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Fridays for Future Fridays for Future ist zurück auf den Straßen – was können die Aktivisten bewirken?

Greta Thunberg demonstriert vor dem Brandenburger Tor
Vor zwei Jahren begann Greta Thunberg (l.) mit ihren „Schulstreiks“. Aus ihrem Protest wurde eine weltweite Bewegung. Am 21. August demonstrierte sie vor dem Brandenburger Tor in Berlin.
© Florian Boillot
Vor Corona war Fridays for Future überall präsent – nun strebt die Bewegung mit einem großen Aktionstag zurück in die Öffentlichkeit. Aber was können die Aktivisten wirklich verändern?
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Am Dienstag der vergangenen Woche, an jenem Tag, da 48 deutsche Wetterstationen die höchsten dort jemals gemessenen Temperaturen für einen Septembertag gemeldet haben, treffen sich rund 30 Jugendliche in einem Park in Berlin, um Plakate zu bemalen, mit denen sie demonstrieren wollen. Manche von ihnen wirken fast noch kindlich, 13 Jahre alt vielleicht, andere laufen barfuß herum in wallenden, gebatikten Hosen. Eine von ihnen heißt Sofia Lehmann.

Sofia Lehmann
Sofia Lehmann organisiert den Klimastreik in Berlin
© privat

Lehmann ist eine der führenden Aktivistinnen der Berliner Ortsgruppe von Fridays for Future. An diesem Dienstag hat sie sich mit Mitstreitern im Invalidenpark versammelt, zum Plenum der Or­ganisation, um Vorbereitungen zu treffen für den nächsten großen "Klimastreik" in Berlin. Die große Aufmerksamkeit richtet sich auf Greta Thunberg und Luisa Neubauer, die Gesichter der Bewegung – das hier ist, wenn man so will, der Maschinenraum, ohne den es keine Demonstrationen gäbe und damit auch keine Fridays for Future.

Die Jugendlichen sitzen in einem großen Kreis, draußen, mit Abstand, alle tragen ihre Masken. Der Verkehr rollt gleich nebenan so lahm wie laut und aggressiv über die Invalidenstraße, eine der unangenehmsten Verkehrsachsen Berlins. Die Sonne brennt, obwohl es schon 18 Uhr ist.

"Ein paar Tage nur noch", ruft Lehmann den anderen durch den Stoff ihrer Maske zu, "dann kommen wir endlich wieder zusammen, live und in Farbe, zu einem richtig fetzigen Protest. Ich bin voll motiviert, ihr hoffentlich auch!" Die Jugendlichen drücken ihre Begeisterung durch das Winken mit beiden Händen aus, das Zeichen für Applaus aus der Gebärdensprache, weil man so Zustimmung ausdrücken kann, ohne den Redenden zu unterbrechen. "Okay, cool", sagt Lehmann. "Was steht heute an?"

Für den kommenden Freitag hat Fridays for Future wieder zu einem "globalen Klimastreik" eingeladen: Jugendliche, aber auch Erwachsene sind aufgerufen, die Schule, die Uni, den Job zu schwänzen, um für eine wirksame Klimapolitik zu demonstrieren. In Deutschland sind laut Veranstalter Umzüge und Kundgebungen in über 300 Orten angemeldet, in Köln, Hamburg, München, ebenso in Lünen, Wangen im Allgäu und in Zeitz. Besonders schaut das Land dabei nach Berlin, wo wahrscheinlich die meisten Demons­tranten zusammenkommen und wo Politiker – an die sich all das richtet – dem Demonstrationszug durch ihre Bürofenster zuschauen können.

Corona hat die Welt sediert

Seit vor fast genau zwei Jahren die Schwedin Greta Thunberg begann, freitags die Schule zu schwänzen und stattdessen vor dem Parlament in Stockholm mit einem Protestschild auf den Klimawandel aufmerksam zu machen, ist eine weltweite Bewegung entstanden, die ihren bisherigen Höhepunkt vor genau einem Jahr erreichte, als allein in Berlin fast 300.000 Menschen demonstrierten und mehrere Millionen weltweit.

