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Die Geschichte von Aschaq Taalo: Sie begegnete in Deutschland mitten auf der Straße dem IS-Kämpfer, der sie vergewaltigte

In Schwäbisch Gmünd sah die 18-jährige Jesidin den IS-Terroristen, der sie monatelang vergewaltigt hatte. Aus Angst floh sie zurück in den Irak. Hat der deutsche Rechtsstaat versagt?

Von Christine Frischke, Steffen Gassel und Düzen Tekkal

Schwäbisch Gmünd: Der Fall der jungen Jesidin Ashwaq Taalo

Aschwaq Taalo lebte mit Mutter und Bruder in Schwäbisch Gmünd. Sie  zeigt vor dem Lalisch-Schrein im Nordirak Bilder von Opfern aus ihrem Dorf. Sie wurden 2014 vom IS verschleppt – wie sie  

Das städtische Hallenbad liegt nebenan. Bis zum pittoresken Marktplatz – einem der schönsten Süddeutschlands, wie die Einheimischen nicht ohne Stolz betonen – läuft man eine Viertelstunde. Die Schule, Ausbildungsbetriebe, die engagierten Sozialarbeiterinnen der "Projektstelle für Integration" am Bahnhof, alles nur eine kurze Busfahrt entfernt. Für eine vom "Islamischen Staat" (IS) entführte und als Sexsklavin verkaufte junge Frau, die hoffte, ihre grausamen Erinnerungen hinter sich und ihre Seele heilen zu lassen, hätte ihre neue Adresse in Schwäbisch Gmünd ein guter Zufluchtsort sein können.

Doch für die 18-jährige Irakerin Aschwaq Taalo, so viel steht fest in dieser so verworrenen wie tragischen Geschichte, sind dieses Haus und diese Stadt zum Tor zurück in genau die Hölle geworden, der sie entronnen zu sein glaubte. Zu einem Ort solchen Schreckens, dass sie lieber an den Ursprung ihres Martyriums zurückkehrte, als weiter hierzubleiben.

Schwäbisch Gmünd: Der Fall der jungen Jesidin Ashwaq Taalo

Aschwaq Taalo lebte mit Mutter und Bruder in Schwäbisch Gmünd. Sie  zeigt vor dem Lalisch-Schrein im Nordirak Bilder von Opfern aus ihrem Dorf. Sie wurden 2014 vom IS verschleppt – wie sie  

Freikauf für 5500 US-Dollar

"Asifa Khalaf Taalo Taalo": Der Name der Mutter steht noch am Briefkasten von Apartment 21. Doch die Taalos – die beiden Frauen und Aschwaqs 14 Jahre alter Bruder – wohnen schon seit Monaten nicht mehr hier. "Camp Essian" heißt ihre neue Adresse. 3000 Zelte, 15.000 Menschen, umgeben von Maschendraht, mitten in den Killing Fields des Nordirak. "Sicher", sagt Aschwaq Taalo, "fühle ich mich auch hier nicht." Aber wenigstens bewachen bewaffnete Polizisten die Zugänge und schaffen einen Anschein von Kontrolle auf dem halben Quadratkilometer steiniger Einöde. Anders als in Deutschland, wo die Terroristen jederzeit auftauchen konnten, im Supermarkt, in der Straßenbahn, sogar vor der eigenen Haustür. "Niemals kehre ich dorthin zurück", sagt Aschwaq Taalo.

Seit Tagen kommt sie kaum zur Ruhe. Alle Welt will die Geschichte des Flüchtlingsmädchens hören, das aus dem sicheren Deutschland zurück in den Irak floh.

Das Video eines Interviews, das sie einem kurdischen Zeitungsjournalisten gab, hat sich über soziale Medien rasend schnell in alle Welt verbreitet. Seitdem hört das Handy ihres Vaters, über das auch der stern Aschwaq Taalo mehrmals in diesen Tagen erreicht, nicht mehr auf zu klingeln. Irakische und ausländische Fernsehteams drängen ins Lager. Mit durchgedrücktem Kreuz und offenem, selbstbewusstem Blick sitzt sie vor der mit Teppichen verhängten Zeltwand und erzählt die unglaubliche Geschichte, wie sie der IS im Land von Angela Merkel heimsuchte.

