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"Da waren Blutflecken": Zwei Männer klagen an: Michael Jackson soll sie in Kinderjahren sexuell missbraucht haben

War Michael Jackson einzig der "King of Pop", oder war der Musiker ein Monster? Zwei Männer erheben Anklage: Jackson soll sie missbraucht haben, als sie noch Jungen waren.

Von Jochen Siemens

Michael Jackson: Zwei Männer erheben Klage gegen den "King of Pop"

Michael Jackson vor dem Gerichtsgebäude 2005 in Santa Barbara. Rechts: Jacksons Schlafzimmer.

Er werde, sagt der Mann, nie vergessen, wie sich das anfühlte. Dieser Kopf zwischen seinen Beinen, auf den er seine Hände legen sollte. Diese verklebten Haare, dieser Kopf, "wie ein Brillo", sagt er, wie ein Topfschwamm. James Safechuck war damals sieben oder acht Jahre alt, und er war nackt. Er sagt, der Kopf zwischen seinen Beinen habe seinen Penis im Mund gehabt. Es war der Kopf von Michael Jackson.

Ein anderer Mann erzählt Ähnliches: Er sei damals sieben Jahre alt gewesen und habe den Penis dieses erwachsenen Mannes im Mund gehabt, "Ich mein, ich war sieben". Wade Robson, Australier, hatte als Fünfjähriger einen Michael-Jackson-Wettbewerb gewonnen und war von seinem Idol Jackson auf die Bühne geholt worden. Es gibt Bilder davon: Jackson, der Wade an die Hand nimmt, ihm zulächelt und ihn hinter die Bühne führt.

"On the Wall"

Michael Jackson und Kinder, früher waren das mal schöne Bilder. Jacko, der Kinderheld, der Zauberer. Früher. Nach vier Stunden des Films "Leaving Neverland" sind es möglicherweise Ausschnitte aus einem Horrorstreifen.

Als "Leaving Neverland", ein Dokumentarfilm des britischen Regisseurs Dan Reed, im Januar zum ersten Mal auf dem Sundance-Festival in den USA gezeigt wurde, waren auch psychologische Betreuer im Saal – für den Fall, dass es manchen Zuschauern zu hart und zu heftig sein würde. Hart und heftig ist der Film tatsächlich. Aber auf eine leise Art, die harmlos beginnt und sich ins Monströse steigert. Stephanie Safechuck, die Mutter von James, erinnert sich etwa an den Todestag von Michael Jackson im Juni 2009: "Ich habe getanzt. Ich habe die Nachricht gehört, mich gefreut und getanzt. Endlich sollte sich dieser Mensch nicht an noch mehr Kindern vergehen." Sie fügt hinzu: "Ich hatte einen Job: die Mutter meines Sohnes zu sein. Und ich habe versagt."

Und Joy Robson, die Mutter von Wade und heute eine offenbar einsame, beinahe gebrochene Frau, sagt: "Ich weiß nicht, vielleicht könnte ich ihm vergeben, vielleicht war er ein kranker Mensch. Aber mir kann ich nicht vergeben."

James Safechuck lernte Jackson kennen, als er ein kleiner Junge war. Der Popstar nahm ihn mit auf Reisen, wie hier mit zehn Jahren.

James Safechuck lernte Jackson kennen, als er ein kleiner Junge war. Der Popstar nahm ihn mit auf Reisen, wie hier mit zehn Jahren.

Denn sie, die Mütter, waren dabei. Und haben, glaubt man dem Film, nicht verhindert, was jede Mutter verhindern würde: ihre Kinder hinter verschlossenen Türen im Bett mit einem erwachsenen Mann, den sie kaum kannten.

Der King of Pop, Michael Jackson, gestorben 2009 im Alter von 50, ist auch zehn Jahre nach seinem Tod einer der größten Stars der Welt. Seine Musik verkauft sich weiterhin millionenfach, sein Leben vom Kinderstar zum King wird immer noch auf Musical-Bühnen der ganzen Welt inszeniert. Und ab dem 22. März zeigt die Bundeskunsthalle in Bonn die Ausstellung "On the Wall", in der sich über 40 Künstler mit der Ikone und dem Mythos Michael Jackson beschäftigen. Eine Wanderausstellung, die von der National Portrait Gallery aus London kommt.

Ist das alles glaubwürdig?

Der Vorwurf, Kinder sexuell belästigt und missbraucht zu haben, ist nicht neu und führte 1994 und 2005 zu zwei aufsehenerregenden Prozessen gegen Jackson. Der erste war der Fall Jordan Chandler, dessen Vater damals sagte, sein Sohn sei vom Popstar sexuell missbraucht worden. Das Verfahren wurde gegen Zahlung von 22 Millionen Dollar eingestellt. Der Fall Gavin Arvizo endete 2005 mit einem Freispruch, weil, so die Jury, es keine belastbaren Beweise gegeben habe.