Seitdem ist jedoch nicht mehr so viel passiert. Die Aktivisten haben schwierige Monate hinter sich, erst kam der Winter, dann hat Corona die Welt sediert. Die Menschen saßen zu Hause, hatten Angst vor einer todbringenden Pandemie und anderes im Kopf als den Klimawandel.

Der Streik am Freitag wird der erste seit Beginn des Jahres sein, zu dem Fridays for Future tatsächlich wieder in großer Zahl auf die Straße geht. Dabei erwarten die Berliner Organisatoren deutlich weniger Demonstranten als vor einem Jahr, 20.000 vielleicht. Das liegt an Corona. Aber liegt es auch daran, dass Fridays for Future die Luft ausgeht, dass die Bewegung ihre Wucht verloren hat? Es steht jedenfalls eine Frage im Raum, die sich jeder sozialen Bewegung irgendwann stellt: Wie wird aus all dem Protest wirksame Politik?

Sofia Lehmann teilt das Plenum in zwei Arbeitsgruppen, eine kümmert sich um Organisatorisches für den Streiktag, die andere soll sich Gedanken über die Mobilisierung der Massen machen. Lehmann selbst moderiert die Planungs­gruppe. Sie sagt: "Wir brauchen Ordner, die am Tag der Demo auf die Abstände und die Maskenpflicht achten. Viele, viele Ordner."

Selbst gemalte Pappschilder zum Thema Klimawandel
Selbst gemalte Pappschilder sind zu einem Markenzeichen geworden. Mit Tausenden solcher Plakate demonstrierten die Aktivisten im April vor dem Reichstagsgebäude
© Stefan Boness/IPON

Seit Monaten plant Lehmann, Studentin der Geografie, die De­monstration. Gerade verbringt sie den Großteil des Tages in einem Praxisseminar; sie und ihre Kommilitonen fahren mit einem Dozenten auf Rädern durch Berlin und schauen sich verschiedene Geländestrukturen an. Die Arbeit für den Klimastreik, sagt sie, mache sie nebenbei, die Gespräche mit den Ämtern, das Schreiben und Umschreiben der Anträge, manchmal 40 Stunden pro Woche zusätzlich zur Universität, alles freiwillig und ehrenamtlich, so wie alle bei Fridays for Future.

Flüchtige Aufmerksamkeit

Nach den Corona-Demos in Berlin, bei denen Tausende jede Abstandsregel ignorierten, und nach den "Black Lives Matter"-Zügen im Juni, an denen sich ebenfalls Kritik entzündete wegen fehlender Abstände und Masken, stellt sich für Fridays for Future die dringliche Frage, wie man den Protest pan­demiekompatibel zurück auf die Straße bringt. Und damit auch die Frage, wie man endlich wieder Aufmerksamkeit generiert – für die Bewegung und damit für den Klimaschutz.

Monatelang verlagerten die Aktivisten ihre Aktionen in die sozialen Netzwerke, wo sie dann eher Selbstgespräche führten. Die große Aufmerksamkeit blieb jedenfalls aus. Jetzt, da in den Wäldern die ersten Blätter gelb werden, fällt auf, dass auch dieser Sommer eine Dürresommer war, der dritte in Folge: Viele Blätter färben sich nicht deshalb gelb, weil der Herbst kommt, sondern weil den Bäumen das Wasser fehlt und damit die Lebenskraft.

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Und die vermeintlichen Einsparungen beim CO2-Ausstoß während der Corona-Monate erweisen sich als Atempause, denn die Emissionen steigen so schnell wieder an, wie sie abgesunken waren.

Das Schlechteste aber, sagt Lehmann, wäre, wenn am Abend nach dem Streik in den Nachrichten nicht über das Klima, sondern nur über Corona-Regeln gesprochen würde. Deswegen haben sie in mühseliger Kleinarbeit und in langwierigen Gesprächen mit Vertretern der Stadt ein Konzept ausgearbeitet, das eine Fahrraddemo beinhaltet und eine Kundgebung, bei der die Demonstranten auf der Straße sitzen – mit zwei Metern Abstand zueinander. "Morgen", sagt Lehmann, "haben wir das letzte Gespräch mit der Polizei. Dann ist alles bereit."