Jesiden fliehen im August 2014 vor den vorrückenden IS-Terroristen

Jesiden fliehen im August 2014 vor den vorrückenden IS-Terroristen

Sie ist auf dem Heimweg von einem Stadtbummel nach der Schule, als ihr ein arabisch aussehender Mann Anfang 2016 bis vor das Haus in der Goethestraße folgt. Sofort ist ihr klar: Das ist jener Abu Humam, der sie 2014 für 100 US-Dollar auf dem Sklavenmarkt gekauft hatte. Wenige Tage zuvor hatten IS-Kämpfer ihr Dorf im Norden nahe der Grenze zu Syrien erobert und sie mit 76 anderen Einwohnern verschleppt. Drei Monate lang hält er sie und andere Jesidinnen als Haushälterinnen und Sexsklavinnen. Dann gelingt es ihrem Vater durch Vermittlung arabischer Nachbarn, sie für 5500 US-Dollar freizukaufen.

"Da hast du dich geirrt", sagt die Mutter, als sie panisch in der Wohnung in Schwäbisch Gmünd steht. "So etwas gibt es in Deutschland nicht." Aschwaq versucht zu vergessen. Doch dann, im Februar 2018, lauert er ihr erneut auf. In der Mittagspause ihres Schulpraktikums in einem Friseurbetrieb ist sie unterwegs zum nahen Netto-Supermarkt. Sie daddelt gerade auf dem Handy, da hält ein weißes Auto mit zwei Männern an. Einer, so erzählt sie, steigt aus und ruft ihr auf Deutsch zu: "Bist du Aschwaq? Ich bin Abu Humam, und ich kenne dich. Ich weiß, dass du seit 2015 in Deutschland lebst. Lüg nicht, ich weiß, du bist es."

Mit Mutter und Bruder in Schwäbisch Gmünd

Von diesem Moment an fällt die kleine heile deutsche Welt, die sie bis dahin gegen die Erinnerung aus dem Irak verteidigt hat, wie ein Kartenhaus zusammen. Stück für Stück verschwindet die deutsche Aschwaq, die selbstbewusste Schülerin der Gmünder Gewerblichen Schule, die im Sommer ihren Hauptschulabschluss schaffen will und dann Friseurin oder Krankenschwester werden möchte.

Zum Vorschein kommt wieder die alte Aschwaq, die Jesidin. Angehörige einer uralten Glaubensgemeinschaft des Nordwestirak, weder Christen noch Muslime, die Gottes Erzengel in Form eines Pfaus anbeten. Von jeher hat die muslimische Mehrheit die Glaubensgemeinschaft als Ketzer und Teufelsdiener geächtet und verfolgt. Ihre Geschichte katalogisieren die Jesiden als eine Serie von Genoziden. Trauriger Höhepunkt: der August 2014, als Milizen des IS Tausende ermorden und mehr als 7000 in die Sklaverei verschleppen. Gut die Hälfte von ihnen ist bis heute verschollen. Seit der Begegnung am Netto-Markt drängt sich das Trauma ihres Volkes in Aschwaq Taalos deutsches Leben. Plötzlich hört die Schülerin auf, sich zu schminken. Man kann ihr die Angst jetzt ansehen.

1100 Opfer wurden 2015 von Baden-Württemberg aufgenommen, zum Beispiel in Schwäbisch Gmünd

1100 Opfer wurden 2015 von Baden-Württemberg aufgenommen, zum Beispiel in Schwäbisch Gmünd

In einer Beratungsstelle für traumatisierte Flüchtlinge, eine knappe Stunde von Schwäbisch Gmünd entfernt, tippt am vergangenen Freitagnachmittag ein Diplompsychologe mit zittrigen Fingern ihre Nummer in sein Handy. Der Endfünfziger mit Brille und kariertem Hemd möchte unerkannt bleiben, denn er fürchtet um die Sicherheit seiner Patientinnen. Jahrelang haben er und sein Beratungsteam Aschwaq und ihre Mutter betreut. Auch viele andere jesidische Frauen und Kinder sind bei ihm in psychologischer Behandlung, seit die Landesregierung von Baden-Württemberg 1100 jesidische Überlebende des IS-Terrors in einer einzigartigen Hilfsaktion nach Deutschland holte.

Als Aschwaq sich im Frühjahr das letzte Mal bei ihm gemeldet hatte, war sie schon im Irak. "Sie sagte, sie müsse sich um eine kranke Verwandte kümmern. Wir haben uns keine Sorgen gemacht", sagt er. Damals ging er noch davon aus, sie würde bald zurückkehren. Das tat sie kurz darauf auch. Aber nur, um Mutter und Bruder nachzuholen, die bei ihrer Abreise Ende März in Schwäbisch Gmünd zurückgeblieben waren. Für die Flugtickets hatte sie sich bei Verwandten im Irak verschuldet.

