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GDL, Kitas, Post: Jeder soll funktionieren - genau darum ist Streik so wichtig!

Ob Bahn-, Post- oder Kita-Streik: Durch Arbeitsausstände kommt reichlich Sand ins große Alltagsgetriebe. Jeder soll funktionieren. Doch es reicht nicht, einfach auf die Streikenden zu schimpfen.

Ein Kommentar von Dieter Hoß

Bahn-Streik, Post-Streik, Kita-Streik: Dass Arbeit "richtig was wert" ist, bezweifelt kaum jemand. Aber wird das auch adäquat entlohnt?

Bahn-Streik, Post-Streik, Kita-Streik: Dass Arbeit "richtig was wert" ist, bezweifelt kaum jemand. Aber wird das auch adäquat entlohnt?

Nun also die Lokführer, zum Neunten! Und das auch noch während der Pfingstfeiertage. Der Kita-Streik ist in der zweiten Woche. Pakete und Briefe kommen dank des Streiks bei der Post derzeit bestenfalls unregelmäßig an. Im Juni könnten dann noch die Fluglotsen folgen – just zu Beginn der Urlaubs-Hauptsaison. Was für eine Streikeritis in Deutschland! Alle Ausstände zusammengenommen, sind in diesem Jahr schon mehr als 350.000 Arbeitstage ausgefallen – doppelt so viele wie im gesamten vergangenen Jahr. Alles deutet darauf hin, dass es in diesem Jahr einen Streik-Rekord geben wird.

Ob Lokführer oder Postboten, demnächst die Fluglotsen oder vielleicht auch mal wieder die Müllabfuhr - wer in den Streik tritt, steht nicht nur wegen statistischer Werte automatisch am Pranger, verfolgt seine Interessen angeblich auf dem Rücken wahlweise der Kunden, Kinder oder Kranken. Streikende werfen Stöckchen ins alltägliche Räderwerk - und das mögen wir nicht. Alles soll fein rund laufen, alle sollen funktionieren. Ganz gleich, ob im Berufs- oder im Familienleben.

Schimpfen auf den GDL-Streik allein reicht nicht

So ist es nicht weiter überraschend, dass wir nur mühsam Verständnis für die Streikenden aufbringen. Wir verstehen uns als Leistungsgesellschaft. Dementsprechend ist es oberstes Gebot, dass jeder an seinem Platz zur geforderten Zeit die geforderte Leistung erbringt - gerne auch mehr. Und jedem, der uns selbst daran hindert, den Anforderungen zu genügen, wird rasch der Schwarze Peter zugeschoben.

Ja, es ist nervig mit den Folgen eines Streiks konfrontiert zu sein. Speziell für die ewigen Lokführer-Ausstände fällt es schwer, noch Verständnis aufzubringen. Und doch: Wer nur auf die Streikenden schimpft, der macht es sich zu leicht. Man muss gar nicht klassenkämpferisch auf das Streikrecht pochen, pauschal über Ungerechtigkeiten klagen oder jeden Ausstand per se berechtigt finden, um klar zu sagen: Wenn es so wichtig ist, dass alles stets reibungslos funktioniert und jeder ständig zur Stelle ist, wenn wir das also so wollen, dann müssen wir auch dafür sorgen, dass dies möglich ist und dass die Bedingungen stimmen.

Nicht nur eine Frage des Geldes

Das ist beiliebe nicht nur eine Frage der Bezahlung. Wieviele Arbeitnehmer klagen darüber, dass die Zahl der Kollegen immer kleiner, die Anzahl der Aufgaben aber immer größer wird? Dass Stress und Überforderung zunehmen? Dass vor allem seelische Erkrankungen häufiger auftreten? Die Erzieher und Erzieherinnen streiken derzeit auch dafür, dass ihre Arbeit und ihr Einsatz für das Funktionieren der Gesellschaft angemessen anerkannt wird. Dass die Aufgaben in ihrem Beruf mit der Zeit komplexer geworden sind, wird gemeinhin nicht bestritten. Das reicht von pädagogischen Anforderungen über die Ausweitung der Betreuungszeiten bis hin zur Tatsache, dass Kitas vielen Eltern das Ausüben ihres Berufes erst ermöglichen. All' das rechtfertigt die Eingruppierung in eine höhere Tarifgruppe, für die die Gewerkschaft nun eintritt. Mehr Geld für eine anspruchsvollere Arbeit - das ist nicht mehr als der eherne Grundsatz der Leistungsgesellschaft.

Wir tun uns generell schwer damit, Menschen, die sich um andere Menschen kümmern, angemessenen zu entlohnen. Das ist sicherlich auch historisch bedingt, weil die Pflege von Kindern, Alten und Kranken lange Zeit eine Angelegenheit der Großfamilie war. Die Leistungsgesellschaft hat viele neue Chancen eröffnet, doch sie hat damit gleichzeitig die alt hergebrachten Strukturen aufgebrochen. Ist es nicht logisch, dass sie auch für die Folgen dieser Entwicklung aufkommt? Betreuungsberufe kommen uns allen früher oder später zugute, sie erfüllen eine der wichtigsten und anspruchsvollsten Aufgaben überhaupt: den Dienst am Menschen. Wird dies angemessen entlohnt?!

Wofür wollen wir unser Geld verwenden?

Selbst den Lokführern um den angefeindeten Gerkschaftsboss Claus Weselsky geht es um mehr. Nämlich "um nichts weniger als das Recht auf Streik. Das sollte uns ein paar Unbequemlichkeiten wert sein. Unsere Gleichgültigkeit ist sonst unser eigener Schaden", schrieb Jakob Augstein unlängst in seiner Kolumne "Im Zweifel links" zum achten GDL-Ausstand. So sehr die Hahnenkämpfe zwischen Lokführer- und Bahn-Führung Kopfschütteln auslösen: Es ist ein fatales Signal, dass dieser spezielle Fall dazu geführt hat, dass das "Tarifeinheitsgesetz" in Vorbereitung ist - noch dazu durch eine SPD-Ministerin. Ein Gesetz, das in letzter Konsequenz dazu führt, dass nur die größte Gewerkschaft in einem Betrieb noch streiken darf - ein klare Aushöhlung des so elementaren Streikrechts. Steht es der Leistungsgesellschaft gut zu Gesicht, Arbeitnehmern, denen man doch abverlangt, im Dienste der Allgemeinheit bestmöglich zu funktionieren, Rechte zu beschränken? Oder gar mit Jobverlust zu drohen, falls man seine verbrieften Rechte in Anspruch nimmt (wie es im Fall der Post im Raum steht)?

Natürlich kostet das alles Geld. Wenn aber unsere Hauptanforderung ist, dass alles und jeder funktioniert, und dass der Alltag für uns alle jederzeit am Schnürchen läuft, warum sollte eine der reichsten Gesellschaften der Welt nicht genau dafür ausreichend Mittel aufwenden - für angemessene Löhne und ausreichende Ressourcen. Damit sollte sich so mancher Streik von vornherein erledigen.

Apropos Geld: Laut einer aktuellen Umfrage für die "Wirtschaftswoche" führt der Streik an den kommunalen Kitas bei den Städten zu Einsparungen in Millionenhöhe.