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Verbote in Berlin und Brandenburg: Wenn Fremde in der Kita mit Kindern toben: Was hinter dem umstrittenen "Original Play" steckt

Nach einem kritischen TV-Beitrag verbieten Berlin und Brandenburg das umstrittene Kita-Spiel "Original Play". Dabei toben und kuscheln Kinder mit fremden Erwachsenen. In Hamburg und Berlin gab es den Verdacht auf sexuellen Missbrauch.

Auf der Webseite von "Original Play" können sich Interessierte zu Kursen anmelden

Auf der Webseite von "Original Play" können sich Interessierte zu Kursen anmelden und für mehrere hundert Euro zu "Lehrlingen" werden

Berlin und Brandenburg haben die Anwendung des sogenannten Original Play in allen Kindertagesstätten der beiden Länder untersagt. Das bestätigten Behördensprecher dem stern. Zuvor hatte der rbb darüber berichtet. Vorausgegangen war ein kritischer Bericht des ARD-Magazins "Kontraste" vergangene Woche, in dem die Methoden von "Original Play" unter die Lupe genommen wurden. Dabei können unbekannte Menschen in Kitas kommen und mit den Kleinen kuscheln und toben. In Hamburg und Berlin hatten Eltern anschließend Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs erhoben. Die Staatsanwaltschaften in beiden Ländern ermittelten, stellten die Verfahren jedoch mangels Tatnachweises ein, wie Sprecher dem stern bestätigten.

Wer und was stecken hinter dem Konzept?

"Original Play" ist die Erfindung des 76-jährigen US-Amerikaners Fred Donaldson, der sich mitunter als ehemaliger Universitätsprofessor ausgibt und dabei einen psychologischen Hintergrund impliziert. Tatsächlich – so zeigten Recherchen von Plagiatsgutachten.de und Mimikama.at – hat der Mann einst erfolgreich Geographie studiert, allerdings nie als Professor gearbeitet und auch keine psychologische oder vergleichbare Ausbildung genossen. Er ist Buchautor und wirbt weltweit für sein Konzept.

Dabei handelt es sich um eine Art Körperkontakt-Ritual, bei dem Menschen – zumeist kleine Kinder mit Erwachsenen – zusammen toben und spielen. "Original" also "ursprünglich" soll das sein, weil die Kinder den Ton vorgeben. Diesen müsste man Spielen nicht beibringen, weil sie es von Geburt an könnten. Donaldson kritisiert, dass Erwachsene Kindern angeblich das ursprüngliche Spielen abtrainieren würden, indem sie Wettbewerbe schaffen. Bei seiner Methode würde ohne Druck nur um des Spielens Willen gespielt.

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Auf der eigenen Webseite klingt das dann so: "Original Play versucht, die Beziehungen zwischen Individuen und Gruppen zu verbessern, indem Aggression und Gewalt zwischen Menschen durch Freundlichkeit und Liebe ersetzt werden und jedes Kind sich sicher und geliebt fühlt."

Die Methode wird auf dem Portal oft nur indirekt beschrieben. Es werden angebliche Vorteile benannt, die nicht durch wissenschaftliche Untersuchungen gedeckt sind. Dort heißt es etwa: Die Anwendungen wandelten "tief verwurzelte negative Verhaltensmuster in neue Gewohnheiten um" oder schafften "eine Grundlage für optimale Bedingungen für Lernen, Kreativität und Selbstentwicklung". Wie genau und warum diese Ziele erreicht werden, wird nicht erklärt. Experten kritisieren das gesamte Konzept als unwissenschaftlich und esoterisch.

Wie ist die Stiftung organisiert?

Die internationale Stiftung für "Original Play" agiert in mehreren Ländern der Welt, unter anderem in den USA und in Südafrika. In Europa vor allem aus Polen und aus einem in Österreich gemeldeten Verein heraus. Das Geschäftsmodell funktioniert so: Gegen eine Kursgebühr von etwa 250 Euro können Menschen sich zu "Lehrlingen" "ausbilden" lassen. Diese wiederum gehen dann in Deutschland in die Kitas und organisieren Tobe- und Kuschelstunden mit den für die Kinder fremden Menschen.

