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stern-Gespräch

Innerdeutsche Grenze: "Kurz hoch, rüber, runter": Überlebende schildert DDR-Flucht per Ballon, die furchtbar endete

Sabine und Winfried Freudenberg wollten aus der DDR fliehen. Monatelang bastelten sie einen Ballon. Und trennten sich im entscheidenden Moment. 30 Jahre später blickt die Chemikerin zurück auf ihren verrückten Traum – und sein albtraumhaftes Ende.

DDR-Flucht per Heißluftballon: Gespräch mit einer Überlebenden

Die Freudenbergs bei ihrer Hochzeit im Oktober 1988 – kurz darauf begannen sie, ihre Flucht aus der DDR zu planen. Am Morgen des 8. März 1989 bergen Feuerwehrleute die Überreste des Fluchtballons in West-Berlin. 

Es ist zwei Uhr in der Nacht vom 7. auf den 8. März 1989, als sich im Ost-Berliner Ortsteil Blankenburg das Schicksal zweier Menschen entscheidet. Der Ingenieur Winfried Freudenberg, 32, und seine Frau Sabine, Chemikerin, 24, sind heimlich mit ihrem Trabant zu einer Gasreglerstation gefahren. Seit mehr als einer Stunde lassen sie Erdgas in einen einfach konstruierten Ballon fließen, den sie über Monate in ihrer Wohnung zusammengeklebt haben. Sie sind nicht unbemerkt geblieben. Ein Kellner, der von seiner Nachtschicht heimfuhr, hatte den Ballon gesehen und gemeldet. Als sich plötzlich ein Polizeiwagen nähert, geht alles rasend schnell: Winfried Freudenberg springt auf den abgesägten Besenstiel, den er als Sitz unter den Ballon montiert hat. Der Ballon hebt ab. Schießt in die Höhe. Sabine Freudenberg bleibt am Boden.

Der Ballon treibt Richtung Westen und gewinnt schnell an Höhe, Wissenschaftler werden später rekonstruieren, dass es etwa 5000 Meter waren. Im Morgengrauen beobachten ihn Spaziergänger über dem Grunewalder Teufelsberg. Doch es gelingt dem Ingenieur nicht, den Ballon wieder sinken zu lassen. Gegen 7.30 Uhr stürzt er in den Tod. Da ist seine Frau längst verhaftet.

Sabine Freudenberg führt der Stasi nach ihrer Verhaftung vor, wie sie den Ballon im Wohnzimmer gebaut haben

Sabine Freudenberg führt der Stasi nach ihrer Verhaftung vor, wie sie den Ballon im Wohnzimmer gebaut haben

Über alles, was sich in den schicksalhaften Sekunden an der Gasreglerstation und danach ereignet hat, gibt es unterschiedliche Berichte, Aussagen und viele Spekulationen. Wusste Sabine schon vorher, dass sie nicht mitfliegen würde? Hatte sie Winfried gar verraten? Wollte sie sich opfern, damit er entkommen kann? War der Ballon manövrierunfähig, weil ihr Gewicht fehlte? Die Berliner Buchautorin Caroline Labusch hat sich mehrere Jahre mit der Geschichte des letzten Mauertoten und seiner überlebenden Frau beschäftigt. Sie ist zu Bekannten und Verwandten des Paares gereist, hat Experten hinzugezogen, Stasi-Akten gewälzt. Sabine Freudenberg trägt heute einen anderen Nachnamen und möchte nicht, dass er öffentlich wird. Trotzdem ließ sie sich von Caroline Labusch überzeugen, dass es sich lohnt, der Welt ihre Geschichte noch einmal zu erzählen.

Sich auf einen Besenstiel setzen, der an einem Ballon hängt, und damit in den Himmel steigen – wie kommt man überhaupt auf so eine Idee?

Winfried wollte fliegen, das war sehr tief bei ihm verankert, das war einer seiner Träume. Einfach kurz hoch, rüber, runter. So dachte Winfried.

Caroline Labusch: "Ich hatte gehofft, wir können fliegen – Die Geschichte einer tragischen Flucht im Frühling 1989", Penguin, 304 Seiten, 14 Euro

Caroline Labusch: "Ich hatte gehofft, wir können fliegen – Die Geschichte einer tragischen Flucht im Frühling 1989", Penguin, 304 Seiten, 14 Euro

Für ihr Buch hat die Autorin Caroline Labusch einen Ballonexperten und einen Physiker konsultiert. Dabei wurde klar: Obwohl Winfried Freudenberg Ingenieur war, hatte der Ballon gravierende Konstruktionsfehler. Haben Sie damals geglaubt, dass er fliegen würde?