Was ist ein Beweis, wenn sich ein Mann von Mitte 30 nackt zu einem ebenfalls nackten Siebenjährigen gelegt und masturbiert haben soll? Und wenn dieser Mann dem Kind dann gesagt haben soll, es dürfe nie, wirklich nie darüber sprechen? Denn sonst würden sie beide den Rest ihres Lebens eingesperrt.

Jackson, so erzählt Wade Robson es in der Dokumentation, habe ein gründliches Auge für alles gehabt, was ein Beweis hätte sein können. Denn einmal, Robson war schon 14, habe Jackson mit ihm Analverkehr versucht, es aber dann abgebrochen. Robson schaut in die Kamera und sagt: "Ich konnte das nicht." Am nächsten Tag habe Michael ihn aufgefordert, die Unterhose zu suchen und, wenn sie Blutflecken oder so etwas habe, sofort zu vernichten. "Ich habe sie aus dem Wäschekorb geholt und weggeworfen. Da waren Blutflecken."

Eine Fantasiewelt – und eine Falle? Jackson lockte die Jungen nach Neverland, sein Anwesen in Kalifornien.

Eine Fantasiewelt – und eine Falle? Jackson lockte die Jungen nach Neverland, sein Anwesen in Kalifornien.

Auf Neverland, Jacksons Spaßpark in den Hügeln von Santa Barbara, soll der Popstar Frühwarnsysteme installiert haben, die dann angingen, wenn er sich mit Kindern in versteckte Zimmer zurückzog. An den Treppen habe es Schnüre mit kleinen Glocken gegeben, deren Klingeln unerwartete Besucher meldeten. So erzählt Robson.

Ist das alles glaubwürdig? Oder ist Wade Robson ein Lügner, wie die Jackson-Fans in den sozialen Netzwerken toben? Schließlich habe Robson noch 2005 im Prozess gegen Jacko ausgesagt, nie von ihm unsittlich berührt worden zu sein.

Was soll dieser Michael Jackson denn Böses machen?

Michael Jackson selbst kann sich nicht mehr wehren, und Beweise gibt es tatsächlich keine. Alles, was Robson und Safechuck in dem Film ausführlich und detailliert erzählen, sind Aussagen. Wenn Jackson noch lebte und alles von sich wiese, stünde Aussage gegen Aussage. Seine Nachkommen halten Jackson für unschuldig: "Zehn Jahre nach seinem Tod gibt es noch immer Leute, die von seinem enormen Erfolg profitieren wollen", ließen sie verlauten. Aber warum, und das erzählt James' Mutter zum ersten Mal öffentlich, kaufte und schenkte Jackson der Familie Safechuck dann ein Haus, nachd

Michael führte die Jungen ein in die Glitzerwelt, in der auch Prominente wie Liza Minnelli (r,) zu Hause waren

Michael führte die Jungen ein in die Glitzerwelt, in der auch Prominente wie Liza Minnelli (r,) zu Hause waren

em James 1993 bei der Polizei zugunsten von Jackson ausgesagt hatte? Der Film legt nahe: weil sich Jackson das Schweigen, Wegsehen und Blenden immer wieder erkaufte.

Jackson, so stellt der Film dar, scheint sich angeschlichen zu haben, getarnt als Kinder-Wohltäter, als zwar spleeniger, aber doch harmloser Peter Pan. Doch laut Film war er auch ein Jäger, der seine Beute suchte bei denen, die er mit seinem Fantasiereich betäuben konnte.

Er suchte und fand sie wohl bei den Safechucks, die in einer kleinen Stadt lebten und ein mittelständisches Leben führten. Ihr Sohn traf 1987 auf Jackson, als er mit ihm in einem Pepsi-Werbespot auftrat.

Er suchte auch bei den Robsons, die in Brisbane, Australien, lebten und deren Sohn ein guter Jackson-Kinderimitator war. Jackson wusste anscheinend genau, dass er die Mütter verführen musste, um an die Kinder zu kommen. Er lud sie ein, erste Klasse nach Europa, am Flughafen wartete eine Limousine. "Es war das Leben der Reichen und Berühmten", sagt Stephanie Safechuck in der Dokumentation. Im Hotel war eine Suite für sie reserviert. Und dann das Kind, "Mama, please, kann ich bei Michael schlafen? Biittte!" – hhhm, nein, eigentlich nicht, aber ich bin ja nebenan, was soll schon passieren? Was soll dieser Michael, doch selbst ein Kind, denn Böses machen? Safechuck erzählt, wie sie nachts an der Tür gelauscht habe: "Ich hörte sie lachen, sie schauten wohl Videos." Taten sie. Auch. Aber Jackson fing bei solchen Gelegenheiten offenbar an, den Penis des Jungen zu berühren. Und selbst zu masturbieren, so sagt es der Film.