Wochenlang unter Schock

Der Psychologe ist überrascht zu hören, dass inzwischen alle drei Taalos zurück im Irak sind. Aschwaqs Mutter hat im September eigentlich den nächsten Therapietermin bei ihm. "Sie hat sich so viele Sorgen gemacht", sagt die Tochter, deren Gesicht auf dem Handydisplay erscheint. "Seit ich den Mann im Februar zum zweiten Mal gesehen hatte, habe ich mich nicht mehr allein aus dem Haus getraut."

An Aschwaqs Zustand nach der Begegnung vor dem Supermarkt erinnert sich der Therapeut bis heute. "Sie stand eine ganze Woche lang unter Schock", erzählt er. Erst auf Drängen einer Sozialarbeiterin hatte sie Tage später die Polizei eingeschaltet. Die Beamten versicherten Aschwaq, alle Orte, an denen sie sich aufhält, mit dem Streifenwagen abzufahren. "Ob sie in diesem Schockzustand verstanden hat, dass ihr Hilfe angeboten wurde, bezweifle ich", sagt der Psychologe heute über diese Situation. Zu einer zweiten Zeugenanhörung im Landeskriminalamt von Stuttgart, bei der nach ihren Angaben ein Phantombild Abu Humams angefertigt wurde, begleitete er sie. "Die Beamten waren professionell und freundlich, aber auch etwas unsicher", sagt der Psychologe. "Sie erkundigten sich, wie man eine traumatisierte Frau am besten interviewt." Später sprachen zwei mit dem Fall befasste Beamte ihn in der Caféteria des LKA an. Ob er sich vorstellen könne, dass Aschwaq sich irre, wollten sie von ihm wissen. Könnte es nicht sein, dass sie einen bärtigen Mann auf der Straße fälschlicherweise für ihren Peiniger gehalten habe?

Aschwaq Taalo beschrieb auch der Polizei, wie Abu Humam sie vor diesem Supermarkt bedrohte

Aschwaq Taalo beschrieb auch der Polizei, wie Abu Humam sie vor diesem Supermarkt bedrohte

"Wir nennen so etwas 'illusionäre Verkennung'", sagt der Therapeut. Das Gehirn könne so tatsächlich auf ein Trauma reagieren. "Aschwaqs Angaben halte ich aber für absolut glaubwürdig. Solche Täuschungen treten eher im ersten halben Jahr nach einem traumatischen Erlebnis auf. Ich bin mir sicher, dass sie in der Lage war, den Mann eindeutig zu erkennen."

Von staatlicher Seite aber stehen von Anfang an Zweifel im Raum an dem, was sie erzählt. Das spürt die junge Irakerin. "Das Schlimmste ist, dass sie mir nicht geglaubt haben", sagt sie. "Dabei hatte ich ihn doch genau gesehen. Ich kenne doch den Mann, der mir all diese Dinge angetan hat. Seinen Körperbau. Das Muttermal über der Oberlippe." Sie hat es satt, als traumatisiertes Opfer wahrgenommen zu werden. "Ich will keine Tabletten, ich will Gerechtigkeit. Ich will, dass man mich ernst nimmt."

Tief enttäuscht vom Rechtsstaat

Aus Sicht der deutschen Behörden ist das auch geschehen: Die lokale Polizei bindet Landeskriminalamt und Staatschutz ein. Doch die Ermittlungen stocken bald. "Abu Humam" ist eine Art Kampfname, wenn der Mann in Deutschland als Flüchtling registriert wäre, dann mit seinem zivilen Namen. Auch das Phantombild und Aschwaqs vage Personenbeschreibung – "nicht dick, nicht dünn, so lala" – bringen die Beamten kaum weiter. Anfang Juni landet der Fall bei der Bundesanwaltschaft. Da ist Aschwaq längst zurück im Irak, tief enttäuscht von einem Rechtsstaat, der ihr den Schutz, den sie erwartete, nicht gewährt hat.

Hätte Deutschland Aschwaq Taalo besser schützen können?

Um diese Frage kreist seit Tagen eine bisweilen schrille Debatte. Die "FAZ" schreibt: "Der IS-Milizionär befindet sich in Deutschland mit demselben Status wie sein ehemaliges Opfer", als sei es ihrem Reporter gelungen, den Mann zu identifizieren, nach dem LKA und Bundesanwaltschaft seit Monaten vergebens fahnden. AfD-Leute aus dem Ländle mimen auf Twitter plötzlich die Fürsprecher der im Stich gelassenen Flüchtlinge. Aschwaq legt im Interview mit "Russia Today" nach. Dass die meisten Jesiden in Baden-Württemberg untergebracht worden seien, hätte IS-Tätern in Deutschland die Fahndung nach ihren früheren Opfern erleichtert. Derweil erklärt die Bundesanwaltschaft, man habe Aschwaq gern weiter befragen wollen, das sei nach ihrer Ausreise aber nicht möglich gewesen. Dabei ist es leicht, sie im Irak zu erreichen.