Ich bin Winfried gefolgt. Ich habe das nicht infrage gestellt.

Hat er selbst das Misslingen der Flucht in Betracht gezogen?

Er hat einkalkuliert, dass er möglicherweise dabei ums Leben kommt. Aber er war sich hundertprozentig sicher, dass er diesen Schritt gehen will. Ich weiß nicht, woher er diese Sicherheit genommen hat, warum er lieber sterben wollte, als weiterzuleben in der DDR. Freiheit, Bautzen oder Tod. Das hat er oft zu mir gesagt.

War das denn auch Ihre Überzeugung?

Damals dachte ich das. Heute würde ich sagen: Möglicherweise war ich im Unterbewusstsein davon doch nicht überzeugt.

Bis zur Begegnung mit Winfried war Ihr Leben ja auch eher linientreu verlaufen: Sie waren FDJ-Sekretärin, durften Abitur machen und Ihr Wunschfach studieren.

Ich weiß nicht, ob ich das linientreu nennen würde. Ich bin schon damals häufig angeeckt, weil ich meine Meinung sage, manchmal ohne Rücksicht auf Verluste. Und wenn mir etwas zu weit ging, dann habe ich das nicht mehr mitgemacht. Aber es stimmt schon, dass es mir ohne ihn nicht in den Sinn gekommen wäre, meine Heimat zu verlassen.

Die Gasreglerstation mit dem angeschlossenen Zuleitungsschlauch

Die Gasreglerstation mit dem angeschlossenen Zuleitungsschlauch

Sie waren schrecklich verliebt.

Ja, ich habe diesen Mann abgöttisch geliebt. Meine Mutter war eine der wenigen, die mich verstanden haben. Sie hat gleich hinterher, 1989, zu mir gesagt: Liebe macht blind.

Was hat Sie an Winfried fasziniert?

Alles. Ich konnte mit ihm reden, er war abenteuerlustig. Ein sympathischer Mann. Es war eine sehr romantische Beziehung.

Sie haben im Oktober 1988 geheiratet. Wann eröffnete Ihr Mann Ihnen seine Fluchtpläne?

Unsere erste Zeit war unbeschwert. Da war es noch kein Thema. Eine Ahnung gab es vielleicht, aber als er es dann so konkret aussprach …

Wie haben Sie reagiert?

Es war ein Wechselbad der Gefühle: Einen Tag denkt man: toll! Und am nächsten überwältigen einen Albträume. Dann fragt man sich: Ist denn wirklich alles so schlimm? Ich hatte Zweifel, aber ich habe mich auch auf eine bessere Zukunft gefreut. Das war ein toller Traum, den wir beide zusammen verwirklichen wollten. Da hat sich ein sehr starkes Gefühl von Zusammengehörigkeit aufgebaut.

Sie mussten im Verborgenen an Ihrem Flugobjekt basteln, in Ihrer eigenen Wohnung. Sie haben Bahnen aus Plastikfolie besorgt, immer in kleinen Mengen, dazu Spezialband, haben alles zusammengeklebt.

Das ging so über Monate. Wir waren euphorisch, aber es war auch extrem belastend.

Wie sollte es für Sie beide im Westen weitergehen?

Wir hatten keine konkreten Pläne, es waren Träume. Wir wollten uns ein gutes Leben aufbauen. Und ich wollte unbedingt in der Wissenschaft weiterarbeiten, erforschen, was die Welt im Inneren zusammenhält. Tatsächlich, das war für mich das Größte.

Der umwickelte Besenstiel, auf dem Sabine abheben sollte

Der umwickelte Besenstiel, auf dem Sabine abheben sollte

Als der Ballon fertig war und Sie nur noch auf die richtige Windrichtung gewartet haben, waren Ihre Zweifel da vorbei?

Nein, die Zweifel kamen bis zum Schluss immer wieder. Aber wie gesagt, letztendlich überwog der Wille, das durchzuziehen.

Wie groß war Ihre Angst, aufzufliegen, ehe Sie fliehen konnten?

Natürlich habe ich das Risiko gesehen, das Ding lag ja in unserer Wohnung. Die schlimmste Vorstellung war, dass wir in den Knast kommen könnten, ohne dass irgendjemand etwas davon weiß, dass wir quasi vom Erdboden verschwinden. Und dass unser Leben dann am Ende völlig kaputt ist.

Wenn man das hört, denkt man: wahnsinniger Mut – oder: Wahnsinn!

Eine Mischung von beidem, wahrscheinlich.