Nach Informationen von "Kontraste" geschehe dies seit Jahren in deutschen Kitas, vor allem in Hamburg, Berlin, Dresden, Regensburg und München. Oft wurden die Kurse in evangelischen Kindertagesstätten angeboten. Hamburger und bayerische Behörden hatten sich bereits vor dem TV-Beitrag klar gegen das Programm positioniert. Nun zogen auch Berlin und Brandenburg mit eindeutigen Verboten nach.

Was kritisieren Experten?

In der ARD-Sendung "Kontraste" kommen mehrere Experten zu Wort, die die Praxis in deutschen Kitas scharf kritisieren. "Für mich ist das eine Einladung zur Übergriffigkeit an Kindern", sagte dort die Trauma-Expertin Manuela Huber. Der Kinderpsychiater und Direktor der medizinischen Universität Salzburg, Karl-Heinz Brisch, meint: "Dieser Verein müsste sofort verboten werden, weil er in einer hochkritischen, undifferenzierten Weise Körperkontakt in einer geschützten Situation, im Kindergarten, zu Kindern sucht und das in einer vollkommen unkontrollierten Art und Weise."

Kita-Schriftzug

Auch unabhängig vom Missbrauchsverdacht üben zahlreiche tatsächliche Experten für Kinderpsychologie Kritik am Konzept des "Original Play". So seien die angepriesenen positiven Effekte auf die Psyche der Kinder unbewiesene Behauptungen eines nicht in diesem Bereich ausgebildeten Mannes. Außerdem wird auch das dahinterstehende Geschäftsmodell immer wieder scharf kritisiert. Bei "Original Play" gebe es sektenähnliche Strukturen, so der Vorwurf. 

Was sagt die Stiftung selbst zu den Vorwürfen aus dem TV-Beitrag?

In einer Stellungnahme auf der Homepage des Vereins heißt es, dass man "von keinen Missbrauchsvorfällen im Zusammenhang mit Original Play" wisse. In zwei deutschen Einrichtungen hätten Eltern einen Verdacht geäußert, die Polizei habe dies geprüft und keinen Grund für eine Anklage gesehen. "Erwachsene, die in Original Play ausgebildet wurden, behandeln Kinder immer mit vollem Respekt und mit der Wahrung ihrer Integrität und ihrer Grenzen", heißt es dort weiter. Es habe nach den Berichten "viel Hass und Aggression gegen uns" gegeben. In der Doku kam auch Erfinder Donaldson zu Wort. Der US-Amerikaner bestritt auf Nachfrage vehement, dass seine Methode es Pädokriminellen einfacher mache, an Kinder heranzukommen. Die Risiken dafür gingen schließlich ebenso von Eltern aus, so der 76-Jährige.

Was ist aus den Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs geworden?

In Hamburg und Berlin hatten Eltern nach solchen Tobestunden in den Kitas ihrer Kinder Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen die Veranstalter erhoben. Sämtliche Verfahren wurden eingestellt, weil sich der Tatverdacht nicht erhärtete. Bei dem Fall in Hamburg ging es um die Aussage eines dreijährigen Mädchens, aus der sich – so die Staatsanwaltschaft zum stern – letztlich "kein Tatverdacht ableiten" ließ, weil die Angaben nicht konkret genug gewesen seien. Ähnlich war es in Berlin. Die Eltern einiger der Kinder sprechen anonym in dem "Kontraste"-Beitrag darüber, wie ihnen ihre Kinder von eindeutigen Übergriffen berichtet hätten. Ein Mädchen soll ihren Eltern unvermittelt berichtet haben, dass ihr im Rahmen dieser Spielstunden "ein Mann den Penis in den Po gesteckt" habe.

Warum wird "Original Play" nun in mehreren Ländern verboten?

In dem Schreiben der Berliner Bildungsbehörde an alle Kitas des Landes wird die Anwendung der Methode mit Verweis auf Kinderschutzgesetze untersagt. Man könne ansonsten nicht ausschließen, dass es dabei "zu Grenzüberschreitungen bzw. Grenzverletzungen sowie zu Gefährdungen des Kindeswohls" komme. Weiter heißt es, dass alle Personen, die mit Kindern in Einrichtungen arbeiteten, ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen müssten. Nach ARD-Recherchen war dies bei den Kursen in Hamburg, Berlin und anderswo mehrfach nicht der Fall. 

Quellen: Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie / Brandenburger Bildungsministerium / Staatsanwaltschaft Hamburg / Staatsanwaltschaft Berlin / www.originalplay.de / ARD-Magazin "Kontraste" / Plagiatsgutachten.de / Mimikama.at

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