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Unfall in Hagen: Hunderte gaffen, als ihr Baby stirbt: "Ich kriege diese Leute nicht mehr aus dem Kopf"

Immer wieder klagen Polizei und Feuerwehr über Gaffer. Ihre Meldungen klingen oft harmlos – bis man die Geschichte von Frau Kinolli und ihrer Tochter Aida hört.

Gaffer, Shukrije Kinolli und ihr Mann

Shukrije Kinolli (mit Ehemann) ging über eine Brücke in Hagen, als ein Auto den Buggy mit ihrem Kind erfasste. Sofort drängten Menschen herbei, guckten fotografierten, machten Filme

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Sie nannten sie Aida. Das ist Albanisch und heißt Mondlicht. Ihre kleine Tochter, ihr erstes Kind. Sie sollte scheinen wie ein Mond, hier unten bei den Menschen.

Doch nicht im Himmel.

Aida starb an einem Sommertag im vergangenen Jahr. Sie lag lächelnd und brotkauend in ihrem Buggy, als das Auto sie erfasste. "Neun Monate hatte ich sie in meinem Bauch. Dann ein Jahr bei mir. Und auf einmal, von einer Sekunde auf die andere, ist sie nicht mehr da. Ich begreife das nicht."

Aber nicht darum will Aidas Mutter nun sprechen. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer, die Fotos der lachenden Aida im Rücken. "Ich habe einen Wunsch", sagt Shukrije Kinolli. "Ich will, dass die Leute in sich gehen, sich fragen: Was tun wir da eigentlich?"

Bilder, die sie einfach nur vergessen will

Die Augen sind wohl der mächtigste Sinn des Menschen. Wir gucken, weil wir gar nicht anders können. Von klein auf. Wir suchen Reize, Farben, Formen, Bewegungen. Erst unbewusst. Dann übernimmt unser Großhirn. Von da an wollen wir verstehen, was wir sehen. Wollen wissen, wie etwas ausgeht.

Doch Augen können auch grausam sein. Manchmal senden sie etwas in unser Hirn, das wir am liebsten nie gesehen hätten. So ist es bei Shukrije Kinolli. Sie hat Bilder ihrer Tochter im Kopf, die sie einfach nur vergessen will.

Und Augen können grausam sein, wenn sie einen anstarren. Die Blicke der anderen, darüber will Kinolli reden. Über die Linsen der Handys, die auf sie und ihre sterbende Tochter gerichtet waren. "Ich kriege diese Leute nicht mehr aus dem Kopf", sagt sie. "Das soll niemand anderem passieren. Darum erzähle ich jetzt alles. Auch wenn es mir sehr, sehr weh tut."

Shukrije Kinolli schob ihre Tochter Aida am Nachmittag des 13. Juli 2017 im Buggy durch die Hagener Innenstadt. Ihr Neffe, damals vier Jahre alt, lief neben den beiden her. Sie kamen vom Arzt, weil eine Impfung Aida zu schaffen machte. Von der Praxis zur Wohnung sind es nur ein paar Hundert Meter. Der Weg führt über eine Brücke. Unten im Fluss schwammen Enten, der Neffe freute sich auf sie. Er hielt ein Eis in seinen Händen.

"Shukrije, warum nimmst du Aida nicht in den Arm?", fragte er. "Dann kann sie die Enten sehen." Doch die Mutter ließ sie im Wagen, sie hatte ihrer Tochter beim Bäcker ein Brötchen gekauft, an dem sie kaute.

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Aida gab keinen Laut von sich

Das Auto verließ den Kreisverkehr vor der Brücke, und anstatt gerade über die Brücke zu steuern, riss der Fahrer das Lenkrad nach rechts, in Richtung Gehweg. Warum? Wollte er einem bremsenden Auto ausweichen? Verwechselte er Brems- und Gaspedal, wie er später den Rettungskräften sagte? Lag es an seiner Erkrankung, der Multiplen Sklerose? All das sind Fragen, die in einen Gerichtssaal gehören. Das Verfahren soll bald beginnen.

"Es war nur ein Schatten", sagt Shukrije Kinolli. "Dann krachte es."