Es gab 1989 ja schon Anzeichen für Veränderungen in der DDR. Im Januar hatte die Regierung das Wiener KSZE-Abkommen unterschrieben und sich immerhin auf dem Papier verpflichtet, das Recht eines jeden auf freie Ausreise und Wiedereinreise in sein Land zu gewährleisten. Anfang April wurde der Schießbefehl an der Grenze ausgesetzt. Warum beantragten Sie nicht einfach die Ausreise?

Wir haben das alles gar nicht so wahrgenommen. Wir waren mit anderen Dingen beschäftigt.

Dass die alte Machtstruktur der DDR erschüttert wird, war 1989 doch erkennbar.

Im März noch nicht, nein. Wer heute etwas anderes erzählt, hat einfach nur das Bild 30 Jahre danach vor Augen. Für mich stand damals fest, dass dieses Land noch mindestens hundert Jahre existieren würde.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Tag, an dem es dann passieren sollte? An den Moment, in dem Sie die Polizei näherkommen hörten?

Diesen Moment möchte ich nicht erinnern. Gar nicht.

Würden Sie sagen, es war Ihre eigene Entscheidung, zurückzubleiben?

Ich würde sagen, es hat sich ereignet. Es war eine Kette von vielen kleinen Bausteinen und Zusammenhängen, die dazu führten. Ich würde das nicht auf die letzten Momente reduzieren.

Der von der West-Polizei in einer Sporthalle ausgebreitete Ballon

Der von der West-Polizei in einer Sporthalle ausgebreitete Ballon

Sie sind dann zunächst weggelaufen. Können Sie sich noch erinnern, wie Sie schließlich in Ihrer Wohnung gelandet sind? Dort wartete bereits die Polizei.

Ich erinnere mich an einzelne Momente. Wie ich da nachts alleine auf der Straße langgelaufen bin. Wo sollte ich überhaupt hin? Ich wollte ja eigentlich ganz woanders sein! Es war völlig absurd, dass ich plötzlich wieder vor meiner Wohnung stand.

Gab es außer dem Westen keinen Ort mehr für Sie?

Es gab kein anderes Ziel. Ich war auf einmal nirgends.

Nirgends, und auch total allein.

So allein fühlte ich mich noch gar nicht. Ich wusste ja, Winfried ist in der Luft, er ist auf dem Weg. In dem Moment fühlte ich mich noch sehr verbunden mit ihm. Da habe ich gebetet, dass er es schafft. In dem Moment bin ich gläubig geworden. Ich dachte, es muss irgendeine höhere Kraft geben, die das jetzt regelt. Die uns beisteht. Ein merkwürdiger Zustand.

Dass Sie ihn möglicherweise nicht wiedersehen würden, war Ihnen nicht bewusst?

Das lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich wusste zwar nicht, ob er jetzt im Westen ist oder im Knast. Aber ich war davon überzeugt, dass er lebt. Das hat mich die ersten Tage in U-Haft stark gemacht.

Die Stasi ließ Sie zunächst im Ungewissen.

Die haben meine Hoffnung genutzt, um möglichst viel aus mir herauszukriegen. Einen ganzen Tag lang haben sie mich noch verhört, ohne mir zu sagen, dass Winfried tot ist.

Als die Nachricht kam ...

... ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Ich musste realisieren, dass ich wirklich allein war. Das kann man nicht in Worte fassen. Danach habe ich dann umgeschaltet. Und bin sehr pragmatisch geworden.

Wie meinen Sie das?

Ich habe mir gesagt, es ist niemand da, der mich retten kann. Ich muss sehen, wie ich klarkomme. Und jetzt wird die Strategie so verändert, dass ich damit so gut wie möglich durchkomme. Ich wollte noch nicht gestorben werden. Also entschied ich mich: Ich gehe lieber aus dem kleinen Gefängnis raus und gehe zurück ins große Gefängnis, die DDR. Ich wollte mich retten.

Winfrieds Fachliteratur über Gasanwendung und Flugmeteorologie

Winfrieds Fachliteratur über Gasanwendung und Flugmeteorologie

Wie haben Sie sich denn verhalten, was war Ihre Strategie?

Ich habe die Hilfe angenommen, die man mir angeboten hat.

Ihr Stasi-Betreuer hat Ihnen einen guten Job und eine Wohnung in Prenzlauer Berg besorgt. Wurden Sie im Gegenzug zu bestimmten Handlungen genötigt?

