VG-Wort Pixel

IS-Geisel Aschwaq Taalo Geflohene Jesidin klagt an: "Das Schlimmste ist, dass sie mir nicht geglaubt haben"

Aschwaq Taloo zeigt vor dem Lalisch-Schrein im Nordirak Bilder von Opfern aus ihrem Dorf
Aschwaq Taloo zeigt vor dem Lalisch-Schrein im Nordirak Bilder von Opfern aus ihrem Dorf
© AFP
Monate lang vergewaltige ein IS-Terrorist eine junge Jesidin. Die 18-Jährige konnte nach Schwäbisch Gmünd fliehen. Doch ausgerecht in der schwäbischen Stadt traf sie ihren Peiniger wieder. Hat der deutsche Rechtsstaat versagt?
Von Steffen Gassel

"Ich will keine Tabletten, ich will Gerechtigkeit. Ich will, dass man mich ernst nimmt", sagt die Irakerin Aschwaq Taalo im Gespräch mit dem stern. Zweimal, Anfang 2016 und im Februar 2018, habe ihr ehemaliger IS-Peiniger aus dem Irak, Abu Humam, ihr in Schwäbisch Gmünd aufgelauert. Nach der letzten Begegnung ging sie auf Vermittlung einer dortigen Sozialarbeiterin zur Polizei.

Zweimal habe sie Beamten der baden-württembergischen Landespolizei gegenüber detaillierte Angaben über die Begegnungen mit Abu Humam gemacht. Doch sie habe jedes Mal gespürt, dass Zweifel an ihren Angaben im Raum gestanden hätten. "Ich kenne doch den Mann, der mir das angetan hat. Seinen Körperbau. Das Muttermal über der Oberlippe", sagt die junge Jesidin.

Als Sex-Sklavin für 100 Dollar verkauft

Im August 2014 hatten Kämpfer des Islamischen Staates ihr Dorf im Nordwesten des Irak überfallen und 77 Menschen verschleppt. Sie wurde wenig später für 100 US-Dollar als Sex-Sklavin und Haushälterin an ein irakisches IS-Mitglied verkauft. Der Mann war unter dem Kampfnamen Abu Humam bekannt.

Nach drei Monaten konnte ihr Vater sie durch Vermittlung arabischer Bekannter für 5500 US-Dollar aus der IS-Gefangenschaft freikaufen. Im Sommer 2015 kam Taalo im Rahmen des "Sonderkontingents Nordirak" der baden-württembergischen Landesregierung nach Deutschland. Sie lebte seither in Schwäbisch Gmünd.

Ihr Psychologe hält ihre Aussage für wahr

Taalos deutscher Psychotherapeut hält die Aussagen seiner Patientin zu ihren Begegnungen mit Abu Humam für "absolut glaubwürdig". Es gebe bei Traumatisierten zwar das Krankheitsbild der "illusionären Verkennung", sagte der Diplompsychologe. "Solche Täuschungen treten aber eher im ersten halben Jahr nach einem traumatischen Erlebnis auf. Ich bin mir sicher, dass sie in der Lage war, den Mann eindeutig zu erkennen." In seiner Praxis nahe Schwäbisch Gmünd behandelt der Psychologe viele traumatisierte Jesidinnen.

Zum Schutz der Patientinnen wollte der Psychologe anonym bleiben. Übergriffe sunnitischer Araber auf jesidische Flüchtlinge seien auch aus dem Einzugsgebiet seiner Praxis bekannt. Aus Angst trauten sich viele Jesiden beispielsweise nicht mehr zu den lokalen Tafeln.

Auch andere Opfer erkannten den IS-Terroristen wieder

Zu einer Befragung im Landeskriminalamt in Stuttgart habe er Aschwaq Taalo begleitet. "Die Beamten waren professionell und freundlich, aber auch etwas unsicher", sagt der Therapeut. Anschließend hätten einige ihn in der Cafeteria des Landeskriminalamts gefragt, ob er sich vorstellen könne, dass Taalo einen anderen bärtigen Mann fälschlicherweise für Abu Humam gehalten habe.

Eine ebenfalls im der Region Stuttgart ansässige Jesidin aus dem Nordirak berichtet exklusiv im stern von einer ähnlichen Begegnung mit ihrem ehemaligen IS-Geiselnehmer. Vergangenes Jahr sei er ihr beim Einsteigen in die Straßenbahn begegnet. "Er lief an mir vorbei, trug eine Cap auf dem Kopf", sagt die 28-Jährige. Zur Polizei sei sie nicht gegangen. "Was sollte ich denn tun? Ich hatte doch keine Beweise." Es gebe aber "noch andere wie uns, denen ihre Peiniger hier in Deutschland begegnet sind."

Aus Kreisen der jesidischen Community erfuhr der stern, dass außer Aschwaq Taalo noch weitere Ex-Geiseln Abu Humams mit dem baden-württembergischen "Sonderkontingent Nordirak" nach Deutschland gelangt sein sollen. Mehrere von ihnen hätten angegeben, den Mann in Deutschland gesehen zu haben.

Mehr zum Thema lesen Sie im neuen stern.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker