häusern tot hervorziehen mussten.

Während die Toten auf Stroh liegen und auf die Verbrennung vorbereitet werden, laufen Familienangehörige nach Tradition einmal um die toten Körper herum, doch viele schaffen dies nicht. Selbst starke Männer verlieren das Bewusstsein, der Schmerz und Verlust ist zu unbegreiflich.

"Jede Nacht träume ich, dass es wieder passiert"

Trotzdem ist die Situation außerhalb der Stadt noch viel schlimmer, denn hier waren die meisten Häuser aus schlechten Ziegelsteinen gebaut, die bei dem Erdbeben der Stärke 7,8 wie Staub zusammenfielen. Kleine Dörfer sehen wie verlassene Kriegsgebiete aus – die verbliebenen Familien schlafen in den Gemüsefeldern unter freiem Himmel. An diesen Orten ist das Schicksal der Kinder besonders tragisch.

"Jede Nacht träume ich, dass es wieder passiert," erzählt Laxmi, ein zehnjähriges Mädchen, dass bis vor wenigen Tagen Schwerstarbeit in einer Ziegelsteinfabrik geleistet hat und mit seiner Familie in einer kleinen, wenig stabilen Hütte lebte. Die Schule besuchte sie nicht. Jetzt ist das Mädchen arbeitslos, denn nachdem die Fabrik eingestürzt ist, kann sie nicht einmal mehr für die 80 monatlichen Rupees (ca. 78 Euro) arbeiten, ein Einkommen, von dem die ganze Familie profitieren konnte. Auch ihre Unterkunft ist zusammengefallen. "Ein paar Steine standen noch, aber das unerwartete Nachbeben am Sonntag führte zur vollkommenen Zerstörung," erklärte Laxmis Vater Rambahadur.

Seit Samstag schläft Laxmi unter einem Wellblechdach auf dem Boden, auch wenn sie bei starkem Regen klatschnass wird. Im Moment geht es noch, aber die Monsunzeit ist nicht weit entfernt und weckt in vielen Menschen neue Sorge.

Internationale Hilfsorganisationen – auch viele deutsche, wie das THW, die Welthungerhilfe und GIZ – sind bereits gelandet mit Flugzeugen, deren Plätze für den Rückflug nun teuer und überbucht sind, denn besorgte Touristen wollen Nepal um jeden Preis verlassen. Wenn die Maschinen über Kathmandu kreisen, bekommt man oft eine Gänsehaut, das erste Geräusch der Turbinen klingt wie ein neues Erdbeben. Die Stimmung bleibt unter den Nepalesen auch weiterhin pessimistisch und haltlose Gerüchte verstärken die angespannte Situation.

An Rückkehr ist noch nicht zu denken

"Wir sind sehr abergläubisch in Nepal", erzählt Bimal Basnet, der sein Haus in Kathmandu an internationale Hilfsarbeiter vermietet. "Auch in den nächsten Tagen werden wir nicht zurückkehren, auch wenn es draußen ungemütlich ist." Bimal ist nach schlaflosen Nächten müde, er sehnt sich danach, nach Hause zu gehen, aber zuerst müssen die Risse und Schäden, die durch das Erdbeben entstanden sind, untersucht werden.

Mittlerweile laufen die ersten Aufräumarbeiten, jeder packt mit an und hilft. Nachbarn sprechen miteinander, erkundigen sich über Familienangehörige und Kinder. Es gibt einen starken Zusammenhalt zwischen allen, auch zwischen den Deutschen, die hier leben, und ihren nepalesischen Nachbarn. "Wir werden hier rauskommen", beruhigt die Mutter ihren Sohn im Notlager unter dem Basketballplatz. "Schlaf ein, morgen ist ein neuer Tag."