"Wir machten den üblichen Sex"

Die Kinder schwiegen, und die Mütter ahnten nichts, weil sie von ihrem neuen Leben so geblendet waren. Etwa vom Weinkeller in Neverland: "Richtig gute Weine, Champagner, das war es, was ich so genossen hatte – es war jede Nacht wie im Märchen", erzählt Mutter Safechuck. Für die Kinder aber war es ein Albtraum – danach sieht es zumindest aus in dem Film. "Mein Sohn", sagt Mutter Safechuck, "musste leiden, damit ich dieses Leben führen konnte." Leiden, was hieß das? "Wir machten den üblichen Sex", sagt Wade Robson.

Später sollen Pornos dazugekommen sein, die Michael ihnen zeigte. Und Alkohol. Und dann sah James Safechuck mit an, wie Jackson auf einmal mit einem anderen Jungen, dem achtjährigen Jordan Chandler, in den bestimmten Zimmern verschwand. "Ich wusste ja, was dort passiert. Michael hatte mich ersetzt."

Aus anderen Missbrauchsfällen, etwa in der katholischen Kirche, ist bekannt, dass die Opfer oft Jahre oder gar Jahrzehnte brauchen, um das Erlittene auszusprechen. Zu groß sind die Scham, die Blockade, das Verdrängen und auch, so absurd es klingt, die Freundschaft, an die sie mal glaubten.

Beide, Safechuck und Robson, bestätigen das. Sie sagten vor Gericht für ihr Idol aus. Sie erklären es heute damit, dass sie 2005 noch nicht bereit waren, im Angesicht ihres Peinigers dieses verstörende Geheimnis aufzubrechen. Sie hätten, wie sie sagen, auch gestehen müssen, über Jahre ihre Familien belogen zu haben.

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Das, was Robson und Safechuck vor der Kamera gefasst und verstörend sachlich erzählen, wirkt noch glaubwürdiger, wenn man ihre Schilderungen mit den Aussagen vergleicht, die 1993 gegen Jackson ermittelt wurden. Hausangestellte und Beobachter schilderten schon damals eine fragwürdige und intime Nähe von Jackson und etwa Safechuck. Ihre Aussagen hätten schon damals alarmieren müssen, aber sie wurden nicht öffentlich, weil das Verfahren gegen eine Zahlung von 22 Millionen Dollar eingestellt wurde.

Dan Reed, der Regisseur von "Leaving Neverland", ist ein angesehener britischer Dokumentarfilmer, der schon Filme über Terroranschläge und pädophile Verbrecher gedreht hat. An seinem neuen Werk arbeitete er zwei Jahre lang. Ein Jahr davon brauchte er, um die Mütter zu überzeugen, vor seiner Kamera zu sprechen. Reed erzählte dem stern: "Sie hatten dann aber den Mut, alles auszusprechen, auch ihr Versagen." Was der Film auslösen werde, das wisse er nicht, sagt Reed. "Michael Jackson war und bleibt ein großer Entertainer, kein Zweifel. Aber die Person Jackson kann man sicher neu und anders bewerten."

"Leaving Neverland"

Vor dieser Neubewertung und vor der Zerstörung des Mythos Jackson fürchten sich die Erben. Sie versuchen mit allen Mitteln, die Ausstrahlung des Films zu verhindern. Den US-Sender HBO verklagten sie auf 100 Millionen Dollar Schadensersatz. Der Film hatte bei seiner Premiere in Sundance solch einen Schock hinterlassen, dass es im Internet Sätze hagelte wie: "Ich schmeiße alle Jackson-CDs weg" oder "'Thriller' muss man jetzt anders hören".

Muss man jetzt, wenn "Beat it" im Radio läuft, an den Mann denken, der den Penis eines Siebenjährigen im Mund hat? Ist "Bad" der Song über den wahren Jackson? Und kann man in Bonn noch eine Ausstellung über die Pop-Ikone zeigen, wenn einem die blutige Unterhose von Wade Robson nicht aus dem Kopf geht?

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Rein Wolfs ist Intendant der Bundeskunsthalle. Ein bedächtiger und nachdenklicher Mann, der sagt, er sei "bestürzt" über das, was er bisher gehört habe. Dem stern gegenüber verteidigt er die Ausstellung. Sie sei kein Projekt über die Biografie und die Person Jackson, sondern eine Sammlung von Arbeiten über den Einfluss, den der King of Pop auf die Kunst hatte. Tatsächlich sind etwa die Arbeiten von Andy Warhol und David LaChapelle entstanden, als der Pädophilie-Schatten noch nicht in Sicht war. Dennoch wird auch sie die Neubewertung treffen, die Dan Reeds Film auslösen wird.

Was oft ein Dilemma der Kunst ist, wenn die Schattenseiten der Macher oder der Dargestellten sichtbar werden. Es ist ein Dilemma, das auch im Januar beim Sundance-Festival zu spüren war. Einige von denen, die "Leaving Neverland" gesehen hatten, trafen sich anschließend auf Partys, tranken und lachten. Und sie tanzten. Auch zu "Billie Jean" von Michael Jackson.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen: 

"Leaving Neverland": Das ist der Trailer zur Doku über die Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson
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