Die Frage ist, was das alles bringt.

"Wir sind zu frustrierten Aktivisten geworden"

An einem freundlich-warmen Spätsommertag sitzt Jakob Blasel in einem Restaurant in Berlin-Mitte und fischt ein Minzblatt aus seinem veganen Mango-Shake. Blasel ist 19 Jahre alt, ein dünner Kerl mit einem jungenhaften Gesicht, das lange eines der bekanntesten von Fridays for Future war. Seit einigen Tagen bekommt er noch etwas mehr Aufmerksamkeit.

Blasel hat "Zeit Online" ein Interview gegeben, in dem er bekannt gab, 2021 für die Grünen in den Bundestag einziehen zu wollen. Er sagte darin: "Wir sind zu frustrierten Aktivisten geworden."

Jacob Blasel
Jakob Blasel möchte für die Grünen in den Bundestag einziehen
© Fenja Hardel

Das Zitat fanden in der Bewegung nicht alle toll, und es hat eine Debatte darüber ausgelöst, ob der Weg in den Bundestag für Fridays for Future der richtige ist. Blasel würde den Satz, sagt er jetzt, so nicht mehr wiederholen. Woran er aber festhält: "Am Ende braucht es Leute, die Bock haben, etwas umzusetzen." Mit anderen Worten: Proteste schön und gut, aber irgendeiner muss ins Parlament und dort für Lösungen kämpfen.

Lange hat Blasel selbst das ganz anders gesehen. Er hat sich bei Fridays for Future engagiert, weil er dachte, dass die Politik sich schon bewegen werde, wenn der Druck der Straße nur groß genug wird. Bewegt hat sich aber, aus seiner Sicht, nichts. Im Gegenteil. Vor einem Jahr, just an jenem Tag, als Berlin-Mitte zum Bersten vollgepackt war mit Demonstranten, verkündete die Große Koalition ein "Klimapaket", das aus so vielen Kompromissen bestand, dass kaum Klimaschutz übrig blieb. Die Kanzlerin sagte damals: "Politik ist das, was möglich ist."

Viele Aktivisten fürchten nun, dass Blasel Teil dieser Kompromiss-Maschinerie wird. Kompromisse, das hört man oft, seien in der Regel schon okay, Demokratie funktioniere nun einmal so. Bei der Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels könne es jedoch keine Kompromisse geben, niemals. "Wir sind erst erfolgreich, wenn die Bundesregierung endlich konkrete Ziele beschlossen hat, die wirklich eine effektive Klimapolitik versprechen", sagt Sofia Lehmann.

Ein wichtiger Katalysator

An genau dieser Stelle ist Fridays for Future hartleibig, man könnte auch sagen: radikal. Und genau an dieser Stelle empfinden viele die Bewegung als elitär und oberlehrerhaft. Eine Studie der Universität Konstanz aus dem vergangenen Jahr kam zu dem Ergebnis, dass die Demonstrierenden vor allem aus "höheren Bildungsschichten" stammen.

Tatsächlich haben die Aktivisten oft etwas Streberhaftes. Es ist auch nicht überraschend, dass viele ältere Herrschaften aus Prinzip keine 16-Jährigen ernst nehmen wollen, die einen sofortigen Kurswechsel der Menschheit fordern. Dabei sind die Erkenntnisse der Klimaforschung so eindeutig, so dramatisch, dass niemand, der Verstand besitzt, ignorieren kann, wie dringend etwas geschehen muss.

Die Aktivisten fordern nichts Übermenschliches von den Politikern. Sie fordern die Einhaltung der Klimaziele von Paris, sie fordern, dass die Politik ihr eigenes Versprechen hält.