Um 16.48 Uhr schoss der Volvo über die hohe Bordsteinkante, auf Kinolli, die Kinder und eine ältere Dame zu. Der Buggy mit Aida verschwand unter dem Auto. Als der Volvo am Brückengeländer zum Stehen kam, schauten nur noch die Griffe hervor. Die Mutter, den Neffen, die ältere Dame, sie alle rammte der Wagen zur Seite. Den Neffen erwischte es schwer, sein Becken splitterte. Nicht aber der Kopf wie bei Aida.

In diesem Moment, in dem Aidas Leben zerbrach, schaltete das Bewusstsein der Mutter in einen Überlebensmodus. Trotz ihrer Verletzungen stand sie auf. Shukrije Kinolli schlug auf die Motorhaube, sie schrie: "Fahr zurück!" In ihrem Wohnzimmer haut sie mit der flachen Hand auf den Couchtisch. "Jetzt fahr endlich zurück!"

Er setzte zurück, und sie sah ihre Tochter. Aida gab keinen Laut von sich. Sie atmete nur noch schwach. Ihre Mutter nahm sie hoch, schüttelte sie. "Aida! Aida!"

Menschen können in solchen Momenten nichts mehr filtern, Sinneseindrücke jagen unverarbeitet in die tiefsten Regionen des Gehirns. Sie sind es, auf denen ein Trauma gedeiht. Was ein Betroffener dann wahrnimmt, begleitet ihn meist ein Leben lang.

Bis heute habe ich die Stimmen der Leute im Ohr. Die streiten sich mit Polizisten. Warum? Warum, verdammt? Warum streiten die sich, während meine Tochter stirbt?

Shukrije Kinolli nahm wahr, wie ihre Tochter starb. Sie sah, wie eine Frau zu ihr lief. "Bitte hören Sie auf zu schütteln!"

"Dieser Frau bin ich dankbar", sagt sie im Wohnzimmer. "Ich wusste ja nicht, wie ich meiner Tochter helfen kann."

Aber sie sah in diesen Sekunden auch, wie die Menschen einen Kreis bildeten, wie alle auf sie und ihr Kind starrten, das inzwischen vor ihr auf dem Boden lag, wie der Kreis sich fast schloss, als würden sie umzingelt. "Ich weiß, dass diese Menschen das taten, weil sie geschockt waren", sagt sie. "Aber damit ging es ja erst los."

Sie taumelte durch diesen Kreis. "Ich war kurz davor umzukippen. Ich habe nur geschrien: Mein Kind stirbt, mein Kind stirbt!"

Eine Minute nach dem Unfall ging der Notruf ein, abgegeben von einem der Passanten. Eine Polizeistreife raste los. Zugleich wurde die Feuerwehr alarmiert. Sechs Minuten nach dem Unfall beugten sich Rettungsassistenten über Aida. Die Polizisten nahmen Flatterband und sperrten die Brücke von beiden Seiten ab. Sie drängten den Kreis der Zuschauer zurück.

Manche hielten Handys hoch

Um Shukrije Kinolli und ihre Tochter bildeten sich zwei Räume. Der innere Raum war die Brücke, dort rannten Feuerwehrleute, Polizisten, Ärzte umher. Im äußeren Bereich hinter den Flatterbändern versammelten sich die Zuschauer. Jede Minute wurden es mehr, Menschentrauben bewegten sich aus der nahe gelegenen Fußgängerzone zur Brücke, um zu schauen, was los war. Das Gleiche passierte auf der anderen Seite der Brücke, wo ein großer Spielplatz liegt. Am Ende waren es mehrere Hundert Menschen, so schätzen es die Feuerwehrleute im Rückblick. Manche hielten Handys hoch, ärgerten sich, dass sie keinen guten Blick auf die Unfallstelle hatten, weil Feuerwehrleute inzwischen Decken in die Höhe hielten. Ein paar Leute rannten ein Stück den Fluss entlang, um von dort einen Blick zu erhaschen.

Feuerwehrleute Nicolas Reichel und Ron Heimann

Feuerwehrmann Nicolas Reichel (r.) wollte die Mutter abschirmen. Gaffer drohten ihm deshalb Prügel an. Sein Kollege Ron Heimann leitete den schwierigen Einsatz

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Im inneren Raum arbeitete zum Beispiel der Feuerwehrmann Nicolas Reichel. Sein Auftrag war es, sich um Shukrije Kinolli zu kümmern, während die anderen Rettungskräfte mit ihren Fingern auf Aidas Brust drückten, versuchten, sie am Leben zu halten, obwohl sie keine Hoffnung hatten.