Etwas über Leute zu erzählen, sie anzuschwärzen, hat mir meine Lebenseinstellung verboten. Ich habe nie über jemanden getratscht. Ich bin loyal. Das entsprach nicht meinem Wesen. Dass die mich andauernd nach anderen Leuten gefragt haben und was wissen wollten, das hat mich krank gemacht.

Sie wurden dann nur auf Bewährung verurteilt, was im Falle einer missglückten Republikflucht ungewöhnlich ist.

Der Ausdruck "nur" ist berechtigt, da haben sich auch manche drüber gewundert.

Was war der Preis für dieses milde Urteil?

Es gab keine offene Absprache. Aber die hatten wahrscheinlich Höheres mit mir vor, das ist mir erst hinterher bewusst geworden.

Haben Sie nach der Wende Ihre Stasi-Akten gelesen?

Ich habe gleich Akteneinsicht beantragt und relativ zügig bekommen. Für mich war wichtig, zu sehen, was zu mir persönlich existierte, auch möglicherweise schon vor 1989. Einordnen zu können, was die Stasi wusste, ab wann ich da auf dem Schirm war.

Und was fanden Sie?

Ich war bis zum 8. März 1989 ein unbeschriebenes Blatt. Das hätte ich nicht unbedingt erwartet. Winfried war auch ein unbeschriebenes Blatt. Vielleicht war das auch ein Grund, warum wir die ganze Sache so unentdeckt vorbereiten konnten.

Sie haben nach der Wende ein zweites Mal geheiratet. Wann begann Ihr neues Leben ohne Winfried?

Das war gleich Anfang der 90er Jahre. Mit dem Vater meines dann geborenen Sohnes war ich fast 25 Jahre verheiratet, er hat mir ein zweites Leben geschenkt. Familie ist mir sehr wichtig. Die wollte ich mit Winfried haben, aber das hat ja nicht sollen sein.

Wann haben Sie Ihrem Sohn davon erzählt?

Als er älter war, fast volljährig.

Wie hat er reagiert?

Er hat natürlich Fragen gestellt, ich weiß aber nicht mehr, welche genau. Auf jeden Fall hat er trotzdem noch Mama zu mir gesagt. Und mein Mann war Anfang der 90er-Jahre sogar ein paarmal mit auf dem Friedhof in Lüttgenrode, wo sie Winfried beigesetzt haben. Ich hätte mir gewünscht, dass Winfried in Berlin beerdigt wird.

Das Hemd, in dem Winfried Freudenberg starb – fotografiert von der Stasi

Das Hemd, in dem Winfried Freudenberg starb – fotografiert von der Stasi

Als Günter Schabowski gut ein halbes Jahr nach Ihrem missglückten Fluchtversuch im Fernsehen die Maueröffnung verkündete, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Nichts. Das habe ich gleich ausgemacht und bin ins Bett gegangen.

Das kann ich nicht glauben.

Ich habe das alles von mir geschoben.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie es an sich herangelassen haben?

Tage bis Wochen, je nachdem, wie Sie das definieren. Richtig an mich herangelassen – das hat wahrscheinlich Jahre gedauert.

Wann sind Sie zum ersten Mal in den Westen gegangen?

Mit Bekannten, mal über die Bornholmer Brücke gucken, das habe ich mich schon vier Wochen nach Maueröffnung getraut.

Das nennen Sie schon? Alle anderen sind gleich in den ersten Tagen hingestürmt.

Eigentlich ist es schade, dass ich das nicht miterlebt habe und auch nicht miterleben wollte. Das war für mich der falsche Zeitpunkt. Andererseits: Es war auch der richtige Zeitpunkt. Weil ich nicht weiß, wie es mit mir weitergegangen wäre, wenn die Mauer nicht aufgegangen wäre. Wer weiß, was die noch mit mir vorhatten.

Wie blicken Sie heute, 30 Jahre später, auf Winfried und seine Ballonflucht zurück?

Neulich fand ich ihn wieder in diesem Zitat von Christoph Kolumbus: "Du kannst keinen Ozean überqueren, wenn dir der Mut fehlt, das Ufer aus den Augen zu verlieren." Winfried hatte diesen Mut. Er hat das Ufer, auf dem er sich befand, verlassen. Dieser Entschluss, am 7. März 1989 die Tür zu schließen und loszufahren – damit war besiegelt, dass es kein Zurück mehr in unser altes Leben geben würde. Da sind wir in eine unbekannte Welt getreten. Und obwohl ich nicht mitgeflogen bin, habe auch ich das Ufer verlassen.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:

Exklusiver Trailer zu "Ballon": Die wahre Geschichte des spektakulärsten Fluchtversuchs aus der DDR - per Heißluftballon
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