Der Protestforscher Simon Teune sagt: "Diese Haltung ist radikal, ja. Aber diese Radikalität liegt in der Sache begründet." Teune arbeitet am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam, er hat sich für seine Forschung viel mit Fridays for Future auseinandergesetzt.

Teune sagt, das Besondere an FFF sei, dass die Bewegung zwar eine junge Klientel mobilisiere, es aber nie eine Gewaltdebatte gegeben habe. "An der Stelle haben sich schon viele soziale Bewegungen auseinanderdividiert." Trotzdem sieht auch er Fridays for Future an einem Scheideweg: Jeder sozialen Bewegung stelle sich irgendwann die entscheidende Frage, wie sie ihre Ideen in Politik übersetzt bekommt.

Tatsächlich ist es schwer zu messen, was Fridays for Future schon erreicht hat. Teune sagt: "Auf der politischen Ebene gibt es keine Erfolge." Es gebe – da stimmt er mit den Aktivisten überein – nach wie vor keine wirksame, am 1,5-Grad-Ziel orientierte Klimapolitik. Auf vielen anderen Ebenen hätten die Aktivisten sehr viel erreicht: Mobilisierung der Menschen, Berichterstattung, Zustimmung in der Bevölkerung. "In der gesamten Gesellschaft läuft beim Thema Klimaschutz ein Veränderungsprozess, das können wir überall beobachten", sagt Teune. Fridays for Future sei ein wichtiger Katalysator gewesen, um dieses Thema voranzubringen.

Den Weg, den der Aktivist Jakob Blasel nun eingeschlagen hat, findet der Forscher Teune nur folgerichtig: "Es braucht wirksame Hebel in die Parlamente, um die Forderungen von der Straße in konkrete Maßnahmen umzusetzen."

Schritt für Schritt ans Ziel

Dabei muss es nicht immer das große Rad sein, um Politik zu machen, man kann auch viele kleine Schritte gehen, um weit zu kommen. Am Donnerstag der vergangenen Woche sitzt Line Niedeggen in einem Hof der Universitätsmensa in Heidelberg. Niedeggen, 23 Jahre alt und Studentin der Physik, bereitet mit anderen Aktivisten gerade auch hier den Klimastreik vor. Seit vielen Jahren ist sie im Klimaschutz aktiv. Vor Fridays for Future engagierte sie sich bei Greenpeace und im Hambacher Forst. Sie sagt: "Je länger wir sichtbar sind, desto größer wird die Bewegung." Mit der Beständigkeit, mit der Fridays for Future auf der Straße bleibe, trotz Frust und Pandemie, werde die Bewegung zu einer politischen Stimme. In Heidelberg sind sie damit auf lokaler Ebene bereits erfolgreich.

Line Niedeggen
Line Niedeggen hat in Heidelberg schon viel erreicht: Einige ihrer Forderungen will die Stadt in einem Klimaplan umsetzen
© Nele Spandick

Aktivisten sitzen bereits in einer Klimaschutz-Aktionsgruppe der Stadt, beraten den Gemeinderat und haben einen direkten Draht zum Oberbürgermeister. Im April 2019 haben sie Forderungen an den Gemeinderat gestellt, im November verabschiedete dieser einen Klimaschutz-Aktionsplan, in dem einige Forderungen übernommen wurden. "Die würden das so nie zugeben", sagt Niedeggen. Aber politischer Erfolg ist auf dieser Ebene konkret messbar, genauso wie in anderen Gemeinden, in Oldenburg etwa, wo Aktivisten gemeinsam mit der Stadt einen Klimaplan erarbeitet haben.

Der reiche, hieß es dort, zwar für ein klimaneutrales Oldenburg nicht aus. Aber vielleicht passt beides zusammen: Zum einen arbeiten Aktivisten konkret an Lösungen und Konzepten und gehen dabei notwendige Kompromisse ein. Zum anderen gibt es eine Bewegung der Straße, die keine Abstriche bei ihren Forderungen macht und darauf immer und immer und immer wieder aufmerksam macht. Vielleicht liegt in dieser Kombination das Erfolgsrezept.


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