"Ich bin in der Zeit immer der Mutter hinterher. Sie rannte rum, völlig orientierungslos", sagt Reichel. Er steht wieder auf der Brücke. Er ist noch jung, Mitte 30, seit einigen Jahren erst bei der Feuerwehr. Davor war er bei der Bundeswehr. Eigentlich reizen ihn Situationen, die schwer zu kontrollieren sind. Er will dann Ordnung ins Durcheinander bringen. Doch die Stunden auf der Brücke haben ihn verstört.

"Die Zuschauer filmten die Mutter. Manche wollten durch die Absperrung, um bessere Bilder zu bekommen. Ich war nur damit beschäftigt, die Frau zu schützen. Sie lief immer wieder los, manchmal auch hinter die Absperrbänder. Und immer folgte ihr eine Traube Menschen. Ich habe versucht, die Mutter abzuschirmen. Wollte sie in den Rettungswagen bringen, damit sie sicher ist, aber im Wagen war es ihr zu eng. Und während ich sie immer wieder einfangen wollte, musste ich mir durch die Menschenmasse den Weg bahnen. Ich sagte den Leuten: Gehen Sie doch bitte beiseite, gehen Sie weiter. Aber es kamen Sprüche wie: 'Zieh deine Kutte doch aus. Komm her, wir können uns gerne prügeln'." 

Gaffer? Schaulustige? Zuschauer?

Für Mutter Kinolli verschwimmen diese Minuten im Rückblick. "Nach dem Unfall konnte ich mich an nichts erinnern. Es hat gedauert, bis die Bilder der Zuschauer in meinem Kopf zurückkamen", sagt sie in ihrem Wohnzimmer. "Aber heute habe ich die Stimmen der Leute im Ohr. Die streiten sich mit den Polizisten. Warum? Warum, verdammt? Warum streiten die sich, während meine Tochter stirbt?"

Jeder Unfall ist auch ein Spektakel. So war das schon im Zeitalter von Pferden und Kutschen. Heute ist das Spektakel größer, weil die Unfälle seltener, aber dafür dramatischer geworden sind. Die Lastwagen werden schwerer, die Autos schneller, aber der Mensch ist so verletzlich wie eh und je.

Feuerwehr vertreibt Schaulustige

Immer wieder versuchen die Feuerwehrleute, die Menge aufzulösen. Sobald sich die Beamten umdrehen, kehren die Verscheuchten zurück

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Auch auf der Brücke wurde das Spektakel immer größer. Ein Rettungshubschrauber flog herbei. Die Rotorengeräusche schallten durch die Stadt und zogen noch mehr Menschen an.

Es gibt Fotos und Videos, die all das zeigen, auch die Menschenmengen hinter den Absperrbändern. Denn Minuten nach dem Unfall waren auch Journalisten vor Ort. Eines der Fotos, das auf der Brücke entstand, taucht Monate später in einem Vorlesungsraum der Medical School Hamburg auf. Harald Karutz, Professor für Rettungsmanagement, hat es an die Wand gebeamt. Es ist das Titelbild seiner Präsentation geworden. Karutz ist gelernter Rettungsassistent, fuhr 20 Jahre im Krankenwagen, bevor er Hochschullehrer wurde. Jetzt bildet er Leiter von Rettungswachen aus.

Auf dem Foto drängen sich die Zuschauer hinter dem Absperrband. Mit dem Laserpointer geht Karutz die Leute ab. "Der hier", ruft er in den Raum. "Was denkt er wohl? Geil? Endlich was zu gucken? Oder sie hier? Sie kaut Fingernägel. Hat sie Angst?" Die Studenten schauen ihn ratlos an. "Ich will damit sagen, dass wir unterscheiden müssen. Die Menschen haben unterschiedliche Gründe hinzuschauen. Und nur wenige haben schlechte Gründe."

Das Schlimmste ist, zu wissen, dass es Menschen gibt, die ein Bild oder ein Video meiner sterbenden Tochter haben.

Manche schauen, sagt Karutz, weil sie die Retter bewundern, weil es sie beruhigt, zu sehen, dass Hilfe da ist. Andere stehen nur dort, weil sie zur Gruppe gehören wollen. Oder weil Hubschrauber sie faszinieren. Karutz hasst deswegen das Wort "Gaffer". Auch der Begriff der Schaulustigen ist ihm zuwider, weil er den Leuten unterstellt, Lust zu empfinden. Er formuliert so neutral wie möglich, nennt die Menschen "Zuschauer". Er will die Hysterie aus dem Thema nehmen, um zu erkennen, was dann übrig bleibt. Was das Problem ist.