Auf die meisten Jesiden, ob hierzulande oder im Irak, wirkt die deutsche Debatte bizarr. Ihre Erfahrung hat sie gelehrt, stets mit dem Schlimmsten zu rechnen. Auch in Europa. Auch in Deutschland. Erst wenige Monate ist es her, dass ein Mob aufgehetzter Muslime während des Ramadan an die 900 Jesiden aus einem Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos vertrieb. Weil sie nicht fasteten. Auch die Jagdszenen im ostwestfälischen Herford vor einigen Jahren, als radikale Salafisten Jesiden durch die Straßen hetzten, haben sie nicht vergessen. Die Jesiden sehen in Aschwaqs Fall die traurige Bestätigung: Nirgendwo sind wir sicher. Nicht einmal hier, am Rand der idyllischen Ostalb.

Geisel der Islamisten

Aschwaqs psychotherapeutische Praxis stellte vergangenes Jahr Zeichnungen aus, die eine geflüchtete Jesidin zur Traumabewältigung angefertigt hat. Auch diese Frau musste den IS-Kämpfern als Sexsklavin zu Diensten sein, immer wieder stellt sie blutige Szenen dar. Nach einigen Wochen finden sich auf der Wand hinter mehreren Bildern Hakenkreuze. Der Praxisleiter hat radikale Sunniten im Verdacht. Inzwischen versucht er, Therapiesitzungen für muslimische und jesidische Patienten so zu legen, dass sie sich nicht einmal im Wartezimmer begegnen. "Selbst wenn sie nur eine Sunnitin sehen, reagieren viele Jesidinnen mit Panik", erklärt er. Zu den Lebensmittel-Tafeln der Umgebung trauten sich jesidische Flüchtlinge schon lange nicht mehr zu gehen, weil sie von sunnitischen Arabern als Gotteslästerer und Teufelsanbeter angegriffen würden.

Zum Ende des Interviews bittet der Psychotherapeut eine jesidische Patientin ins Zimmer, wie Aschwaq eine der 1100 aus dem Sonderkontingent von 2015. Schirin*, 28, trägt das dunkle Haar zu einem Dutt gefasst, an ihrem Hals eine Silberkette mit einem Flügel als Anhänger. Auf den rechten Unterarm hat sich die Frau zwei Daten tätowieren lassen: August 2007 – damals kamen bei Bombenanschlägen auf ihr Dorf im Irak mehr als 500 Menschen ums Leben; und August 2014 – das Datum des IS-Genozids an den Jesiden.

Auch sie war eine Geisel der Islamisten, einen Monat und acht Tage lang. Als sie mitbekam, wie sich ein Mann an zwei Mädchen vergreifen wollte, stellte sie sich schützend dazwischen. Zur Strafe stießen IS-Kämpfer sie mit gefesselten Händen vom Dach des Hauses. Sie fiel vier Meter in die Tiefe. Später gelang ihr die Flucht. Bis heute leidet sie unter dem Hörschaden, den sie damals davontrug.

Auch Schirin will einen ihrer Peiniger wiedergesehen haben. In einem Vorort von Stuttgart sei er vergangenes Jahr vor ihren Augen in eine Straßenbahn eingestiegen. "Er lief an mir vorbei, trug eine Cap auf dem Kopf. Er schaute mich an, ich schaute zurück. Meinem Bruder flüsterte ich zu: Das ist einer der Männer, bei denen ich in Gefangenschaft war." Der Bruder wollte dem Mann nachlaufen. Aber sie hielt ihn aus Angst zurück. Zur Polizei ist Schirin nicht gegangen. "Was sollte die denn machen? Ich hatte doch keine Beweise."

Gesenkter Blick

"Es gibt noch andere wie uns, denen ihre Peiniger hier in Deutschland begegnet sind", sagt Schirin. Unter den Sonderkontingent-Flüchtlingen sollen noch weitere Ex-Geiseln von Abu Humam sein. Mehrere von ihnen, so heißt es in der jesidischen Gemeinschaft, hätten ihn schon gesehen. Nicht nur Aschwaq.

Draußen auf der Straße seien viele Jesidinnen wie sie aus Angst mit gesenktem Blick unterwegs. "Wir trauen uns nicht, den Menschen in die Augen zu sehen", sagt Schirin. "Sonst hätten wir längst noch mehr Täter wiedererkannt."

*Name von der Redaktion geändert

Sex-Sklavin: Junge Jesidin trifft auf ihren IS-Peiniger - mitten in Deutschland
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