"Kein Problem ist, dass Leute hinschauen", sagt er. "Stellen Sie sich das Gegenteil vor: Auf der Autobahn passiert ein schlimmer Unfall. Aber niemand bremst ab, alle fahren einfach weiter, gucken geradeaus, als wäre nichts passiert. Das wäre grässlich!"

Doch ein paar Folien weiter zeigt er ein Smartphone, das eine Unfallstelle filmt. Da weicht seine Gelassenheit. "Das hier gab es früher nicht. Das ist kritisch!"

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Die Stimmung ist aggressiver geworden

Das Schlimmste, sagt Shukrije Kinolli, sei das Gefühl, "dass es Menschen gibt, die ein Bild oder ein Video meiner sterbenden Tochter haben. Ich habe gehört, dass ein Foto auf Facebook gepostet wurde. Allein dieser Gedanke ist schlimm für mich. Ich weiß, wie meine Tochter verletzt war, und wenn man von ihr noch ein Bild ... Ich will nicht, dass jemand meine Tochter so sieht! Was haben denn die Leute davon? Was ist, wenn die an meiner Stelle gewesen wären? Ich will mich an mein Kind erinnern, aber ich versuche immer wieder, nicht an das Bild ihrer Verletzungen zu denken. Und die Leute haben Fotos oder Videos davon!"

Im Internet gibt es Foren und Kanäle, auf denen die Nutzer Katastrophenbilder austauschen. "Car Crash Compilation" nennt sich das zum Beispiel bei Youtube. Die Bilder, die einem dort die größte Anerkennung verschaffen, zeigen zerbeulte Autos mit zerquetschten Menschen. Ein überfahrener Radfahrer. Daumen hoch. Die Wracks und die Toten werden in dieser Welt zu Trophäen, für die es lohnt, an Unfallstellen mit dem Smartphone zu lauern.

Eine der schwierigsten Situationen auf der Brücke war deshalb der Moment, in dem sie Aida wegtrugen, sie aus dem Schutz der Decken nahmen und zum Krankenwagen brachten. Acht Feuerwehrleute schirmten die Trage ab, damit die Zuschauer mit ihren Handys kein Bild von Aida ergattern konnten. Heutzutage werden häufig weitere Krankenwagen gerufen, nicht um den Verletzten zu helfen, sondern damit die Besatzungen Decken halten. Manchmal lässt die Feuerwehr auch einen Polizeihund kommen, der ihnen Respekt verschafft. Die Stimmung an den Einsatzstellen ist aggressiver geworden. Das belegen Statistiken. Manchmal eskaliert die Situation, weil irgendwer ein Video für Facebook drehen will.

Auf der Brücke arbeiteten etwa 30 Feuerwehrleute und Seelsorger plus zehn Polizisten. "Der gleiche Unfall auf dem freien Feld, und wir brauchen viel weniger Leute", sagt Feuerwehrmann Ron Heimann, der damals die Rettung leitete. Er hat den Einsatzbericht mit auf die Brücke gebracht. "Hier", sagt er, als er durch die Seiten blättert. "Später mussten wir auch einen Radfahrer behandeln, der während der Fahrt filmte und dabei hinfiel." 

Regierung plant Gesetzesänderung

Die Brücke hatte aber auch einen Vorteil: Sie ließ sich zu beiden Seiten absperren. Ein Jahr zuvor war ein anderes Kind in Hagen angefahren worden, an einem Fußgängerüberweg neben dem Bahnhof. Das Kind lag schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt auf einer Verkehrsinsel. Den Verkehr umleiten konnte man nicht, also griff man zu den Decken. Manche Zuschauer hielten ihre Handys darüber. Andere machten es nach. Ein paar hoben gar ihre Kinder hoch.

Es gibt noch extremere Beispiele. Zwei Wochen vor dem Unfall in Hagen stand ein Mann auf dem Vordach eines Hotels in Baden-Baden. Er schien verwirrt zu sein, drohte, vom Dach zu springen. Die Polizei raste zum Hotel. Als die Polizisten Thomas Hettler und Jens Plewnia den Mann beruhigen wollten, versammelten sich unten Dutzende Leute. Einige zielten mit ihren Handys nach oben. Hettler und Plewnia sind einiges gewohnt. Aber dann hörten sie aus der Menge einen Ruf: "Spring! Spring doch!" Erst dachten sie, nicht richtig gehört zu haben. Doch der Ruf kam wieder. Drei, vier Mal. Wer rief, wissen sie nicht. Sie hatten Wichtigeres zu tun. Redeten dem Mann zu, er solle vernünftig sein. Konnten ihn in einem günstigen Moment packen und zurück ins Hotelzimmer ziehen.

Zwei Polizisten

In Baden-Baden drohte ein verwirrter Mann, von einem Hotel zu springen. Polizist Thomas Hertler (l.) hörte die Rufe aus der Menge: "Spring! Spring doch!"

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Selbst wenn die Polizisten wüssten, wer gerufen hat, anzeigen könnten sie ihn nicht. Die Aufforderung zum Suizid ist keine Straftat. Das will Baden-Württembergs Justizminister seitdem ändern. Das Bundesjustizministerium prüft die Idee.

Auch Gaffen ist nicht strafbar. Nur wer die Retter bei ihrer Arbeit behindert, kann verurteilt werden. In Hagen hätte die Polizei Platzverweise erteilen können, wenn sie denn die Zeit gehabt hätte. Das Filmen von Unfallopfern wurde erst 2015 unter Strafe gestellt – heute drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis. Aber der Paragraf erstreckt sich nur auf lebende Opfer, nicht auf verstorbene. Das wollen Bundesrat und Bundesregierung bald ändern.

Was aber bleiben wird, ist die Frage, wer die Anzeigen formulieren soll, wenn die Beamten schon darum ringen müssen, das Flatterband zu bewachen.

Die Videos geistern durchs Internet

Auf den Videos von der Brücke sieht man die verzweifelten Feuerwehrleute, wie sie versuchen, die Leute zu verscheuchen. Ein älterer Mann im Anzug steht da, seine Handykamera läuft. "Gehen Sie vielleicht mal hier weg", sagt der Feuerwehrmann. "Wir arbeiten hier. Und Sie haben hier, glaube ich, nichts verloren." Im Hintergrund hört man die Schreie der Mutter. Man sieht auch, wie die gerade Verscheuchten wieder zurücklaufen, sobald sich der Feuerwehrmann umgedreht hat.

Shukrije Kinolli kennt viele dieser Sequenzen. Sie geistern durchs Internet. Werden niemals gelöscht. Auf Youtube schreibt ein Nutzer: "Ich war da." Ein anderer: "Passiert." Aidas Vater hielt das nicht aus. Er antwortete: "Sie war mein Kind." 

Auch die lokalen Medien zeigen bis heute Fotos der Unfallstelle. Es werden wieder mehr werden, wenn der Prozess gegen den Fahrer beginnt. "Wenn ich das sehe, kommt alles wieder hoch", sagt Kinolli. "Da ist mein Kinderwagen, meine Tasche, das Käppi meines Neffen, die Jacken, der Schnuller." Sie klingt resigniert, sie weiß, dass die Bilder nicht mehr verschwinden werden.

Es waren eben nicht nur Passanten, die dort fotografierten, sondern auch Journalisten. Alex Talash zum Beispiel. Er ist spezialisiert auf Großlagen, immer vor Ort, wenn die Feuerwehr etwas zu tun hat.

Er beliefert Zeitungen und TV-Sender, die wiederum uns alle beliefern. So lief das schon vor dem Smartphone-Zeitalter. Auch der stern verbreitet Fotos von Katastrophen und Unfällen. Die Medien wollen informieren, das ist ihre Aufgabe. Aber es ist immer eine Gratwanderung, denn zugleich bedienen sie Sensationsgier und Schaulust; und manchmal wecken sie die erst. Seriöse Medien halten sich immerhin an Regeln, deren Journalisten müssen sich ausweisen, Persönlichkeitsrechte der Betroffenen wahren, dürfen zum Beispiel kein Opfer so zeigen, dass es erkennbar ist.

Über Alex Talash sagen die Feuerwehrleute, er halte sich an die Regeln. Immer häufiger filmt er nicht nur die Unfallstelle, sondern auch die Zuschauer. "Manche spreche ich an, warum sie hier filmen", sagt er. "Und sie filmen einfach wortlos weiter." So filmen sie sich gegenseitig.

Doch die Grenzen zwischen professionellen Journalisten und filmenden Gaffern verschwimmen. Spätestens seit die "Bild"-Zeitung sogenannte Leserreporter für Fotos honoriert oder Medien auf die sozialen Profile von Augenzeugen verlinken. Oft wird dabei vergessen, Nummernschilder unkenntlich zu machen. So passierte es auch in Hagen. Der Unfallfahrer soll danach Morddrohungen bekommen haben.

Sichtschutzwände werden angeschafft

"Letztens hat sogar die Presse einen nackten Menschen während der Reanimation gefilmt", sagt Feuerwehrmann Heimann. "Warum macht die das? Das gehört sich nicht. Da kriege ich auf die Presse den gleichen Hass wie auf die Schaulustigen."

Heimann muss damit leben, dass er im Einsatz fotografiert und gefilmt wird. "Das ist okay", sagt er. "Aber es kann zu viel werden. Wenn jeder Handgriff per Livestream ins Netz gestellt wird, dann schafft das bei uns Kopfdruck. Es gibt ja auch keinen Livestream aus dem OP-Saal." 

Die Feuerwehr in Hagen hat nach dem Unfall fast zwei Meter hohe Sichtschutzwände angeschafft. So machen es gerade Rettungswachen überall im Land.

Erst als auf der Brücke alle Verletzten abtransportiert waren, flaute das Interesse ab. Ein Krankenwagen brachte Aida in die Klinik, ein anderer später ihre Eltern.

"In der Klinik war so eine Art Kapelle", erinnert sich die Mutter. "Ein Arzt sagte nur: 'Es tut mir leid, sie hat es nicht geschafft.' Mein Mann ist auf den Boden gefallen. Ich habe geschrien: 'Lassen Sie mich zu meinem Kind!' Habe die Tür aufgerissen, und dann lag sie da. Ich habe mich mit ihr stundenlang in der Kapelle hingelegt, habe ihr Gesicht verdeckt mit einer Decke. Es kamen so viele Verwandte. Ich wollte, dass niemand sie so sieht."

Über Facebook gelangten in diesen Stunden Fotos und Videos von der Brücke bis zu ihren Eltern in den Kosovo. Cousins riefen in Deutschland an, weil sie Angst hatten, dass auch die Mutter tot sein könnte, so laut, wie sie geschrien hatte.

Am nächsten Tag beerdigten sie Aida, eingehüllt in ein Tuch, wie es ihre Religion verlangt. Es war eigentlich der Tag, an dem sie ihren ersten Geburtstag feiern wollten.

Shukrije Kinolli hat eine Bitte

Shukrije Kinolli ist oft am Grab. Über die Monate hat sie gelernt, wieder über die Brücke zu gehen, deren Geländer noch immer verbeult ist. Was soll sie auch machen? Der Umweg wäre zu groß. Umziehen wollte sie nicht, weil die Wohnung auch schöne Erinnerungen bereithält.

Sie erzählt, wie viele Blumen in den Tagen danach auf der Brücke lagen, die vielen Kuscheltiere. Sie lächelt, während die Tränen noch laufen. Die Menschen waren auch gut zu ihr und ihrer Familie. Sie ist ihnen dankbar. Den Beamten und Sanitätern sowieso. An all die anderen, die auf der Brücke waren, eigentlich an alle, die jemals Zeuge eines Unfalls werden, richtet sie eine Bitte: "Wer helfen kann, gut. Wer nicht, der soll einfach weitergehen. Geht doch bitte einfach weiter!"

Dass sie sich nichts angetan habe, verdanke sie ihrem Mann. "Und dem Glück, dass wir wieder ein Kind bekommen haben." Diesmal einen Jungen, er ist ein paar Monate alt. Sie legt ihn auf ihren Schoß. "Die gleichen Augen. Und die gleichen Haare", sagt sie. "Wir haben ihn Almir genannt. Das heißt: der Prinz. Wir wollten wieder einen Namen mit A." In Almirs Zimmer hängen noch die rosafarbenen Gardinen von Aida. "Wir schaffen es nicht, sie abzunehmen."

Wenn sie mit Almir über die Brücke geht, läuft sie immer neben dem Wagen zur Straße hin.

Sie will ihm ein Schutzschild sein.

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Mitarbeit: Ingrid Eißele